Samed Yesil: Der tragische Kampf des Wunderstürmers

Samed Yesil galt als größtes Stürmertalent Deutschlands und wechselte nach nur einem Bundesligaspiel zu Liverpool. Dort scheiterte er tragisch. Nun kämpft um seine Zukunft.

Mit einem dumpfen Geräusch landet der Ball im Netz, das sich nach hinten ausdehnt und ihn dann aufgrund der Wucht des Schusses wieder nach vorne katapultiert. Der Torschütze verzieht keine Miene, sondern dreht ab, um es noch einmal zu versuchen. Und dann nochmal. Und dann nochmal. Denn die Zeit für Späße ist lange vorbei, Samed Yesil spielt um seine Zukunft. Mitte Oktober 2016 trainiert der mittlerweile 22-Jährige bei Hansa Rostock mit. In der Hoffnung, in der 3. Liga einen Vertrag zu bekommen.

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Es geht um seine Existenz als Fußballprofi. Der ehemals talentierteste Stürmer Deutschlands steht am Abgrund. Hinter ihm liegen Jahre des kometenhaften Aufstiegs und Jahre des schmerzhaften Aufprallens auf dem Boden, von denen er sich bis heute nie ganz erholt hat.

"Er traf immer"

Vor zwölf Jahren war alles anders. Nur das dumpfe Geräusch des mit dem Netz zusammenprallenden Balles war schon damals sein Begleiter. 1994 in Düsseldorf geboren, kickte er in Krefeld in jeder freien Minute. Und er hatte etwas Besonderes. "Samed hatte eine solche Freude am Spielen, dass er am liebsten jede freie Minute gekickt hätte", sagt Christian Gerber, der ihn als Kind trainierte, gegenüber Goal. "Und er schoss Tore, das können Sie mir glauben. Er traf immer, egal wie, egal von wo."

Mit elf absolvierte er ein Probetraining bei Bayer Leverkusen und auch beim großen Bundesligisten sah man sofort, dass man es mit einem Ausnahmetalent zu tun hatte. Er reifte am Niederrhein, legte an Muskelmasse zu, wurde zu einem pfeilschnellen, athletischen Stürmer. Der Instinkt vor dem Tor blieb. Er wurde eigentlich immer Torschützenkönig, das dumpfe Geräusch war wie Musik in seinen Ohren und fiel ihm teilweise gegen überforderte Gleichaltrige so leicht wie das Atmen der Luft um ihn herum.

Mit 14 in der U17, mit 16 in der U19

Bereits als 14-Jähriger durfte er bei den drei Jahre älteren debütieren und traf in seinem zweiten Spiel für die U17, eine Minute nachdem er eingewechselt worden war. Sein damaliger Trainer Johann Rieckhof war sich sicher, dass er es nach ganz oben schaffen würde: "Er hatte alles. Und dazu arbeitete er hart an sich. Er wollte sich immer verbessern. Diese Kombination, vor allem bei dem Talent, garantiert eigentlich fast, es zu schaffen."

Und es kam zunächst wie vom Trainer prophezeit. Mit 15 schoss er 13 Tore in 25 U17-Bundesliga-Spielen und Bayer zum Meistertitel in der Bundesliga West. Im deutschen Finale verlor man gegen Eintracht Frankfurt mit 0:1 nach Verlängerung. Rieckhof hatte Yesil vorher vom Feld genommen: "Er war stocksauer, weil er machtlos mit ansehen musste, wie sein Team verlor, und weil er sich sicher war, dass er noch getroffen hätte."

Denn er war immer selbstbewusst, glaubte an sich und seine Fähigkeiten. Das tut er noch heute. Und das zurecht. Denn sein Instinkt ließ ihn eigentlich nie im Stich. Im zweiten U17-Jahr schoss er fabelhafte 22 U17-Tore, obwohl er nur 14 Partien absolvierte. Der Grund: Mit 16 durfte er bereits bei den A-Junioren reinschnuppern und traf auch dort zweimal.



Es ging immer weiter, der Aufstieg schien keine Grenzen zu kennen. In der U19 schoss er 21 Tore in 30 Spielen und auch in den deutschen U-Nationalmannschaften traf er nach Belieben. Sie nannten ihn in Anlehnung an den großen Gerd Müller 'Gerd'. In der deutschen U17 traf er 20-mal in 22 Einsätzen – Rekord! "Er kann jederzeit ein Spiel für uns entscheiden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er trifft", reihte sich auch der damalige U17-Nationaltrainer Steffen Freund ein.

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2011 fuhr Yesil mit der U17 zur WM nach Mexiko und sorgte an der Reihe von Kapitän Emre Can für Furore. Am Ende wurde das DFB-Team Dritter, Yesil gewann mit sechs Toren den Silbernen Ball des zweitbesten Torschützen des Turniers. Bei Juniorenturnieren, gerade bei denen der U17, sitzen die Scouts in Scharen auf den Tribünen. Und Yesil war plötzlich in den Notizbüchern sämtlicher Top-Klubs der Welt. Er nahm bei Bayer im April 2012 noch sein Profi-Debüt mit, ehe er im Sommer, mit gerade einmal 18 Jahren, das Angebot des FC Liverpool annahm, der 1,3 Millionen Euro für ihn auf den Tisch legte.

"Traum, für Liverpool zu spielen"

Sportchef Völler hatte viel versucht, um ihn zu halten. "Wir haben ihn ziehen lassen, weil wir relativ viel Geld bekommen haben. Wir halten weiter die Hand drauf und werden ihn zurückholen, wenn er sich weiterentwickelt", erklärte der Sportchef und sagte, dass das ein mutiger Schritt sei. Yesil war das egal, er war immer jemand, der mutig ist, der sich traut, Risiken einzugehen. Einfach weil er weiß, was er kann.

Und so war es ein völlig realistisches Ziel, als er damals sagte: "Ich hoffe, dass ich in ein oder zwei Jahren in der ersten Mannschaft spielen kann. Es ist ein Traum, für Liverpool zu spielen." Aus Leverkusen, dem gewohnten Umfeld Westdeutschlands, ging es nun auf die Insel. Wie das bei unerfahrenen, jungen Spielern so ist, ein großer Schritt. Neue Sprache, neue Mitspieler, neue Trainer, neues Leben.

Trotz einiger Probleme lief der Plan des Samed Yesil weiter. Im September 2012 debütierte er im League Cup für die Profis. Auf der Bank damals übrigens der heutige Star Raheem Sterling. In der zweiten Mannschaft bekam er seine Einsätze, erzielte auch seine ersten Tore. Der nächste Schritt hin zu greifbar nahen großen Karriere war gemacht.

Verhängnisvoller Kreuzbandriss

Es kam der verhängnisvolle 13. Februar 2013. Ein Tag, den Yesil nie vergessen wird. Eine Bewegung, die er schon so oft im Training gemacht hatte, ein plötzlicher stechender Schmerz im rechten Knie – Kreuzbandriss. "Wir werden ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen und hoffen, dass er schnell wieder zurück ins Spiel findet", sagte der damalige deutsche U18-Trainer Christian Ziege noch, ohne zu wissen, dass es nie wieder so werden würde, wie es mal war.

Yesil flog in die Heimat, in einem Mannschaftssport wie Fußball ist das am bittersten, dass das Team weitermacht und man selbst einsam schuften muss. Und das Tag für Tag. Gerade für einen wie Yesil, der die Leichtigkeit gepachtet zu haben schien, war das ein schwerer Schlag. Auch im Kopf. Denn sein Plan war nun nicht mehr einzuhalten. Es kommt erschwerend hinzu, dass englische Klubs oft auf Quantität setzen, frei nach dem Motto: 'Einer wird es schon schaffen'. Wenn sich also einer verletzt, drängen andere nach und nehmen dessen Platz ein.

Er quälte sich jeden Tag für seinen Traum von der Anfield Road und dem dumpfen Geräusch eines erzielten Tores, gefolgt von ohrenbetäubendem Jubel aus tausenden von Kehlen. Und er schaffte es mit eisernem Willen, sich wieder an die zweite Mannschaft ranzukämpfen. Denn seine Qualität war ungebrochen. Quantität hin oder her. Am 2. Dezember 2013 traf er gegen Aston Villa. Er spielte nicht so leichtfüßig und selbstverständlich, aber seine Technik auf engstem Raum, sein Instinkt, sein Abschluss; all das war noch immer da.  

Im Januar, nur Wochen nach seinem ersten Tor nach der Genesung eine Bewegung, ein Schmerz – wieder Riss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie. Fünf Monate vor seinem 20. Geburtstag stand er vor den Trümmern einer am verheißungsvollsten begonnenen Karriere im deutschen Fußball überhaupt. Denn ein zweiter Kreuzbandriss bedeutet meistens einen Karriereknick, nicht selten sogar das Ende.

Doch er kämpfte weiter. Wieder Reha, wieder Einsamkeit, wieder die immer kreisenden Gedanken und das Warum-ich-Denken, das jeder Sportler, der eine solche Phase mehrfach durchmachen muss, hat. Er schaffte es wieder auf den Rasen, arbeitete sich Zentimeter um Zentimeter nach vorne. Und er schafft es wieder. Auch wenn er jetzt verkrampfter wirkte, wohl aufgrund des Drucks, es jetzt allen zeigen zu müssen, um es noch nach oben zu schaffen, hatte er wieder Glanzmomente, die sein enormes Talent zum Vorschein brachten.

Im April 2015 erzielte er gegen Tottenhams U21 einen Doppelpack. Und dennoch reichte es nicht. Denn seine Mitspieler waren nun teilweise drei Jahre jünger, mit 21 war der Druck da, es nun endlich zu den Profis schaffen zu müssen. Natürlich war dies eine Utopie. Denn kein Spieler der Welt, der erst eine handvoll Profispiele hat, kann nach zwei schweren Verletzungen das Tempo eines Spitzenteams wie Liverpool mitgehen.

Bittere Erfahrung in der Schweiz

Der Ausweg: eine Leihe in die Schweiz zum FC Luzern. Swisspoarena statt Anfield Road. Doch der Knoten platzte nicht, denn auch die Super League ist inzwischen eine Liga mit gutem taktischen Niveau und einigen starken Talenten. Obwohl er in den ersten beiden Spielen mit einem Tor und einer Vorlage glänzte, scheiterte er. Es kam nur ein einziges Assist in 14 Spielen hinzu. Zwischenzeitlich musste er sogar in der zweiten Mannschaft ran. Vierte Schweizer Liga. Sein Hattrick war alles andere als ein Trost.

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Und so war im Sommer 2016 nach seiner Rückkehr aus Luzern klar, dass es bei Liverpool nicht weiter gehen würde. Trotz Klopp, der doch noch einmal Hoffnung gemacht hatte. "Als ich gehört habe, dass er Trainer wird, dachte ich, 'oh wie cool'. Er ist bekannt dafür, auf junge Spieler zu setzen", sagte Yesil noch Ende 2015.

Spielen um die Existenz

Ein knappes Jahr später ist Samed Yesil auf dem Weg nach Rostock. Er hat keinen neuen Verein gefunden, auf eine Goal-Anfrage lässt er antworten, er wolle sich ganz auf seine Karriere konzentrieren und spreche derzeit nicht mit der Presse. Etwa 1000 Kilometer von Liverpool entfernt und 500 von Leverkusen, wo sie startete, seine Karriere, die so groß werden sollte, spielt er um seine Zukunft. Für einige kurze, wunderbare Momente zählt nur der Ball und das Tor und es ertönt das dumpfe Geräusch, das einst so selbstverständlich zu ihm gehörte.

Dennoch heißt es am Ende von Hansa-Trainer Christian Brand: "Wir werden ihn jetzt nicht holen, haben ihm aber angeboten, im Winter zurückzukommen." War es die Leistung? Hat es mit Gehalt zu tun? So oder so, für Yesil heißt es: Weiter warten. Warten auf den Neunten der 3. Liga, der Liga, für die er eigentlich noch immer zu gut ist. "Bundesliga. Das dachten wir alle", sagt Gerber. "Da waren wir uns alle sicher. Aber wer weiß. Vielleicht schafft er es ja doch noch."

Im April wird es fünf Jahre her sein, dass Yesil in Deutschlands Beletage debütierte. Er wird dann, wenn er Glück hat, gegen Mannschaften wie Zwickau und Großaspach spielen. Ihm wird es egal sein. Denn schon lange zählt für ihn nur noch, Fußball spielen zu dürfen und das zu machen, was er immer am besten konnte: für dieses dumpfe, kleine Geräusch zu sorgen, das für die große, laute Ekstase sorgt.