Ajax Amsterdam: Per Jugendstil auf den Spuren der Legenden

Eine Youngster-Auswahl holte den größten Vereinserfolg. Jetzt hat Ajax wieder ein Team, das nicht gleich auseinanderfallen könnte, muss sich aber üblichen Problemen stellen.

HINTERGRUND

Unter dem tosenden Applaus der rund 50.000 Zuschauer von den Rängen tritt er aus der Traube von Spielern hervor und macht sich bereit für den großen Moment. Wenige Augenblicke später reckt Danny Blind die begehrte Trophäe in den Nachthimmel von Wien. Das höchste aller Gefühle. Ajax Amsterdam hat sensationell die Champions League gewonnen.

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Im Finale 1995 im Ernst-Happel-Stadion sorgt 18-jährige Patrick Kluivert in der 85. Minute für den Siegtreffer zum 1:0. Damit stürzt er das favorisierte Milan ins Tal der Tränen. Aus der Traum von der Titelverteidigung für die Rossoneri – durch einen, der gerade einmal so volljährig ist.

Milan sieht alt aus: Die "Ajax-Jugend" gewinnt

In Wien war es auch das Duell jung gegen alt: Das junge und hungrige Ajax mit Taktikfuchs Louis van Gaal an der Seitenline gegen Fabio Capello und seine Abwehrspezialisten aus der Serie A. Gerade einmal 24,7 Jahre betrug das Durchschnittsalter der Startelf des Endspiels aufseiten von Ajax. Im gesamten Kader betrug das Alter gar nur 22,8 Jahre.

Standen beim Champions-League-Sieg 1995 noch Jungspunde und spätere Topstars wie Patrick Kluivert (18 Jahre), Ronald De Boer (24), Marc Overmars (22), Jari Litmanen (24), Clarence Seedorf (19), Edgar Davids (22) oder Edwin van der Saar (24) auf dem Rasen, steht jetzt die nächste Generation in den Starlöchern. Keine Ausnahme, sondern ein Trend, der beim niederländischen Rekordmeister früher wie heute gelebt wird.

Nur Westermann und Boer heben den Schnitt

Der Jugendstil ist es, der Ajax auch in der aktuellen Saison auszeichnet. Gar nur 22,6 Jahre zählt der Kader aktuell im Durchschnitt – und ist damit der jüngste der Eredivisie. Und wären die Grandseigneurs Heiko Westermann (33) und die Nummer zwei im Tor, Diederik Boer (36), nicht mit von der Partie, der Altersschnitt wäre nochmals niedriger.

Trotzdem fährt der Klub damit eine erfolgreiche Strategie: Mit aktuell 55 Punkten liegt das Team von Trainer Peter Bosz auf Tabellenplatz zwei, fünf Zähler hinter dem Spitzenreiter aus Rotterdam. Und das Team hat einen Lauf. Die letzte Liga-Niederlage musste man im vergangenen Dezember gegen Enschede hinnehmen. Seitdem stehen auf nationalem Parkett ein Unentschieden und zuletzt fünf Siege in Folge auf den Spielberichtsbögen. Die Entscheidung im Meisterrennen ist noch lange nicht gefallen.

Dolberg an der Spitze der Ajax-Jünglinge 

Der Kader ist wieder einmal voll mit hoffnungsvollen Talenten. Dank der hervorragenden Jugendarbeit und dem glänzenden Auge seiner Scouts schafft es der Klub aus der niederländischen Hauptstadt stets, Talente aus ganz Europa an Land zu ziehen und sie schnell in die Profimannschaft einzubinden.

Geht man die Liste der Spieler mit den meisten Einsätzen durch, sticht das Festhalten am Ajax-Jugendstil einem schon bei der Position des Torhüters ins Auge: Andra Onana, ein 20-Jähriger aus Kamerun ist die etatmäßige Nummer eins.

Auch die Viererkette vor ihm besticht durch eine jugendliche Mischung: Die Innenverteidigung bilden der 20-jährige Davinson Sanchez (mehr zu Davinson Sanchez und seiner jungen Karriere – hier entlang) und der etwas erfahrenere Nick Viergiever mit 27 Jahren. Flankiert werden beide in aller Regel von Daley Sinkgraven auf links (21) und Joel Veltman (25).

Im Mittelfeld sorgt einzig und alleine Lasse Schöne für den Einzug von Attributen wie Alter oder Erfahrung. Der 30-Jährige bildet den Fixpunkt und lässt seine jungen Nebenleute an seiner Abgeklärtheit teilhaben. Davy Klaasen (24), Amin Younes (23) Hakim Ziyech (23) oder Bertrand Traore (21) danken es ihm.

Sollte einer der Stammkräfte ausfallen, kann Ajax in allen Mannschaftsteilen auf ähnlich junge Spieler zurückgreifen. Die Möglichkeiten, sich in der Stadt mit den tausend Grachten zu entwickeln sind nahezu paradiesisch.

Der Knackpunkt und ein weiteres Problem  

"Er hat bemerkenswerte Qualitäten: Geschwindigkeit, Technik, Spielintelligenz und ein gutes Kopfballspiel", bilanzierte Ajax-Scout Steen Olesen (mehr zu Steen Olsen, dem Godfather der Scouts - hier entlang) im Ekstra Bladet über das vielleicht größte Juwel des Vereins: Kasper Dolberg. Der 19-jährige Däne ist der absolute Youngster im Angriff und hat sich mir seinen bislang 13 Saisontoren bereits auf die Notizzettel beinahe aller europäischen Top-Klubs gespielt.

Kasper Dolberg Ajax Lüttich 29092016Bereits mit 19 Jahren enorm abgezock: Kasper Dolberg (M.)

Und genau hier liegt der Knackpunkt. Von der europäischen Spitze ist Ajax derzeit so weit entfernt wie Amsterdam vom Mittelmeer. Der Klub ist heute mehr denn je ein absoluter Ausbildungsklub für die Eliteklubs des europäischen Kontinents geworden. Heißt, spielt ein Spieler gut, wird er dermaßen umgarnt, dass es schwer wird, ihn in der Amsterdam Arena zu halten.

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Zuletzt verlor man Stürmertalent Arkadiusz Milik an Neapel, in der jüngeren Vergangenheit verließen Namen wie Daley Blind (jetzt Manchester United), Christian Eriksen, Toby Alderweireld, Jan Vertonghen (alle jetzt Tottenham Hotspur), Greogory van der Weil (jetzt Fenerbahce) und Luis Suarez (jetzt FC Barcelona) den Klub.

Ein zweites Problem ist, das Ajax aber nicht exklusiv hat, sondern – einem Flächenbrand gleichend – sich durch die ganze niederländische Beletage zieht: Viele junge Talente wollen die Liga und die Klubs sowie deren fantastische Ausbildungsmöglichkeiten nutzen, um in Europa Fuß fassen zu können.

Luis Suarez und Co. – viele verlassen Ajax

Doch man hat gelernt, damit zu leben. Seit Jahrzehnten müssen die Verantwortlichen der Weiß-Roten immer neue Talente finden, formen und wieder abgeben. Mehr als 30 Scouts durchkämmen die kleineren Klubs des Landes, andere europäische Ligen, die unterhalb des großen Radars fliegen, eifrig nach Talenten. Die Kriterien, die ein Spieler mitbringen muss, um bei Ajax eine Rolle spielen zu können, sind dabei klar abgesteckt: Technik, Intelligenz, Persönlichkeit und Schnelligkeit müssen zwingend in überdurchschnittlichem Maße vorhanden sein.

So haben es aktuell sieben Spieler aus der eigenen Akademie in den Kader der Profis geschafft. Heißeste Aktie dabei: Justin Kluivert, Sohn des Champions-League-Siegtorschütze von vor beinahe 22 Jahren.  Seine Marschroute dabei ist klar, wie er im Winter gegenüber dem Blatt De Telegraaf verraten hat. Und die passt ins ajax'sche Schema wie die Faust aufs Auge: "Ich will mein Debüt als Profi bei Ajax feiern, weil es einfach mein Klub ist. Danach will ich mich zu den besten Spielern hier entwickeln, mehr Tore erzielen, als es mein Vater geschafft hat und erst danach will ich über einen Transfer nachdenken."

Nächste Chance: Europa League und Kopenhagen

Aber aktuell scheint es so, als könne Ajax sein Jungteam noch die nächsten Jahre zusammenhalten – so jung sind die Akteure. Und vielleicht können die Rohdiamanten ja bereits in der aktuellen Saison für den nächsten europäischen Coup sorgen. In der Europa League steht man im Achtelfinale und hat mit dem FC Kopenhagen eine lösbare Aufgabe vor der Brust (alle Auslosungen der Europa League im Überblick).

Druck, unbedingt das Ding gewinnen, bekommt das Gebilde bei Ajax ohnehin nicht. Denn in der Großstadt wissen sie, dass die Szenen von Blind und Co., die berauschende Nacht von Wien eine Ausnahme in der Klubhistorie war. Doch Hoffnungen, diese Bilder, jubelnde Ajax-Spieler auf der ganz großen Bühne, zu sehen, existieren in den Hinterzimmern mit Gewissheit. Wenn sie es schaffen, dann nur mit der Jugend, ganz Ajax-like – mit was auch sonst.