Englands Nachwuchsprobleme: Do it like Germany!

Die Probleme der englischen Nachwuchsförderung sind vielschichtig. Der FA-Boss will diese ändern - und orientiert sich dabei an Deutschland. Der Liga gefällt das eher weniger.

Am Morgen, nachdem Philipp Lahm den goldenen WM-Pokal in den Himmel von Rio de Janeiro gereckt hatte und Deutschland sich zur besten Mannschaft der Welt gekrönt hatte, war Greg Dyke ganz aus dem Häuschen.

Der Boss des englischen Fußball-Verbands sah sich bestätigter denn je. Man müsse endlich den deutschen Weg einschlagen, um die Nationalmannschaft des einst so stolzen Mutterlands des Fußballs aus dem seit Jahren andauernden Tiefschlaf zu holen. Mit nur einem Punkt waren die Three Lions bei der WM ausgeschieden, Gruppenerster war der Fußball-Zwerg Costa Rica geworden.

Das Team von Roy Hodgson wurde in der Heimat heftig attackiert, die Sun schrieb von "fehlenden englischen Tugenden." Sie alle beschwerten sich, Dyke aber sah die Ursachen. Durch den Triumph Deutschlands fühlte er sich angetriebener denn je, den sinkenden Ozean-Giganten namens England vor dem Untergang zu bewahren und in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.

Nur noch 32 Prozent Engländer in der EPL

Denn genau das passiert dem englischen Fußball, er sinkt. Und das, obwohl die Premier League finanziell vitaler denn je ist – oder gerade deshalb? "Vor zwanzig Jahren waren 69 Prozent aller Spieler der Premier League spielberechtigt für England", erklärte Dyke im September 2015 in seiner inzwischen legendären Rede zu den Missständen des englischen Fußballs. "2013/2014 waren es nur noch 32 Prozent und der Wert sinkt weiter."

Man setzt auf Qualität aus dem Ausland. Erstens weil man das Geld hat und der Konkurrenzdruck hoch ist und zweitens, weil es seit Jahren an hochqualifiziertem Nachwuchs mangelt. Während Frankreich, das noch vor Deutschland Stützpunkte und eine Zentralisierung der nationalen Jugendförderung einführte und eben Deutschland, das sich 2014 für das nach den Rumpel-Fußball-Jahren, Anfang des 21. Jahrhunderts, eingesetzte Umdenken belohnte.

Frühes Erkennen von Talenten, umfassende taktische und technische Ausbildung und der Mut, Talente auch einzusetzen, brachten Deutschland das goldene Zeitalter, in dem es sich jetzt befindet. Fast alle Weltmeister von Rio können als Produkte der optimierten Ausbildung der eigenen Zukunft angesehen werden. Über 400 hauptamtliche Jugendtrainer gibt es heute in Deutschland, beim WM-Titel 1990 waren es nur sechs.

"Dann versagen wir"

Und in England? Da ist kaum Platz für den eigenen Nachwuchs."Es gibt für gute 18- bis 21-jährige unzureichende Spielmöglichkeiten in den Top-Vereinen. Und wenn wir jungen, englischen Fußballern nicht die Gelegenheit geben, ihr Höchstpotential zu erreichen, dann versagen wir", so Dyke. "Kurz gesagt. Ich glaube wir haben eine Pflicht uns um den englischen Fußball zu kümmern und nicht nur um den Fußball, der in England gespielt wird."

Und auch Patrick Vieira, inzwischen Jugendtrainer bei Manchester City, schlägt in dieselbe Kerbe: "Das Spiel hat sich verändert. Der Fußball ist jetzt komplett anders als vor 30 oder 40 Jahren. Ich glaube aber, dass sich der Fußball in England im Nachwuchsbereich nicht verändert hat. Vielleicht ist das eines der Probleme."

Die Gründe für das große Problem sind vielschichtiger Natur. Zum einen ist da natürlich die Liga. Englische Nachwuchskräfte gehen hier oft unter. Da es als Unterbau der Premier League eine Liga der U21-Teams gibt, spielen hier oft Spieler noch mit 20, während sie in der Bundesliga längst Stammspieler sind. Bei einem Aufeinandertreffen der deutschen U21 mit der englischen im vergangenen Jahr kamen die Three Lions zusammen auf gerade mal 389 Erstligaspiele, während die deutsche fast 1000 absolviert hatte (987).

Ein zweiter Blick auf die U21 beider Länder ist noch aussagekräftiger. 15 deutsche U21-Aktuere stehen im Kader eines Bundesligisten, in England sind es nur neun, von denen drei noch ohne Einsatzsekunde sind – Leihen zur Spielerentwicklung kommen liga-intern – also auf Premier-League-Niveau  -  kaum vor.

Absolute Premium-Talente, wie Chelseas Dominic Solanke, werden lieber in die schwache holländische Liga verliehen als liga-intern. Zu groß ist die Angst, Konkurrenten zu stärken. In der Bundesliga sind die Leihen im Land dagegen Normalzustand wie die Beispiele Toni Kroos oder Philipp Lahm beweisen.

Youngster aus dem Ausland

Ein weiteres großes Problem ist die Art und Weise, mit der die Vereine versuchen, ihre Jugendprobleme zu kaschieren. Diverse Youngster werden aus dem Ausland geholt, um dann einige Jahre später in der ersten Mannschaft, ganz so wie etwa Cesc Fabregas bei Arsenal, zu glänzen.

"Eine Menge Leute sagen, dass die Einführung der Elite-Schulen-Struktur ein großer Schritt ist", beschreibt Dyke das Problem. "Dabei ist es doch so: Was finden sie, wenn sie sich die Nachwuchsteams ansehen? Viele junge Ausländer, die hier von englischen Teams entwickelt werden. Sie nehmen Plätze weg, die englische Jungs hätten haben können."

Es ist ein Teufelskreis. Denn ausländische Talente haben den einheimischen oft den Vorteil voraus, besser ausgebildet zu sein, was wiederum in den fehlenden Strukturen der Nachwuchsförderung begründet liegt. So können die Insel-Talente mit Spielern wie Hector Bellerin (kam aus Barcas legendärer La Masia) oder Uniteds Timothy Fosu-Mensah (ausgebildet bei Ajax) nicht mithalten.

351 Legionäre - Höchstwert

Als Produkt dieser Problematik hinkt die englische Elite-Liga der Bundesliga deutlich hinterher. 110 bei ihrem Ausbildungsklub aktive Eigengewächse in der Bundesliga stehen nur 56 in der PL gegenüber, obwohl diese zwei Mannschaften mehr hat. Und auch die Zahl der Legionäre ist alarmierend. 351 Nicht-Engländer kicken in der Premier League, in der Bundesliga sind es nur 254. Mehr als 75 Prozent aller Neuzugänge sind Ausländer.

Ein weiteres Problem ist die Qualität der Trainer. Trotz diverser finanzieller Möglichkeiten sind die meisten Nachwuchstrainer-Jobs schlecht bezahlt, lieber wird in teure Stars investiert als in Felder zur Förderung der Nachhaltigkeit. Eine Zahl, ebenfalls aus dem Jahr 2015, belegt die Minderwertigkeit auf dem Posten der Fußballlehrer eindrucksvoll: In England hatten 1161 Trainer eine UEFA-A-Lizenz,  in Deutschland über 5500.

Und genau dieses skizzierte negative Bild der kranken Nation Europas auf dem Gebiet der Nachwuchsförderung will Dyke verändern. Er hat es sich und einer eigens eingerichteten Kommission zur Aufgabe gemacht, in einem Sechs-Jahres-Plan die Strukturen umzuwälzen. Das Vorbild dabei, logisch, ist Deutschland. Nach dem Aus bei der EM 2004 in Portugal modellierte der DFB einiges um, zehn Jahre später ist Deutschland Weltmeister.

Sechs-Jahres-Plan

Dykes Plan sieht vor, bis 2020 die Definition der "Homegrown Players" zu verändern und so die Zahl der englischen Eigengewächse drastisch zu erhöhen. Bisher galt als "Homegrown" ein Spieler, der bis zu seinem 21. Lebensjahr mindestens drei Jahre für einen bei der FA registrierten Klub gespielt hat, also auch Ausländer, die erst mit 17 zum Verein gestoßen waren. Diese Grenze soll nun auf von 21 auf 18 heruntergeschraubt werden.

Die Zahl von Nicht-Eigengewächsen soll zudem von 17 auf 13 gesenkt werden. Zudem sollen nur noch die besten Nicht-EU-Ausländer eine Arbeitserlaubnis erhalten und in jedem Premier-League-Klub-Kader mindestens zwei vom eigenen Verein ausgebildete Spieler stehen.

"Wenn man sich einen Harry Kane ansieht oder einen Dele Alli, dann zeigt das, wie viel Potenzial in unseren eigenen Spielern steckt, wenn man sich nur traut, sie einzusetzen", lobt Dyke die Arbeit bei Tottenham Hotspur.

Gleichzeitig wird in die Nachwuchsförderung investiert. Die Rolle des U21-Trainers Gareth Southgate wurde erweitert. Er überwacht nun alle Nachwuchsteams, durch Transparenz soll Einheitlichkeit in puncto Kohärenz, Vorbereitung und Spielstil geschaffen werden.

Das Scouting der Vereine wird nun mit vom Verband finanziert, es gibt Zuschüsse für den Bau von Akademien und die Erweiterung der Infrastruktur. Auf keinen Fall sollen Talente übersehen werden. "Wenn man sich ansieht, dass ein Jamie Vardy mit 28 plötzlich der beste Torschütze Englands wird, dann darf das eigentlich nicht passieren", so Dyke.

Dyke ist gescheitert

"Ich möchte dem englischen Fußball zwei Ziele setzen. Das EM-Halbfinale 2020 und das WM-Halbfinale 2022. Für einen Titelgewinn gebe ich uns zehn Jahre", so Dykes Zielsetzung. Zehn Jahre brauchte auch Deutschland, um vom Boden zum Weltmeister aufzusteigen.

Wie schwierig das ist, weiß auch Dyke: "Es ist wichtig, eine Lösung zu finden, ohne den unbestrittenen Erfolg der Premier League zu untergraben. Wir wollen auf der Suche nach dem goldenen Ei nicht die goldene Gans töten." Und genau das ist das Problem. Die Premier-League-Klubs jedenfalls haben bereits massiv gegen Dykes Pläne protestiert. Viele sind der Meinung, diese würden lediglich die Preise für Engländer noch weiter explodieren lassen, die Three Lions aber keinesfalls zum Weltmeister machen.

"Wenn wir scheitern", so Dyke, "dann werden wir eine ganze Nation im Stich lassen." Er selbst ist bereits gescheitert. Im Januar erklärte er, nach der EM in Frankreich sein Amt niederzulegen. Zu groß seien die Interessenskonflikte mit den Klubs und zu groß die Opposition innerhalb des Verbands. Und so wird es vielleicht noch eine Weile dauern, bis in England noch mehr Menschen als Dyke erkennen, wie weit andere Nationen mit Blick auf die Zukunft bereits enteilt sind. Dykes Nachfolger soll zwar formell weiter versuchen, die Pläne durchzusetzen, zu beneiden ist er aber wahrlich nicht.

Bis dahin bleibt dem englischen Fußball nichts anderes übrig, als in der Vergangenheit zu leben, an den WM-Sieg 1966 zu denken und bewundernd nach Deutschland zu blicken. Das Land, das das geschafft hat, von dem auf der Insel alle träumen. Bereit etwas dafür zu verändern, sind aber auch 2016 nur die wenigsten.