Lukas Schirrmeisters Kenia-Abenteuer: Irgendwo in Afrika

Ein deutscher Student, der eigentlich in der U23 von Carl Zeiss Jena spielt, macht sich auf nach Nairobi. Sein Traum: ein Einsatz in der kenianischen Premier League.

6.30 Uhr morgens, das Matatu, wie man in Kenia die Sammeltaxis und gleichzeitig wichtigsten Transportmittel für den öffentlichen Nahverkehr nennt, ruckelt über eine von Schlaglöchern gezeichnete Straße gen Downtown Nairobi. Lukas Schirrmeister sitzt am Fenster, seine Sporttasche unter dem Sitz. Er ist müde so früh am Morgen, aber auch voller Vorfreude auf sein erstes Freundschaftsspiel, das ihn seinem Traum näher bringen soll.

Als erstes Hindernis stellt sich das Finden des Treffpunkts heraus. Nach 40-minütigem Herumirren findet er schließlich seine Teamkollegen. Was in Deutschland eine mittlere Katastrophe bedeuten würde, ist in Kenia nicht weiter tragisch. Schirrmeister ist nicht der Letzte. Kenianische Pünktlichkeit trifft deutsches Zeitgefühl.

In einem weiteren Matatu ruckelt das Team, die Nairobi City Stars, kenianischer Erstligist, zwei Stunden lang aus dem Stadtzentrum in Richtung Nirgendwo. Dort steigt ein Freundschaftsspiel gegen einen von der ortsansässigen Zementfirma gesponserten Zweitligisten. Schirrmeister und seine neuen Teamkollegen steigen aus und stehen vor einem Acker. Rasenflecken sind klar in Unterzahl, die Ersatzbank besteht aus einigen gelblichen Plastikstühlen.


 

Vor dem Spiel Ziegenfleisch

In Deutschland undenkbar: Vor dem Spiel wird erst einmal zu Mittag gegessen. Lukas Schirrmeister entscheidet sich für Ugali mit Ziegenfleisch. Eine schlechte Entscheidung. Denn bereits vor seiner Einwechslung in der 30. Minute rumort es im Bauch, Krämpfe plagen ihn. Empfangen wird er von einem hünenhaften Gegenspieler. "Fuck you, Mzungu“, sagt der und tritt ihn dann beim ersten Zweikampf derart von den Beinen, dass sich der Schmerz im Magen ausweitet.

Schirrmeister bekommt nichts hin auf dem Platz. Es ist heiß, der Kreislauf macht sich bemerkbar, das Gefühl im Bauch lässt an normales Fußballspielen nicht einmal denken. Nach 60 Minuten lässt er sich auswechseln, es geht nicht mehr. Gang auf die Toilette anstatt der geplanten dynamischen Flankenläufe. Um 18 Uhr, 12 Stunden, nachdem er die Haustür hinter sich geschlossen hat, ist er wieder daheim und weiß, dass er in Afrika angekommen ist. Welcome to Nairobi! Entmutigt hat ihn die lehrreiche Erfahrung aber keineswegs. Im Gegenteil: Er will es jetzt mehr denn je – ein Mal für einen afrikanischen Erstligisten auflaufen.

Das Ziel: die Premier League

Alles hatte einige Wochen zuvor in Jena begonnen. Dort kickte Lukas Schirrmeister für die U23 von Carl Zeiss. Er war dort Führungsspieler, war in zwei Partien der Hinrunde 2015/16 sogar Kapitän. Nebenbei studierte er Sport und Geografie auf Lehramt. "Der Entschluss, nach Afrika zu reisen, ist um die Weihnachtszeit gereift“, erzählt er gegenüber Goal. "Meine Freundin studiert Soziale Arbeit und hatte in Jena schon fast alles abgegrast. Da sie noch einmal ins Ausland wollte, kam die Idee, beides zu verbinden.“

Obwohl Schirrmeister "eigentlich kein Freund davon ist, Fußballvereine mitten in der Saison zu verlassen“, stand bald fest, dass er seine Freundin begleiten würde nach Nairobi und auch, dass es für ihn vor allem um Fußball gehen würde, um einen Einsatz in der kenianischen Premier League. Die Auflösung seines Vertrages war kein Problem, der Verein unterstützte ihn bei seinem Vorhaben. Der Chef von Anna, seiner Freundin, stellte sich als Justine Birichi, früher Präsident und Spieler bei Nairobi City Stars, heraus.

Auf nach Kenia

Ein Skype-Gespräch später hatte er sein Probetraining. Er solle Bilder, Videos, seinen Fußball-Lebenslauf und am besten noch Bälle und Trikots schicken, hieß es von Vereinsseite. Ersteres sandte er umgehend ein. Am 20. Februar ging es nach Nairobi. In den Westen Afrikas, wo Fußball zwar wichtig ist, aber in puncto Infrastruktur in den Kinderschuhen steckt. Man ist hinter Zwergen wie Zypern 86. der Weltrangliste, die Nationalmannschaft hat mit Tottenhams Vincent Wanyama genau einen Star.

Das erste Hindernis folgte umgehend, denn das Transferfenster war bereits geschlossen. Das hätte man in Kenia, wo geregeltes Verbandswesen Wunschdenken ist, noch lösen können. Blieben allerdings die horrende Gebühr für das Arbeits-Visum von Nicht-Kenianern. Für die klammen City Stars ein schwieriges Unterfangen.

Beten, keine Duschen und ein Boykott

Für Schirrmeister kein Problem. "Ich habe mich zunächst trotzdem täglich durch den Verkehrsdschungel Nairobis gekämpft um zum etwa eine Stunde entfernten City Stadium zu gelangen“, erzählt er. Dort trainierte er mit einem 30-Mann-Kader. Nie kürzer als zwei Stunden, was zum einen am ständigen Beten lag: vor, während und nach dem Training und auch bei Spielen später. Zum anderen am 30 Minuten langen Aufwärmen ohne Ball. Ein Hauch von fußballerischem 20. Jahrhundert, auch neben dem Feld. Umgezogen wurde sich an der Seitenlinie. Duschen? Fehlanzeige.

"Ich wurde zum Trainingsweltmeister“, so Schirrmeister. Allein es half nicht, da der Verein seine großen finanziellen Nöte nicht mehr kaschieren konnte und die Spieler wegen ausbleibenden Zahlungen einen Boykott starteten. "Zudem stand am 1. Juni die neue Transferphase an. Kurz: Ich brauchte etwas Neues. Von acht Erstligisten aus Nairobi hatten nur sechs aktive Homepages oder Facebookseiten für einen Kontakt. Von diesen sechs haben aber nur Tusker und Leopards geantwortet und mich eingeladen“, beschreibt er die Vereinssuche der etwas anderen Art.

"Unterhaltsame Show"

Bei den Leoparden wurde er zu einem Freundschaftsspiel gegen Kenias U20-Nationalmannschaft eingeladen, was für durchaus Wirbel sorgte. Auch futaa, ein Online-Portal für afrikanischen Fußball berichtete. "Der Mittelfeldspieler, bekannt als Lucas, beeindruckte mit einer unterhaltsamen Show, die die Ingwe-Fans mit Sicherheit inspiriert hat“, schrieb die Webseite.

Und auch Schirrmeister selbst war mit seiner Leistung zufrieden, die er unter den Tönen der immer noch aktiven Vuvuzelas gezeigt hatte. Trainer Ivan Minnaert, ein Belgier, laut Schirrmeister "arrogant und aufgeblasen“, sah das zum Erstaunen von futaa anders und konstatierte, dass man den Deutschen nicht verpflichten werde.

Plötzlich Leopard

Die Odyssee der angenehmen, weil lehrreichen Art, ging weiter bei Tusker FC, benannt nach der Biermarke Nummer eins in Kenia, einem "richtigen Werksklub“. Hier war vieles anders. "Ich wurde super aufgenommen, hier habe ich mich am wohlsten gefühlt.“ Es gab Umkleidekabinen und Kaltwasser-Duschen. Ein kleines bisschen Luxus mitten in Afrika. Auch spielerisch lief es immer besser. "Ich hatte mich an die Flachpässe, die man aufgrund des Bodens mit der Brust annehmen muss, gewöhnt.“

Tusker zeigte sich bereit, ihn unter Vertrag zu nehmen. Das Problem: Alle Mails an den DFB blieben unbeantwortet. Erst der Thüringer Verband reagierte. Es sei nicht möglich, dass er später ab August sofort wieder bei Jena anfangen könne. "Das FIFA-Regelwerk sagt etwas anderes. Dennoch musste ich Tusker mit einer Menge Enttäuschung und Wut im Bauch absagen“, macht Schirrmeister aus seiner Enttäuschung keinen Hehl.

Gescheitert und doch gereift

Derzeit reist er mit Anna noch einmal quer durch Kenia, am 18. August geht es zurück nach Deutschland. Wie lautet das Fazit seines großen Afrika-Abenteuers? "Am Ende war das Unterfangen Fußball in Afrika gescheitert, dabei wollte ich einmal in meinem Leben in einer ersten Liga spielen“, sagt er. "Aber ich werde mich zumindest nie wieder über schlechte Platzbedingungen, kalte Duschen und lange Auswärtsfahrten aufregen. Denn der Verkehr und die Straßen sind eine einzige Katastrophe hier.“

Und so bleibt eine lehrreiche Zeit und das positive Gefühl, alles versucht zu haben. Es bleibt die Erinnerung an ein Abenteuer, das ihm nie wieder jemand nehmen kann. Es bleiben Erlebnisse wie sein Auswärtsspiel mit dem Klo-Gang. Es bleibt die Erinnerung an geschlossene Freundschaften und daran, dass Fußball verbindet. Und eines ist sicher: Irgendwann wird er zurückkehren. Nicht, um es erneut in die erste Liga zu schaffen. Sondern um an den Ort zurückzukehren, der sein Leben ein halbes Jahr bereichert hat, auch wenn sich sein großes Ziel nicht erfüllen konnte.