Das Niedersachsenderby: Eine Rivalität viel größer als Fußball

55 Kilometer trennen die beiden Städte. Im Niedersachsenderby treffen die zwei Nachbarn aufeinander, die seit Jahrhunderten im stetigen Konkurrenzkampf stehen.

Das Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 ist nicht nur ein Duell zweier rivalisierender Vereine, vielmehr ist es ein Duell zwischen zwei seit jeher miteinander konkurrierenden Städten. Am Sonntag treffen die beiden Mannschaften um 13.30 Uhr (im LIVE-TICKER) aufeinander. 

Es ist das Duell zweier Vereine. Das Duell zweier Städte, die seit jeher in einem ständigen Konkurrenzkampf miteinander stehen. Im ausverkauften Eintracht-Stadion steigt das "wichtigste Spiel des Jahres", das Duell, auf das die Fans seit Beginn der Saison hin fiebern. Zwar versuchen Spieler, Trainer und Verantwortliche objektiv an das Spiel heranzugehen, es wie ein normales Ligaspiel zu betrachten, aber jeder, der schon einmal ein Derby erlebt hat weiß: Es ist so viel mehr als nur ein einfaches Spiel.

Schon in den letzten Wochen herrschte Derby-Fieber in Deutschland. Das Revierderby am vergangenen Samstagabend zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 (0:0) konnte nach 90 Minuten zwar keinen Sieger hervorbringen, wusste mit einer emotional aufgeladenen, aber friedlichen Stimmung trotzdem zu überzeugen.

Im Baden-Württemberg-Derby einen Tag später wurde klar, wieso die ganze Fußballwelt gebannt auf Duelle dieser Art schaut. 1:3. Die 90 Minuten Derby-Fight sind vorbei. Die mitgereisten Stuttgarter Fans erleben Momente der Ekstase und der uneingeschränkten Freude, während auf der Karlsruher Seite nichts als traurige Gesichter zu sehen sind. Enttäuschte, wütende Fans an den Zäunen warten auf ihre Mannschaft und können nicht verstehen, was in den Minuten zuvor geschehen ist.

Das Aufeinandertreffen der beiden niedersächsischen Vereine verspricht ein ähnliches fußballerisches Spektakel der Emotionen. Denn die Rivalität der beiden Akteure hat eine lange Historie.

Eine Rivalität viel größer als der Fußball

Vor fast 900 Jahren, im Jahr 1140 setzte sich der welfische Herrscher "Heinrich der Löwe" an die Spitze der Macht im Herzogtum Sachsen und wählte Braunschweig zu seiner Residenzstadt. Jahrhundertlang galt die Löwenstadt als die bedeutendere und einflussreichere Stadt im heutigen Niedersachsen. Das änderte sich im 17. Jahrhundert als der neue Machthaber Herzog Georg nicht Braunschweig, sondern Hannover als seine Residenzstadt auswählte und die Löwenstadt damit in den Schatten der neuen Heimat stellte.

Durch diesen Wechsel verschoben sich die Machtverhältnisse von der Oker an die Leine und daraus resultierte ein stark angespanntes Verhältnis beider Städte, das sogar zu Streitigkeiten an den Grenzen führte. So verschärften die Zöller auf beiden Seiten die Situation durch enorm gründliche Kontrollen und ließen die Händler teilweise tagelang an der Grenze warten.

In den darauffolgenden Jahren wurde aus der zuerst unbedeutenden Stadt Hannover die Haupt-Handels- und Verkehrsachse des Herzogtums. Braunschweig hingegen nahm zunehmend eine Rolle im Schatten der neuen Hauptstadt Hannover ein, die für die Bewohner der Löwenstadt heute noch zehrend ist.

Eine neue Bühne der Rivalität

Hunderte Jahre später bot der Fußball ab dem 20. Jahrhundert schließlich eine neue Möglichkeit der Konkurrenz. Ähnlich wie in der politischen Geschichte der beiden Städte, hatte Braunschweig zunächst auch in sportlicher Hinsicht die Nase vorn. Nach den Vereinsgründungen in den Jahren 1895 (Eintracht Braunschweig) und 1896 (Hannover 96) konnte die Eintracht die ersten Aufeinandertreffen der beiden Nachbarstädte für sich entscheiden.

Den ersten großen Erfolg hingegen konnten die Hannoveraner einfahren. Vor fast 95.000 Zuschauern im Olympiastadion in Berlin setzte sich der Hannoversche SV in der Saison 1937/38 überraschend gegen den bereits mehrfachen Deutschen Meister Schalke 04 mit 4:3 n. V. durch, nachdem eine Woche zuvor in der ersten Partie kein Sieger (3:3 n.V.) ermittelt werden konnte.

Auch 16 Jahre später durften erneut die Hannoveraner jubeln. Im Hamburger Volksparkstadion konnten die Schwarz-Weiß-Grünen nach einem 5:1-Erfolg ihren zweiten Titelgewinn feiern. Gegen den 1. FC Kaiserslautern sicherten sich die 96-Kicker ihren bis heute letzten Meistertitel. Die Eintracht aus Braunschweig konnte nach zahlreichen regionalen Titelgewinnen erst 1967 in der neugegründeten Bundesliga ihre erste nationale Meisterschaft gewinnen.

Bundesliga-Gründung bis heute ein Streitthema

Eben diese besagte Bundesliga-Gründung 1963 nagt bis heute an den Nerven der hannoverschen Fußballfans. Neben den gesetzten Nordvereinen SV Werder Bremen und dem Hamburger SV, gab es in der Bundesliga noch einen freien Platz für einen Norddeutschen Verein.

Trotz zwei gewonnener Meisterschaften, dem größeren Stadion, dem höheren Zuschauerschnitt und den besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen entschied sich der Deutsche Fußball Bund (DFB) nicht für Hannover 96, sondern zog den Verein aus Braunschweig vor, der in der Vorsaison 1962/63 eine bessere Platzierung (3.) als die Hannoveraner (9.) erreichte. Zwar konnten die Braunschweiger in der ersten Bundesliga-Saison der Geschichte keinen Titel einfahren, mit einem soliden elften Platz und elf Saisonsiegen wussten die Blau-Gelben jedoch spielerisch zu überzeugen.

Nachdem die Hannoveraner in der prestigeträchtigen ersten Saison der Bundesliga noch ihren Braunschweiger Konkurrenten zuschauen mussten, sicherten sie sich durch den Gewinn der Regionalliga Hauptrunde gemeinsam mit Borussia Neunkirchen den Aufstieg in die Bundesliga.

Abstiegsdrama in den 70ern

Passend zur Geschichte der beiden Städte kam es im Abstiegskampf der Bundesligasaison 1972/73 zum indirekten Duell beider Vereine. Erst am letzten Spieltag entschied sich der Abstiegskampf zu Ungunsten der Braunschweiger, die mit einer 1:2-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf das Nachsehen gegenüber der Mannschaft von Hannover 96 hatte, welche sich mit einem 4:0-Sieg beim Wuppertaler SV in die nächste Saison retten konnte. Zwar folgte Hannover 96 ein Jahr später ihren Rivalen aus Braunschweig in die Regionalliga, die Schmach ein Jahr zuvor ausgerechnet gegen den großen Nachbarn das Abstiegsduell verloren zu haben, ist bis heute jedoch vielen Braunschweiger Anhängern noch immer ein Dorn im Auge.

Auf dem Platz kam es in den späten 90er-Jahren zur sportlichen Talfahrt beider Vereine. Hannover 96 konnte zwar 1992 den Gewinn des DFB-Pokals feiern, der Abstieg in die Regionalliga ein paar Jahre später konnte allerdings nicht abgewendet werden. Nach zwei Spielzeiten in der Amateurliga gelang dem zweimaligen Deutschen Meister im Duell mit der Eintracht der erneute Aufstieg in die 2. Bundesliga, womit es in der Saison 1997/98 zum vorerst letzten Aufeinandertreffen in der Liga kam. Die Blau-Gelben verpassten es sich langfristig sportlich zu etablieren und so durchlief der Verein viele Fahrstuhl-Jahre zwischen der Regionalliga und 2. Bundesliga.

Ein Wiedersehen mit Folgen

Durch den Aufstieg von Eintracht Braunschweig brachte die Bundesliga-Saison 2013/14 nach 37 Jahren erstmals wieder ein direktes Aufeinandertreffen der beiden Rivalen in einem Ligaspiel mit sich. Sportlich konnten vor allem die Aufsteiger aus Braunschweig mit einem 0:0 in Hannover und einem bis heute gefeierten 3:0-Derbysieg in Braunschweig überzeugen. Große Schlagzeilen machten jedoch vor allen Dingen die Geschehnisse rund um die beiden Partien. So wurden zum Beispiel im Vorlauf des Duells in der Hinrunde mehrere Züge mit Botschaften an den jeweiligen Nachbarn besprüht oder ein mit einem 96-Schal ausgestattetes Schwein durch die hannoversche Innenstadt geschickt.

Um körperliche Auseinandersetzungen der beiden Fanlager am Spieltag zu verhindern sicherte die Polizei Hannover mit einem Rekordaufgebot die Partie, die trotz unübersichtlicher Dunkelheit auf einen Freitagabend angesetzt wurde.

Zwar kam es vor und nach der Partie zu keiner Konfrontation zwischen den beiden Fanlagern, zwischen den Anhängern beider Lager und der Polizei kam es jedoch zu intensiven Kämpfen, die durch den Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken, Pfefferspray und Polizei-Hunden beendet werden mussten.

Der Einsatzleiter der hannoverschen Polizei verglich das Niedersachsenderby bereits vor dem Hinspiel mit dem Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04. Das Revierderby sei im Vergleich mit dem Niedersachsenderby lediglich "eine Kleinigkeit".

Obwohl körperliche Gewalttaten weitgehend verhindert werden konnten, führte insbesondere das intensive Abbrennen von Pyrotechnik auf Hannoveraner-Seite zu Konsequenzen. Neben einer für den Verein sensiblen Geldstrafe in Rekordhöhe von 100.000 Euro, wurden die Fans aus Hannover im Rückspiel auch mit zahlreichen, folgenschweren Auflagen belegt. Eine verpflichtende Anreise mit dem Bus und der Verfall der Auswärts-Dauerkarten sorgte für großen Unmut bei den 96-Anhängern, sodass ein großer Teil der aktiven Fans für ein Jahr aus Protest nur noch die Spiele der Amateurmannschaft in der Regionalliga besuchte und dem Bundesliga-Team den Rücken kehrte.

Top-Spiel, Betretungsverbote

Das Aufeinandertreffen in der 2. Bundesliga sorgt sportlich zwar nicht mehr für ein vergleichbares Aufsehen wie das Revierderby, die Brisanz der Partie und die Stimmung vor dem Duell sind trotzdem gleichermaßen angespannt und hitzig.

Mit einem Betretungsverbot für 144 Personen reagierte die Polizeidirektion Braunschweig bereits im Vorfeld auf die Gefahr durch Gewalttäter auf beiden Seiten. Als Reaktion auf diese Betretungsverbote meldeten Fans von Eintracht Braunschweig einen Demonstrationsmarsch vom Hauptbahnhof bis zum Stadion an, welcher allerdings von der Polizei untersagt wurde. Neben den Betretungsverboten versuchte die Polizei außerdem die Gemüter der Risikofans zu beruhigen und wendete sich mit einem Brief an die polizeilich bekannten Anhänger beider Vereine. 

Trotz aller Maßnahmen, Auflagen und Strafen bleibt das Niedersachsenderby am Sonntag in erster Linie eine sportliche Partie auf Augenhöhe. Das Duell der beiden Top-Klubs der 2. Bundesliga bietet nicht nur auf den Rängen Spannung, sondern ist auch das Aufeinandertreffen des Tabellenersten und des Tabellendritten. Beide Teams gehören zu den Top-Favoriten für den Aufstieg in die Bundesliga und ein Sieg im Derby bedeutet nicht nur für die Fans enorm viel, sondern könnte auch wegweisend für die weitere Saison werden.