VfB Stuttgart: Bringt die Kehrwoche diesmal die Kontinuität?

Mal wieder feuern die Schwaben den Trainer, mal wieder soll ein neuer Wind wehen. Doch reicht das auch für die Zukunft oder muss mehr passieren?

Beim VfB Stuttgart wird die schwäbische Tradition der Kehrwoche wahrlich gepflegt. Schon seit dem Ende des ausgehenden 15. Jahrhunderts waren die Bürger Württembergs aufgrund verschiedener Erlässe zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld aufgerufen. Diese Tradition lebt bis heute fort, oft sogar in Mietverträgen festgehalten. Es ist geregelt, welche Mieter wann das Treppenhaus putzen und welche den Bürgersteig fegen oder vom Schnee befreien müssen. Regelmäßig sauber soll es sein. Nicht erst, seit die Schwaben am Dienstagmorgen Alexander Zorniger und sein gesamtes Trainerteam vor die Tür setzten. Beim Bundesligisten war wieder einmal das große Reinemachen angesagt: Altes Personal weg, neues her.

Mit dem gebürtigen Schwaben von der Ostalb musste bereits der elfte Trainer binnen zehn Jahren seinen Posten vorzeitig räumen. Länger als ein Jahr waren beim VfB in der letzten Dekade nur Armin Veh, während seiner ersten Amtszeit, Markus Babbel und Bruno Labbadia angestellt. Doch nicht nur auf der Position des Trainers herrscht ein Kommen und Gehen wie es in der Liga beinahe seinesgleichen sucht, auch die anderen Positionen im Verein wechseln überdurchschnittlich oft ihr Personal.

Personalrochaden en masse

Zum Beispiel die Position des Managers: Seit 2005 versuchten sich erst Horst Heldt, dann Fredi Bobic und schließlich seit vergangenem Winter Robin Dutt als handelnder Kopf im sportlichen Bereich – Kontinuität, das scheint am Neckar in den letzten Jahren immer mehr zum Fremdwort verkommen zu sein. Wie beim Manager ist auch Bernd Wahler im Amt des Präsidenten nach Erwin Staudt und Gerd Mäuser, der dritte Mann auf seiner Position.

Dabei ist es nach jedem Personalwechsel in Cannstatt das gleiche Schauspiel: Auf einer pompös inszenierten Pressekonferenz wird ein Start in eine bessere Ära verkündet. Man habe die Altlasten nun hinter sich gelassen und starte in eine bessere Zukunft. Das war bei der Inthronisierung von Thomas Schneider als Chefcoach im August 2013 ebenso der Fall, wie bei der Antritts-PK vom letzten Coach Zorniger. "Es wird zur Sache gehen. Es ist immer das Wichtigste, sein Maximum zu erreichen. Daran orientiere ich mich", so der grantelige Schwabe mit einer klaren Vision bei seiner Vorstellung.

Durch diese Show und die überzeugenden Auftritte der Mannschaft in der Schlussphase der vergangenen Saison, als man sich in den letzten drei Partien mit spielerischen Glanzleistungen gegen Mainz, den HSV und Paderborn zum Klassenerhalt schoss, waren die Erwartungen hoch. Nach einer guten Vorbereitung, in der man unter anderem Englands Vizemeister Manchester City aus der Mercedes-Benz-Arena schoss, war der Tenor: Der VfB hat mit dem Abstiegskampf diesmal nicht zu tun. Doch diese neue "Ära" fand nun nach nur 13 Spieltagen ein brachiales Ende.

Es ging zur Sache

Zorniger behielt in einer Hinsicht recht: Es ging zur Sache. Nur nicht für, sondern gegen den VfB. Anfang der Saison wurden zumindest noch tolle Leistungen gezeigt, doch diese wurden immer seltener. Der traurige Höhepunkt war dann am letzten Samstag erreicht, als die der VfB gegen den FC Augsburg hoffnungs- und chancenlos unterging und die Mannschaft vom eigenen Publikum mit Gesängen à la "Oh, wie ist das schön" und einer hämischen LaOla bedacht wurde. Das war zu viel die Verantwortlichen. Zorniger dem es bei den Schwaben in keiner Phase an einem großen Ego mangelte, muss seinen Hut nehmen.

Die spielerische Ausrichtung, die man dem Klub verpasst und durch auch durch alle Jugendmannschaften im Verein etabliert hat, soll bleiben. Zentrale Spielelemente wie Pressing, Gegenpressing, schnelles Umschalten, aggressives Verteidigen und Offensivfußball sollen weiterhin die Leitplanken der Vereinsphilosophie bleiben, in die Zorniger mit Vollgas gefahren ist.

Die scheinbar unmögliche Mission – und dann?

Diese Aufgabe soll laut Sportvorstand Robin Dutt "bis auf Weiteres" nun Jürgen Kramny übernehmen. Im Profifußball ist der Ex-Profi noch ein unbeschriebenes Blatt. Seit Jahren kümmert er sich solide um die Drittligamannschaft der Schwaben, hat aber dort mächtig Probleme, die von oben aufoktroyierte neue Philosophie zu etablieren. Auch in der 3. Liga befinden sich die Schwaben im tiefsten Abstiegskampf.

Er muss also nun bei den Profis schaffen, was kaum zu schaffen scheint. Er muss eine völlig verunsicherte Mannschaft so stabilisieren, dass sie nicht noch tiefer im Abstiegssumpf versinkt. Doch sollte ihm dies tatsächlich gelingen, wie sähe die mittelfristige Zukunft der Stuttgarter aus?

Der große Kehraus wird unweigerlich Folgen

Auch wenn man sich ein drittes Mal in Folge vor dem Abstieg retten könnte, bedarf es zum jetzigen Zeitpunkt mehr als nur ein wenig Vorstellungskraft, wie die Elf künftig aussehen dürfte. Die besten Spieler wie Didavi, Ginczek, Kostic oder Werner können wohl mangels Perspektive nicht gehalten werden. Sie steckten teilweise schon im Sommer mit einem Arm in einem neuen Trikot. Es scheint als muss der aktuellen Neubesetzung dann ein noch größerer Kehraus folgen - die Mannschaft muss komplett erneuert werden.

Sportvorstand Robin Dutt, der in seinem Job aber ebenso unerfahren ist, wie sein Wunschtrainer Zorniger es war, muss jetzt beweisen, dass er lernfähig ist. Er muss in Zukunft noch mehr umdrehen als bisher. Er muss zeigen, dass er dieses Mal den richtigen Trainer findet. Einen Coach, der aus seinem Spielermaterial eine Plan entwirft und nicht umgekehrt. Heißester Kandidat für den Schleudersitz im Schwabenland ist derzeit laut Informationen der Stuttgarter Zeitung Ex-Hannover-Coach Tayfun Korkut. Doch egal, wer künftig das Zepter am Cannstatter Wasen schwingt, es muss noch weiter gekehrt werden und auf der Ebene der handelnden Personen endlich für Ruhe gesorgt werden – mit klugen Entscheidungen und nicht mit schönen Sprüchen.