Vincent Pericard: Vom Million Dollar Boy in den Knast

Als Kind eiferte er Zidane und Milla nach und wechselte mit 17 zu Juve. Pericard strauchelte und fiel. Hier ist seine heftige Geschichte. Selbstmordgedanken und Knast inklusive.

HINTERGRUND

Vincent Pericard lag in seinem 1,20-Meter-Bett und starrte an die Zimmerdecke, die im Halbdunkel ähnlich grau aussah wie der Himmel, der draußen über den West Midlands hinweg zog. Es war still, in seinem Haus und auch draußen, wo die Menschen entweder schon zur Arbeit gefahren waren oder gerade mit ihren Familien frühstückten. Eigentlich hätte Pericard auch aufstehen, seine Sachen packen, in seinen Sportwagen steigen und zum Training von Stoke City fahren müssen. Stattdessen bewegte er nur seine Augenlider beim Blinzeln und gab sonst kein Lebenszeichen von sich.

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Als er eigentlich schon längst in den Queensway, an dem das Trainingsgelände der Potters liegt, eingebogen sein hätte müssen, raffte er sich auf, alleine das kostete ihn unendliche Mühe, wählte die Nummer seines Trainers, presste heraus, dass er krank sei, obwohl er äußerlich kerngesund war, und legte sich wieder ins Dunkel seines Zimmers. Irgendwo, tief in seinem Kopf, tauchte ein Gedanke auf, der heller als der Rest der grauen Masse von Gedanken war. Er wurde immer klarer, immer greifbarer. Als er ihn schließlich zu einem Wort formulieren konnte, erschrak er. Denn er hatte gerade daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, in dem er keinen Sinn mehr sah.

Pericard war in eine Sackgasse geraten, aus der er keinen Weg herausfand. Er war 24, verdiente viel Geld, hatte seinen Kindheitstraum wahrgemacht und hatte Depressionen.

Auswandern, Kameruns Kaiser und Juve-Wechsel

Seine Geschichte begann im Oktober 1982 im Herzen Kameruns, wo er lebte, bis er vier Jahre alt war. Um Arbeit zu finden, entschlossen sich seine Eltern 1986, nach Frankreich auszuwandern. In St.-Etienne, einer Industriestadt im Zentrum Frankreichs, ließen sie sich nieder. Bereits mit sechs Jahren trat er dem örtlichen Fußballverein bei, einem der traditionsreichsten des ganzen Landes, dessen Trikot schon Stars wie Michel Platini, Willy Sagnol oder Laurent Blanc trugen. Und natürlich Roger Milla.

Der neben Samuel Eto'o berühmteste kamerunische Fußballer aller Zeiten spielte von 1984 bis 1986 für Les Verts – und war Pericards großes Vorbild. Er ahmte die geschmeidigen Bewegungen des "Kaisers von Kamerun", wie er später gerufen wurde, nach, mit deren Hilfe Milla für St.-Etienne in 59 Spielen 31 Tore schoss. Milla, obwohl schon nicht mehr bei St.-Etienne, als Pericard kam, war für den kleinen Jungen eine Verheißung, der Beweis, dass er es nach ganz oben schaffen konnte.

Er zeigte großes Talent, wurde in der Jugend jedes Jahr Torschützenkönig, galt als kommender Stern am Fußball-Firmament. Mit 17, wir schreiben das Jahr 2000, hatte er Angebote von fast allen großen Vereinen Europas. Er entschied sich für den Wechsel zu Juventus, das stolze 200.000 Euro für ihn bezahlte. Dort spielten Stars wie Zinedine Zidane und David Trezeguet, Ikonen in Frankreich, seit sie zwei Jahre zuvor im eigenen Land Weltmeister geworden waren.

GFX Vincent Pericard

The Man Who Will Be Worth Billions

Ein Filmemacher witterte das große Geld, als er Pericard schnelle, kraftvolle Bewegungen auf dem Platz sah. Er überredete die Eltern des Jungen, eine Dokumentation machen zu dürfen. Er begleitete Pericard, skizzierte das Bild eines angehenden Superstars. Der Titel: "The Man Who Will Be Worth Billions". Der Mann, der Millionen wert sein wird. Million Dollar Baby mit einem 17-Jährigen als Hauptfigur.

Bei der Alten Dame wurde Pericards mit voller Wucht vom Kulturschock getroffen wie schon so viele vor und nach ihm. Er war jetzt der Neue, einer unter vielen. Er war der, über den schon eine Dokumentation gedreht wurde. "Bei einem Wechsel ins Ausland wird man mit vielen Dingen konfrontiert", sagt Werner Mickler gegenüber Goal. "Zum einen ist da natürlich die sprachliche Barriere, die am Anfang sehr einsam machen kann. Zum anderen ist das die neue Kultur. Nichts ist so, wie man es kennt. Das kann Angst machen. Zusätzlich belastet natürlich der psychische Druck. Denn von einem, der so gut ist, dass er jung vom Verein verpflichtet wird, wird natürlich auch erwartet, das zu rechtfertigen."

"Der Dokumentarfilm hat mich gezwungen, erfolgreich zu sein. Die Leute waren eifersüchtig und ich wollte es ihnen allen zeigen", sagt Pericard. Er hatte Heimweh, vermisste seine Eltern, seine Kollegen bei St.-Etienne, die zu ihm, ihrem Superstar, aufschauten. Mit dem taktisch geprägten Fußball kam er überhaupt nicht zurecht.

Plötzlich kamen die Depressionen

Nach nur zwei Jahren wurde er an Portsmouth verliehen, ehe er 2003 für 600.000 Pfund ganz verkauft wurde. Im tiefen englischen Süden, wo alles familiärer war, die Medien nicht so auf ihn einstürzten wie in Turin erlebte er die einzigen beiden glücklichen Jahre seiner Erstliga-Karriere.

"Das größte Highlight meiner Laufbahn war die Premier League mit Portsmouth. Dort habe ich die Liebe der Fans wirklich gespürt und den Fußball genossen", so Pericard. Unter Harry Redknapp, den er noch heute als besten Trainer seiner Karriere bezeichnet, entwickelte er sich, hatte wieder Spaß am Spiel.

Gerade, als er die Kurve zu bekommen schien, als er mit Portsmouth Premier League spielte, kamen die Verletzungen. Sie warfen ihn mehr als einmal aus der Bahn, kosteten ihn schließlich seinen Platz im Team – und erstmals kamen die Depressionen, die wie Wolken plötzlich am Horizont auftauchten.

Tiefpunkt Gefängnis

Er wurde verliehen, hatte einige überragende Spiele bei Plymouth, wurde 2006 aber dennoch an Stoke verkauft. Er, der immer ein familiäres Umfeld brauchte, hatte dort keinen Welpenschutz mehr, war er doch inzwischen 24. Er verletzte sich wieder und wenn er spielte, beschimpften ihn die Fans als Fehleinkauf und pfiffen ihn aus. Die Depressionen drückten ihn immer kraftvoller nieder und machten an manchen Tagen selbst das Aufstehen aus seinem Bett unmöglich.

"Manche Menschen haben suizidiale Tendenzen", sagte Pericard 2016, zehn Jahre nach dem Albtraum, der Sun. "Es kam mir in den Sinn, auch wenn ich es wahrscheinlich nie gemacht hätte. Ich musste um jeden Zentimeter kämpfen. Ich konnte so nicht weiter machen. Ich war einsam, hatte niemanden zum Reden. Am Morgen ins Training zu gehen, war eine große Herausforderung. Ich wollte kein Fußball mehr spielen."

GFX Vincent Pericard

Im Jahr 2007 kamen die Gedanken an Selbstmord immer häufiger und Pericard war am Tiefpunkt. Er wurde mit seinem Sportwagen mit fast 170 km/h geblitzt, log in seiner Angst und Verzweiflung, sagte, sein Vater sei am Steuer gesessen. Sechs Wochen vor seinem 25. Geburtstag wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

"Das Gefängnis war der tiefste Punkt meines Lebens. Ich sah keinen Ausweg mehr und war an einem dunklen Ort", sagte er er football365.fr. "Ich hatte Angst, mein Kopf würde explodieren. Ich war dort drinnen mit Drogendealern, Pädophilen, Vergewaltigern und Leuten, die versucht hatten, jemanden zu töten. Es war die härteste Zeit, die ich jemals durchleben musste."

"Plötzlich jeden Tag Weihnachten"

Seine früheren Trainer Harry Redknapp und Teddy Sheringham setzten sich für ihn ein, setzten durch, dass er nach fünf Wochen entlassen wurde - und nach dem Betreten des Bodens außerhalb der Mauern als freier Mann war alles anders.

"Plötzlich war jeden Tag Weihnachten", sagt Pericard. Er holte sich professionelle Hilfe, spielte noch weitere fünf Jahre Fußball. In den englischen Non-Leagues fand er seinen Spaß am Spiel zurück. Und die Fans liebten ihn.

Denn hier, in den Niederungen des englischen Fußballs konnte er zeigen, was in ihm steckt. Einfach weil er besser war als seine Gegenspieler. Er dribbelte, wandt sich durch Abwehrreihen, erzielte Tore. 

Heute hilft er Talenten, wie er eines war

Heute sind die schwarzen Schatten verschwunden, er ist glücklich. Er hat das Unternehmen "Elite Welfare Management" gegründet, das Spielern aus dem Ausland bei genau den Problemen helfen soll, die Werner Mickler beschrieben hat und die ihn selbst zu Fall brachten. Er engagiert sich gegen Rassismus und studiert Betriebswirtschaftsehre. 

"Ich hatte Talent, ja, aber ich hatte nicht die Liebe und die Leidenschaft", sagt er. "Und wenn man die nicht hat, verliert man sich selbst. Kleine Dinge hätten einen riesigen Unterschied gemacht."

Wenn Vincent Pericard heute in seinem Bett liegt und nach draußen guckt, können ihm die dicken Wolken nichts anhaben. Denn er weiß, dass irgendwann auch wieder die Sonne auftaucht. Und überhaupt: Zum Liegenbleiben ist keine Zeit mehr. Seine Kinder warten, die mit ihm spielen wollen. Wenn er die Tür öffnet und das helle Kinderlachen hört, dann atmet er tief ein, ehe er zu ihnen geht - und fühlt sich lebendig.