Huth bei Leicester City: Riese im Märchen-Modus

Er ist "The German Wall" und ein ehemaliger Fernsehstar. Seit diesem Jahr glänzt Huth als Abwehrchef beim Sensationsteam der Premier League.

Schauplatz Stuttgart, Berlin, München, Juli 2006: Die Bundesrepublik versinkt im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Überall herrscht Euphorie, Freude, Verbundenheit. Deutschland feiert Schweini, Poldi, Klose und Klinsi, trotz oder vielleicht gerade wegen des dritten Platzes bei der Heim-WM. Dass unter den ganzen "Helden" auch ein gewisser Robert Huth, damals 22, um Aufmerksamkeit buhlt, bleibt schlicht und ergreifend unentdeckt.

Neun Jahre später ist der Schauplatz das beschauliche kleine Städtchen namens Leicester, wieder Euphorie, Freude, Verbundenheit. Bloß alles eine Nummer kleiner, aber mindestens genauso frenetisch. Der mittlerweile 31-jährige Huth steht endlich im Mittelpunkt. Im King Power Stadium - ein wahrlich passender Name angesichts Huths Statur - ist das ehrfürchtige Manchester United in der englischen Premier League zu Gast.

Anthony Martial, Wayne Rooney, Ashley Young, Juan Mata, Memphis Depay und sein ehemaliger Mannschaftskamerad Bastian Schweinsteiger geben sich die Ehre. Alleine diese fünf Stars haben im Kollektiv einen Marktwert von 155 Millionen Euro, Huth immerhin fünf, sein 26-köpfiges Team 100 Millionen Euro.

Doch nicht etwa die Red Devils als zwanzigfacher englischer Champion, sondern Leicester City thront vor dem Match auf Tabellenplatz eins. Vor dem 14. Spieltag. Und das auch nicht unverdient, sondern durch harte Arbeit sowie mitreißenden Tempo-Fußball. Das viel zitierte "Fußball-Märchen" wird dieser Tage von Huth und Co. geschrieben.

Robert Huth (r.) war bei der Heim-WM 2006 nur Bankdrücker 

Dauerbrenner bei den "Foxes"

Huth, der von den Fans auf der Insel als "The German Wall" gefeiert wird, ist die Konstante im Team des italienischen Star-Trainers Claudio Ranieri. Nach einer Leihe stattete Leicester den 1,91 Meter großen Koloss vor Saisonbeginn mit einem festen Arbeitspapier aus, das bis Juli 2018 läuft. Seither verpasste Huth keine einzige Spielsekunde, wobei die Defensive der Foxes mit 21 Gegentreffern aus 14 Partien auf den ersten Blick nicht zu den sattelfestesten zählt. Der Erfolg aber gibt Recht: Nur ein einziges Mal, bei der 2:5-Schlappe gegen den FC Arsenal, ging man bislang als Verlierer vom Feld.

Huth zeigt sich dabei so, wie ihn sogar die deutschen Anhänger, die sich nicht für die an der Soar gelegenen Stadt interessieren, noch in Erinnerung haben dürften: Zweikampfstark, unbezwingbar in der Luft mit einem vielleicht etwas hölzernen Gestell. Das gleicht der Sohn eines Kraftfahrers mit riesiger Mentalität und starkem Stellungsspiel aus. Der britische Experte Jim White hatte ihn zuletzt gar als den Spieler bezeichnet, "der den Unterschied für Leicester" macht. Dabei steht noch ein gewisser Jamie Vardy, der mittlerweile bei sensationellen 14 Toren hält, im Aufgebot.

Vardy: Mit 22 achte Liga, mit 28 Weltspitze

Voller Bewunderung erklärte White: "Huth gab seinen Kollegen ein Gefühl der Überzeugung, einen gegenseitigen Glauben, der ansteckend war, und der die Abwehr aus ihrem Leistungstief herausholte." Dass der in Köpenick geborene Huth, der Ende der 80er-Jahre nicht durch seine sportlichen Triumphe, sondern als kleiner Robert in der DDR-Fernsehsendung "Barfuß ins Bett" zu Berühmtheit kam, zu solch märchenhaften Phasen in seiner Karriere gelangen wird, damit war nicht zu rechnen.

Schon früh zog es den talentierten Hünen nach einem Jahr bei Union Berlin in das Mutterland des Fußballs. Chelsea bekundete Interesse am damals 16-Jährigen, der seine große Chance witterte. Sein Trainer damals: Ranieri. Schnell schaffte Huth den Sprung zu den Profis, am 11. Mai 2002 feierte er gegen Aston Villa zur Halbzeit sein Debüt in der Premier League.

Obwohl immer wieder "Huuuuuuth"-Rufe der Fans durch die Stamford Bridge schallten, den endgültigen Durchbruch (60 Pflichtspiele für Chelsea) schaffte er nie. Somit war es nicht verwunderlich, dass Huth die Weltmeisterschaft 2006 zumeist von der Bank aus verfolgte. Nur im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador, als die Nationalelf schon für die K.o.-Runde qualifiziert war, durfte er anstelle von Christoph Metzelder über 90 Minuten ran und hielt den Laden beim 3:0 sauber.

Viele Einsätze im DFB-Trikot folgten nicht, obwohl Jogi Löw vier Jahre später - vor der WM in Südafrika - abermals Hoffnungen schürte, als er Huth "vor Badstuber und Hummels" sah. Nominiert wurde er für das Turnier nicht, stattdessen jedoch Serdar Tasci vom VfB Stuttgart und der damalige Hamburger Dennis Aogo. Im Liga-Alltag hatte Huth längst eine neue Herausforderung gesucht, trotz zweier Meisterschaften mit dem FC Chelsea.

Zunächst ging es für den bekennenden Slipknot-Fan für drei Jahre nach Middlesbrough, dann zu Stoke City, wo er mit 188 Pflichtspielen (sowie 18 Toren) und zahlreichen Abstiegs-Kämpfen seine bis zu diesem Zeitpunkt längste und persönlich beste Phase erlebte. "Du kannst ihn überall hinstellen, er macht seine Sache immer gut", waren unter anderem die Worte seines Ex-Trainers Tony Pulis.

"Heulsuse" Suarez & ein sexistischer Tweet

Abseits des Platzes bot Huth, der Dietmar Hamann als deutscher Rekordspieler in der Premier League ablöste, schon des Öfteren Lacher und komische Geschichten, auch Reibungsfläche. Nicht, weil er schon Bilder veröffentlich hat, auf denen er sein Lieblingsbier, den Schnurrbart im "Movember" oder seinen gewaltigen blutigen Cut am Auge präsentierte.

Nein, es ging um deutlich brisantere Fälle: Luis Suarez, der nach dem verpatzten Titeltraum 2014 mit Liverpool vor laufender Kamera in Tränen ausbrach, hätte Huth, wie er bei Twitter schrieb, für "Weinen auf dem Platz" am liebsten drei Spiele sperren wollen. Ein Jahr später wurde er vom englischen Verband FA hingegen selbst für zwei Partien aus dem Verkehr gezogen, als er mit seinem Account an einem sexistischen Internet-Spielchen teilnahm.

Aber Schwamm drüber, dachten sich wohl Huth und seine Klubs, das Sportliche zählt schließlich. Apropos: Das Gipfeltreffen gegen Manchester United vergangene Woche endete 1:1. Huth ließ nach vier Minuten United-Talent Martial in einem Zweikampf locker abblitzen und zeigte in der Folge eine starke Leistung.

Zwar steht er mit Leicester City jetzt punktgleich mit Manchester City "nur" noch auf Rang zwei, das Märchen geht allerdings vielleicht schon auswärts bei Swansea am Samstag weiter. Der deutsche Hüne wird auf jeden Fall auf Angriffs-Modus gepolt sein. Damit die Euphorie in Leicester Bestand hat.