Athletic Bilbao: Anachronistisch, traditionell, sexy

Bilbao ist ein Traditionsklub der anderen Art. Mit ihrer Philosophie haben die Basken ein Alleinstellungsmerkmal. Ein Verein zwischen Anachronismus und sympathischer Altbackenheit.

Ein baskisches Sprichwort besagt: "Besser als reich zu sein, ist ein guter Ruf". Es scheint, als hätten die Gründerväter, die im Jahr 1898 Athletic Bilbao ins Leben riefen, sich an eben jenen Worten orientiert.

Konträrer könnte sich die Ausrichtung des stolzen Vereines nämlich nicht zu den restlichen Klubs in Spanien verhalten. Doch was macht "Los Leones", die Löwen, wie die Spieler Bilbaos auf der iberischen Halbinsel treffend bezeichnet werden so besonders? Und vor allem: Wie wird dieses unkonventionelle Gebilde im eigenen Land gesehen?


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Medial mit weniger großem Interesse bedacht, schwamm Bilbao jahrelang mit in der Primera Division. Die Aufmerksamkeit gehörte trotzdem Anderen. Den Klubs aus der Hauptstadt oder dem legendären FC Barcelona, rund 600 Kilometer südöstlich in Katalonien gelegen. Nicht minder prätentiös in seinem Selbstverständnis, jedoch mit einer differenzierten Philosophie ausgestattet, gewannen die Blaugrana alles, was es zu gewinnen gab, während Bilbao bisweilen im Mittelfeld dümpelte, sich ab und an auf internationalem Parkett beweisen durfte.

Es gibt Geschichten, die sich im Nachhinein als Mär herausstellen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich immer weiter von der ursprünglichen Version entfernen, immer unlogischer daherkommen. Und es gibt die Geschichte des Athletic Clubs. Die in den heutigen, den globalisierten Zeiten, völlig unvorstellbar erscheint. Ein Verein, der immerhin achtmal die spanische Meisterschaft holen konnte und sich – anders als beispielsweise Barca – nicht um sportliche Globalisierung schert, sondern an seinen Traditionen festhält.

Zwischen elitärem Utopia und Sympathie

Denkt man an Athletic, ruft man sich unweigerlich die wohl größte Besonderheit in Erinnerung: "Ach, das war doch der Verein, bei dem nur Basken spielen dürfen." Weil man das mal irgendwo gehört hat, als Javi Martinez für eine Rekordsumme von Bilbao zum FC Bayern wechselte. Die Meinungen diesbezüglich gehen auseinander. Das Spektrum erstreckt sich irgendwo zwischen "elitärem Utopia" und "sympathischem Beharren auf eigenen Werten".

Doch, ist es überhaupt wahr, dass Athletic ausschließlich auf Profis setzt, die in der autonomen Gemeinschaft geboren worden sind? Nicht ganz. Die Vereinsphilosophie besagt, dass nur Leute eingesetzt werden dürfen, die entweder aus den Regionen Bizkaia, Gipuzkoa, Alava, Navarra, Labourd, Soule und Nieder-Navarra stammen oder aber in einer dieser Regionen fußballerisch ausgebildet wurden.

Dass sich jedoch mal ein junger Spieler, der nicht aus dem französischen- oder spanischen Baskenland stammt, dorthin verirrt, um seine Ausbildung, die übrigens bei Athletic ganz vorzüglich ist, zu absolvieren, ist eher selten. Deshalb ist es auch wenig überraschend, dass einem Youngster namens Inaki Williams im Februar letzten Jahres ein Novum gelang: Im Zwischenrunden-Spiel der Europa League erzielte der 22-Jährige als erster dunkelhäutiger Spieler der 117-jährigen Klubhistorie einen Treffer für Bilbao. Eine Geschichte, die im europäischen Fußball so unwirklich, so gestrig erscheint. Bei den Rot-Weißen Realität.

Man könnte meinen, in Spanien wird der Klub als Außenseiter angesehen, vergleichbar mit einem unbeliebten Schüler, der sich für etwas Besseres hält, aber auf dem Schulhof immer alleine steht, während seine Klassenkameraden in ihren jeweiligen Cliquen herumtollen. Dem ist allerdings nicht so. Athletic genießt im südeuropäischen Königreich hohes Ansehen.

Die Unabsteigbaren

Das ist einerseits auf die hervorragende Jugendarbeit zurückzuführen, die Stars wie Ander Herrera oder Fernando Llorente hervorgebracht hat, andererseits der Tatsache geschuldet, dass Bilbao seit Gründung der spanischen Beletage im Jahr 1928 noch nie den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit gehen musste. Das strenge Festhalten an anachronistischen Werten scheint bezüglich der Wahrnehmung also kein Problem darzustellen, ist eher sympathisch denn rückständig.

Im Hier und Jetzt, fühlt sich der Fünftplatzierte der Vorsaison gerüstet, auch in der kommenden LaLiga-Spielzeit von sich reden zu machen. Entgegen aller aufkeimenden Gerüchte, dass beispielsweise der in ganz Europa begehrte Innenverteidiger Aymeric Laporte Bilbao verlassen könnte, stellte Präsident Josu Urrutia klar: "Weder Laporte noch irgendein anderer Spieler hat mir mitgeteilt, dass er den Klub verlassen möchte. In den letzten fünf Jahren hat Athletic bewiesen, dass wir kein Verein sind, der laufend seine Spieler verkauft."

Eine Aussage, die ein wenig hochtrabend anmutet und dennoch stimmt. Athletic versteht sich nicht als klassischer Ausbilderklub. Spieler, die bei den Löwen ihr "Handwerk" gelernt haben, bleiben nicht selten ihre gesamte Karriere über bei ihren Wurzeln. Loyalität, die sprichwörtlich mit der baskischen Muttermilch aufgesogen wird.

Wie passend, dass Bilbao, welches an ein autarkes Dorf erinnert, das gegen den Strom schwimmt, den monetären Reizen widersteht, gleich am zweiten Spieltag der neuen Saison auf Barcelona trifft.

Ein Team, das laut transfermarkt.de mit einem Gesamtmarktwert von 149 Millionen Euro aufwartet, stellt sich dem übermächtigen spanischen Meister entgegen (Marktwert 760 Millionen). David gegen Goliath? Dieser Vergleich wäre - trotz der finanziellen Unterschiede – vermessen. Belassen wir es doch bei den Worten, die der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit einst als Umschreibung für seine stets klamme Stadt fand: "Arm, aber sexy" - quasi die neue Version des alten baskischen Sprichwortes.