Gladbachs Mahmoud Dahoud: Der Durchbruch eines Hochbegabten

Der Deutsch-Syrer verzückt gerade die Massen und hat großen Anteil am Gladbacher Aufschwung. Das riesige Talent war früh offensichtlich - wurde aber lange zu gut behütet.

Und wie alt ist jetzt dieser Junge mit der Nummer 19 auf dem Rücken? Eine Frage, die sich unter den Zuschauern des Telekom-Cups 2013, einem Vorbereitungs-Turnier auf die neue Saison, regelrecht aufdrängte. Denn da unten auf dem Rasen, im Duell von Borussia Mönchengladbach mit dem frisch gebackenen Triple-Sieger FC Bayern, tummelte sich ein unscheinbarer, schmächtig wirkender Spieler, den kaum jemand kannte, der aber alle begeisterte.

Mahmoud Dahoud war der Name, 17 die Antwort auf die Alters-Frage. Abgezockt gestaltete er das Spiel der Fohlen mit, wurde von Weltstars wie Franck Ribery oder Arjen Robben attackiert - und ließ sie frech ins Leere laufen, befreite sich reihenweise geschickt aus brenzligen Situationen. Dass Spielintelligenz, Ballgefühl, Übersicht und Passgenauigkeit beim gebürtigen Syrer auf atemberaubende Art und Weise ausgeprägt sind, war wahrscheinlich jedem Beobachter sofort klar.

"Oh la la" und doch im Wartestand

"Er zeigt Sachen, oh la la ...", verlieh der damalige Borussen-Trainer Lucien Favre damals in der ihm typischen Manier seiner Begeisterung Ausdruck. Im Ernstfall schien er seinem Juwel aber noch nicht so recht zu vertrauen. Auch Pech kam hinzu, Dahoud verletzte sich zu Beginn der Spielzeit 2013/14 am Knöchel, musste operiert werden und fiel rund vier Monate aus. Auch nach seiner Genesung beließ ihn Favre allerdings zunächst in der U19, war spürbar darauf bedacht, den Teenager behutsam aufzubauen.

Dass der Schweizer dabei vielleicht etwas zu vorsichtig war, wurde nach seinem Rücktritt Mitte September deutlich. Denn seitdem Andre Schubert übernahm, ist der 19-Jährige in aller Munde. Er ist immer noch sehr, sehr jung und hat den Durchbruch vergleichsweise früh geschafft. Und dennoch beschlich den geneigten Fohlen-Fan in den vergangenen Wochen vermutlich das Gefühl: Endlich ist dieser Junge da!

Denn bis zu Schuberts Amtsantritt standen lediglich sechs Bundesliga-Einsätze, die meisten davon nur über wenige Minuten, in Dahouds Bilanz. Und das gut zwei Jahre, nachdem sein Auftritt gegen die Bayern beim Telekom-Cup die Massen verzückte und er von den Medien in den Himmel gelobt wurde. Inzwischen ist er wieder in aller Munde. Allerdings auf einem anderen Level. "Es ist schön, es ist ein Knoten geplatzt für mich", sagte er im Interview mit rp-online Mitte Oktober.

Gesicht des Aufschwungs

Dahoud ist das vielleicht markanteste Gesicht des Gladbacher Aufschwung. Schubert hat ihn fest auf der Doppelsechs installiert, dort gibt er den offensiveren Part neben Kapitän Granit Xhaka. Dahouds überragende Qualitäten in puncto Übersicht, Handlungsschnelligkeit, Ballkontrolle, Passsicherheit und Technik kommen optimal zum Tragen, er verleiht der Borussia Spielwitz aus der Tiefe, hat einen ungemein guten ersten Kontakt. Und wird zuweilen sogar selbst torgefährlich.

Im ersten Spiel unter Schubert etwa, dem befreienden 4:2 über Augsburg, traf der aktuelle deutsche U20-Nationalspieler aus der Distanz. Mitte Oktober, beim 5:1 in Frankfurt gelang Dahoud sein bis dato zweiter Saisontreffer, sehenswerter war allerdings der Durchstecker auf Raffael, mit dem er dem Brasilianer dessen Tor auflegte. Als er dann auch noch in den beiden jüngsten Champions-League-Partien gegen Vorjahresfinalist Juventus überzeugte, auch defensiv viele gelungene Aktionen hatte, war jedem klar, dass in Gladbach gerade ein Spieler heran wächst, der das Potenzial hat, irgendwann in die Weltklasse aufzusteigen.

Verstärkt im Fokus der Top-Klubs?

"Man weiß, dass Gladbach immer wieder Talente hervorbringt, aus denen sogar einmal ein Weltfußballer werden kann", lobte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. Rund um den Borussia-Park ist man jedoch bemüht, die Euphorie um den Youngster zu drosseln. Zwar sagte Dahoud, dessen Vertrag in Gladbach bis 2018 läuft, im Januar diesen Jahres: "Ich bin Borusse, das soll noch viele Jahre so bleiben." Mit jeder starken Leistung, vor allem in der Champions League, wo es für die Borussia am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) gegen den FC Sevilla um Gruppenplatz drei geht, macht er sich aber noch interessanter für Spitzenklubs. Juventus etwa soll, wie die Bild kürzlich berichtete, seine Fühler verstärkt nach Dahoud ausstrecken.

Auch deshalb wollen die Fohlen-Verantwortlichen den 19-Jährigen weitestgehend aus der Öffentlichkeit heraus halten, um ihm lästige Fragen zu seiner Zukunft zu ersparen. "Ich hebe nicht ab, sondern will demütig sein und jeden Tag an mir arbeiten", sagt der Shootingstar, dessen Vita ihn auch aus ganz anderem, nicht-sportlichen Anlass aktuell interessant macht.

Denn seine Eltern flohen Ende 1996 aus Syrien, als der Sohnemann gerade zehn Monate alt war. Im Rheinischen siedelte die Familie an, Dahoud machte seine ersten fußballerischen Schritte im Nachwuchs von Fortuna Düsseldorf, ehe er in der U15 zur Borussia wechselte. Rund drei Jahre später stand er dann im Telekom-Cup gegen die Riberys und Robbens auf dem Platz.

Dass sein Durchbruch danach so lange auf sich warten lassen würde, hätten die Zuschauer seinerzeit wohl nicht gedacht. Umso vehementer drängt der schmächtig wirkende Mittelfeld-Zauberer, der inzwischen die Nummer 8 auf dem Rücken trägt, nun bereits seit mehreren Wochen in den Vordergrund. Und ruft wieder allgemeines Staunen hervor.