Expected Goals: Robben und Co. - Die wahren BL-Torjäger

Welcher Spieler macht wieviel aus seinen Möglichkeiten? Opta hat mit den "Expected Goals" ein System entwickelt, das sämtliche Faktoren beim Torabschluss berücksichtigt.

"Den muss er doch machen!" Diese eindeutige Aufforderung kennt der gemeine Fußball-Fan aus dem heimischen Wohnzimmer wie auch vom Stammtisch in der Kneipe nur zu gut. Doch wie hoch kann die Erwartung wirklich sein, dass ein Spieler das Tor trifft? Das hängt von vielen Faktoren ab. Von der Entfernung und dem Winkel zum Tor, ob der stärkere oder schwächere Fuß oder der Kopf benutzt wurde, wie gut die Vorlage vom Mitspieler war - und einer Vielzahl anderer Faktoren. Elfmeter werden hierbei nicht berücksichtigt. 

Um die Performance eines Spielers beim Torabschluss zu bewerten, hat Opta einen Indikator entwickelt – die Expected Goals (xG), also sozusagen die zu erwartenden Tore aufgrund der Position beim Torschuss. 

Müllers Torkrise erklärbar?

Im ersten Teil wird der Fokus auf die Bundesliga-Spieler gerichtet, deren Hauptaufgabe das Toreschießen ist. Ein Rätsel, das Goal löst, ist die Leistung von Thomas Müller in dieser Spielzeit. Ein einziges Tor erzielte der sonst so eiskalte Nationalspieler 2016/17 – und das bei 32 Abschlüssen. In der Vorsaison hatte er am Saisonende 20 Tore (inkl. fünf Elfmeter) auf dem Konto, für die er 94 Schüsse abgab.

Gemäß der Expected Goals hätte Müller in der laufenden Spielzeit 3.49 Tore schießen müssen. Da er nur eines geschossen hat, liegt sein Wert bei -2.49. Während Müller dies lapidar mit "Scheiße am Stiefel" erklärt, gehen wir tiefer in die Analyse: Hat sich seine Position, von der aus er zum Abschluss kommt, im neuen System von Carlo Ancelotti entscheidend verschlechtert – oder geht Müller einfach zu verschwenderisch mit seinen Möglichkeiten um?

Zweiteres ist der Fall, denn der Großteil seiner Abschlüsse in der laufenden Saison gab er aus einer guten Position innerhalb des Strafraums ab. Vier seiner fünf Großchancen vergab er jedoch. Gerade hierbei war er in der Vorsaison noch einer der Besten, als er 62.5 Prozent seiner Großchancen im Tor unterbrachte. Der verlorene Torinstinkt spiegelt sich auch bei den Expected Goals aus der vergangenen Saison wider.

Denn Müller schoss 2.27 Tore mehr, als zu erwarten gewesen wären. Die Lösung zum Rätsel Müller ist also weniger in taktischen Veränderungen zu suchen, sondern vielmehr auf mentaler Ebene. Der Nationalspieler muss wieder zu seiner eigentlichen Gabe zurückfinden, aus dem Nichts ein Tor zu machen, Räume zu deuten. Vom Glück geküsst ist Müller momentan allerdings auch nicht - dreimal verhinderte das Aluminium ein Müller-Tor.

GFX Müller_Expected Goals

Parade-Beispiel Arjen Robben

Doch Müller ist nicht der einzige Nationalspieler, der hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Mario Gomez kommt ebenfalls immer wieder aus aussichtsreicher Position zum Abschluss, machte aber vor allem vor der Winterpause zu wenig daraus. Er hat 2.95 Tore weniger erzielt, als zu erwarten gewesen wären - damit ist er Schlusslicht unter den bewerteten Spielern.

Zurück zu Müller: Bestes Anschauungsmaterial, wie man seine Chancen nutzt, bekommt er im täglichen Training. Denn Arjen Robben ist aktuell der Bundesliga-Spieler, der die meisten Tore über den Erwartungen liegt. Sechs Tore hat der Niederländer geschossen, zu erwarten wären anhand seiner Abschlusspositionen nur 2.42 gewesen. Woran liegt das?

Robben schießt selten Tore aus kurzer Distanz, zumeist zirkelt er den Ball mit seinem linken Fuß aus einer Position in die Maschen, die die Mehrzahl der Spieler als schwierig bezeichnen würde. Das Talent, aus weniger aussichtsreichen Positionen zu treffen, haben auch Freiburgs Maximilian Philipp und Bremens Serge Gnabry. Entsprechend hoch ist ihre Platzierung in der Rangliste der Expected Goals.

Über den Erwartungen traf auch Pierre-Emerick Aubameyang ins Schwarze, der fast drei Tore mehr schoss als zu erwarten gewesen wären. Seine wohl größten Konkurrenten im Rennen um die Torjäger-Kanone laufen ein gutes Stück hinterher: Während Anthony Modeste 1.40 Tore mehr schoss als erwartet, trifft Robert Lewandowski, wie man es erwarten könnte - 12 Tore erzielte er (exkl. Elfmeter), 12.4 wären für den Polen drin gewesen.

GFX Arjen Robben_xG

Zum Glück hat der FC Bayern genügend Spieler, die Thomas Müller während seiner Tor-Krise als wahre Torjäger vertreten können. So erzielte der amtierende Meister und aktuelle Tabellenführer laut Opta durchschnittlich 6.32 Tore mehr, als zu erwarten gewesen wären und führt das Ranking gemeinsam mit Hertha BSC an.

Schlusslicht ist der VfL Wolfsburg, der um 7.4 Tore hinter den Erwartungen blieb. Kein Wunder also, dass mit Mario Gomez der Spieler mit der größten Diskrepanz bei den Expected Goals das Wölfe-Trikot trägt. Beim Stammtisch oder auch im Wohnzimmer kann man nun mit Expertenwissen angeben. Denn so einfach wie der Satz "Den muss er doch machen" ist es im Fußball eben auch nicht.