Beiersdorfers unwürdiges Ende beim HSV

Reiner Calmund verkündet noch vor dem Aufsichtsrat die Trennung von Dietmar Beiersdorfer. Sein Nachfolger wird Ex-Frankfurt-Boss Heribert Bruchhagen.

HINTERGRUND

Dietmar Beiersdorfer ist nicht mehr Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV. Dies bestätigte der Verein am Sonntagabend auf seiner Homepage. "Wir als Aufsichtsrat bedanken uns bei Dietmar Beiersdorfer stellvertretend für alle HSVer ausdrücklich für seine unermüdliche Arbeit, die in vielen Bereichen, aber eben leider nicht im Kerngeschäft Fußball-Bundesliga, erfolgreich war", begründet der Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gernandt die Trennung.

Heribert Bruchhagen wird Dietmar Beiersdorfer als Vereinsboss ersetzen. Der 68-Jährige übernimmt die Fachbereiche Sport und Kommunikation. Eine seine ersten Aufgaben ist die Suche nach einem neuen Sportchef.

Inhaltlich ist die Entscheidung des Aufsichtsrates richtig. Beiersdorfer ist es in den letzten zweieinhalb Jahren trotz enormer Investitionen in den Kader von 90 Millionen Euro nicht gelungen, den HSV nachhaltig zu stabilisieren. Im ersten Jahr unter seiner Führung sind die Rothosen nur mit viel Glück nicht abgestiegen. Zudem lag er bei vielen Personalentscheidungen daneben, erhöhte die Abhängigkeit zu Investor Klaus-Michael Kühne und führte den HSV finanziell beinahe in den Ruin. Kritik erntete er auch wegen seiner selten überzeugenden Ansprachen in der Öffentlichkeit. Über den Zeitpunkt der Verkündung lässt sich derweil streiten. Er kommt definitiv einige Wochen zu spät und erschwert Bruchhagen mangels Zeit zur Vorbereitung auf die Wintertransferperiode den Einstieg.

Verkündung erst nach Schalke-Spiel vorgesehen

Beiersdorfer selbst wollte sich kurz nach dem 1:0-Sieg des HSV gegen den FC Augsburg trotz anhaltender Gerüchte über seine Zukunft noch nicht äußern. Im Umfeld des Vereins wurde spekuliert, dass seine Entlassung erst nach dem letzten Spieltag des Jahres gegen den FC Schalke 04 verkündet werden würde. So weit kam es aber nicht mehr. "Die Entscheidung des Aufsichtsrates wurde mir am vergangenen Dienstag im persönlichen Gespräch und am Donnerstag schriftlich mitgeteilt. In Anbetracht unserer sportlichen Situation und mit dem Wissen, alle Kraft und Energie unseres Klubs auf die letzten drei Spiele des Jahres zu fokussieren, habe ich von einer Veröffentlichung abgesehen“, erklärte Beiersdorfer auf via hsv.de.


Heribert Bruchhagen wird ab Mittwoch das Amt des Vorstandsvorsitzenden übernehmen

Laut Reiner Calmund, kürzlich noch enger Berater von Kühne, wusste Beiersdorfer allerdings schon vor dem Spiel in Darmstadt, dass seine Zeit in Hamburg beendet ist. Dies habe er Calmund sogar persönlich bestätigt. Welch ein Irrsinn. Calmund, der zu Beginn der Talksendung Sky90 darauf hinwies, seiner Frau versprochen zu haben, öffentlich nicht mehr über den HSV zu sprechen, plauderte erneut Interna aus und erhöhte somit den Druck auf den Aufsichtsrat, die Entscheidung über Beiersdorfers Entlassung publik zu machen. Dabei wirkte der Verein wie so oft in den letzten Monaten von den vielen Meldungen und kursierenden Gerüchten getrieben. Calmunds Auftritt und des HSV spätere Reaktion waren nur der Gipfel einer Serie voller Pleiten, Pech und Peinlichkeiten.

Calmund verkündete Beiersdorfers Entlassung

"Es gilt und galt immer, Unruhe so weit wie möglich zu vermeiden, um den Fokus auch weiterhin allein auf die Mannschaft und ihre Leistung auf dem Platz zu legen", sagte Gernandt. Gelungen ist es ihm nicht. Immer wieder sickerten Informationen über Gespräche mit Bruchhagen an die Öffentlichkeit und sorgten im Verein für Unruhe. Eine fokussierte Kaderplanung war aufgrund der ungeklärten Lage in der Chefetage kaum möglich. Trotz großer Zweifel an Beiersdorfers Arbeit ließ sich der Aufsichtsrat mit der Suche nach einem Nachfolger viele Wochen Zeit. Widersprüchliche Aussagen von Gernandt in der Öffentlichkeit bestärkten den Eindruck völliger Ratlosigkeit.

Unterdessen bleibt zunächst unklar, wie es kurzfristig auf sportlicher Ebene weiter gehen wird. Beiersdorfer soll bis zum Jahresende eine geordnete Übergabe seiner Bereiche sicherstellen. Heißt: An einigen Entscheidungen könnte er noch beteiligt sein, zum Beispiel am Verkauf des Brasilianers Cleber oder am Kauf eines neuen Innenverteidigers. Was aber, wenn der neue Sportchef nicht hinter diesen Entscheidungen steht? In seinen letzten Tagen beim HSV wird Beiersdorfer also selbst noch mal zur "Lame Duck". Ein unwürdiges Ende.