Borussia Mönchengladbach: Die angeknackste Psyche

Der Vorjahresdritte hat den Saisonstart vergeigt, die Negativserie ausgebaut. Längst hat Gladbach ein Kopfproblem. Doch wie kann man diese Blockade lösen?

Max Eberl hat schon viele schöne Wochen erlebt. Die vergangenen gehören ganz sicher nicht dazu. Nachdem sein Team bereits drei Bundesliga-Spiele in Serie verloren hatte, musste der Manager von Borussia Mönchengladbach die nächste Pleite über sich ergehen lassen. Ratlos, fast reaktionslos beobachtete Eberl von der Bank, wie die harmlosen Fohlen am Freitagabend im eigenen Stadion gegen den HSV mit 0:3 untergingen. Komplettiert wurde sein gebrauchtes Wochenende durch einen Unfall. Auf dem Weg ins ZDF-Sportsstudio krachte ein Auto in Eberls Dienstwagen. Totalschaden.

Dass Eberl die Steilvorlage trotz Schleudertraumas nicht nutzte, um seinen Fernseh-Auftritt kurzerhand mit einer guten Begründung abzusagen, darf dem 41-Jährigen hoch angerechnet werden. Trotz der sportlichen Krise, trotz des Unfalls trat er mit einem Lächeln vor die Kameras. "Darum bitte ich", scherzte Eberl auf die Frage, ob man ihn mit Samthandschuhen anfassen müsse.

"Diese Ängste hat die Mannschaft jahrelang nicht mehr gehabt"

Das tat Moderator Sven Voss in seiner journalistischen Pflicht natürlich nicht. Stattdessen musste Eberl die Krise erklären. "Vielleicht haben wir angefangen, zu viel nachzudenken", analysierte er. "Diese Ängste", so Eberl weiter, "hat die Mannschaft jahrelang nicht mehr gehabt. Natürlich ist es eine schwierige Situation, in ein Heimspiel gegen Hamburg mit so viel Sorge und so wenig Selbstbewusstsein zu gehen, war dann aber schon überraschend." Gladbach machte eklatante Fehler. Einfachste Dinge klappten plötzlich nicht mehr, von den komplizierten, der hohen Spielkunst der Vorjahres-Mannschaft, ganz zu schweigen.

"Die Spiele gegen Mainz und Bremen sind Spiele, die wir in der letzten Saison gewonnen haben. Es sind die Details. Wir machen mehr Fehler als letzte Saison“, meinte Eberl. 

Ängste, individuelle Fehler, fehlendes Selbstvertrauen: Im Team des Vorjahresdritten hat längst ein Kopfproblem breitgemacht. "Wenn ich keinen Erfolg habe, kann ich in einen Negativkreislauf hereingeraten: Ich strenge mich an – es funktioniert nicht. Dann versuche ich, noch mehr Gas zu geben – es funktioniert auch nicht. Irgendwann bekomme ich Angst vor der Angst“, erklärt Sportpsychologe Werner Mickler im Gespräch mit Goal.

SPORTPSYCHOLOGE WERNER MICKLER
Werner Mickler ist einer der renommiertesten Sport-Psychologen Deutschlands. Er lehrt an der Sporthochschule Köln. Außerdem ist er für den psychologischen Teil der deutschen Trainerausbildung verantwortlich. Nebenbei betreut er die deutsche Taekwondo-Nationalmannschaft.

"Das ich eine Überforderung des Gehirns"

"Wir kennen das alle: Wenn ich etwas mit aller Gewalt richtig machen will, etwas unbedingt genau kontrollieren will, ist die Gefahr relativ groß, dass es nicht funktioniert. Dann traue ich meinen Automatismen nicht mehr und versuche alles bewusst zu steuern. Das ist eine Überforderung des Gehirns“, so Mickler weiter.

Was also tun? Eberl, logisch, will dem Team diese Ängste nehmen. Die Mannschaft selbst hat sich am Samstag zusammengesetzt, sich intern ausgesprochen - ohne Trainer und Manager.

Der Wille ist da. Nur gestaltet sich die Umsetzung kompliziert, wenn das Selbstvertrauen fehlt. "Man muss den öffentlichen Druck ausblenden. Und die Geduld haben, Dinge immer wieder zu wiederholen. Das mag zwar langweilig sein, es ist aber wichtig", erklärt Mickler. Eberl dürfte das ähnlich sehen. Er fordert, die Einfachheit wiederzufinden. "Du musst dir positive Gedanken machen, um auch positive Ergebnisse zu holen."

Wie das gehen kann, weiß Mickler: "Es gibt in jedem Training Situationen, die erfolgreich gelaufen sind. Genau diese Sequenzen muss ich mir vor Augen führen und mir klarmachen, dass ich es kann. Als Trainer kann ich den Spielern solche Momente auf Video zeigen. Das Ganze kann ich sukzessive erhöhen. Dadurch gewinnt man nicht zwingend das Spiel, es vergrößert aber die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.“ Es gehe schlicht darum, aus einem negativen emotionalen Zustand in einen positiven zu kommen.

Die Champions League als Knotenlöser?

Ausgerechnet die Champions League soll nun dabei helfen. "Das ist ein anderer Wettbewerb, den wir nutzen müssen, um uns positive Erlebnisse zu holen", forderte Eberl. Dort spielt die Gladbacher Borussia am Dienstagabend beim FC Sevilla (20.45 Uhr im LIVE-TICKER).

Nur kann die Königsklasse in solch einer schwierigen Phase wirklich hilfreich sein? Ja, meint Mickler: “Das kann befreiend sein. Gegen den HSV hat jeder erwartet, dass der Knoten platzt. Nun spiele ich aber gegen Spitzenmannschaften und bin nicht in der Favoritenrolle – alleine dadurch kann ich anders aufspielen."

Ein Erfolgserlebnis gegen den amtierenden Europa-League-Sieger könnte die Blockade womöglich lösen. Und Eberl würde für ein gebrauchtes Wochenende entschädigt ...