News Spiele

Sergio Busquets: König des Raums

Fußballer haben mit Mathematik für gewöhnlich nicht viel zu schaffen. Bei Sergio Busquets vom FC Barcelona ist das anders. Wenn er auf dem Platz steht, dann zählt er permanent: Wie viele Spieler sich links von ihm befinden und wie viele rechts. Beruhend auf seinen Berechnungen trifft er Entscheidungen, ob er den Pass spielen oder sich drehen soll, ob er einen scharfen Vertikalpass oder einen verlangsamenden Rückpass spielt. Wie ein Schachgroßmeister agiert er auf Attacken des Gegners und forciert selbst welche. Er ist deshalb der vielleicht beste Sechser der Welt. Ohne sein strategisches Geschick und sein Raumgespür wäre der Angriffswirbel von "MSN" in Barcelonas millionenschwerer Offensive nur halb so viel wert.

Busquets ist ein seltener Spielertyp. Er hat nichts gemein mit aggressiven Akteuren wie Arturo Vidal, nichts gemein mit dynamischen Box-to-box-Playern wie Sami Khedira und nur wenig mit Stabilitäts-Gebern wie Nemanja Matic. Der 27-Jährige ist weder das Herz der Blaugrana noch das Hirn. Er verkörpert eher die Sehnen, die Knochen und die Muskeln, die das komplexe Gebilde zusammenhalten. Vor der Abwehr dirigiert er und kippt ab, um schon früh den Aufbau an sich zu reißen und die Startmarke für die so wuchtigen Angriffs-Kreationen von Messi, Suaerz und Neymar zu setzen.

Und genau deshalb ist er so unauffällig, er spielt nicht den finalen Pass wie ein Iniesta oder schließt die Angriffe ab wie Messi. Nein, er sorgt dafür, dass Iniesta den einen Pass spielen kann, mit dem vorletzten oder dem vorvorletzten Pass, den der neutrale Beobachter Sekunden später schon wieder vergessen hat, der aber dennoch entscheidend ist.

Guardiola machte ihn groß

Und auch die Hauptaufgabe eines Sechsers, das Zerstören, erledigt er anders als seine Kollegen. Er ist ein Meister der Antizipation, er erstickt Angriffe im Keim, bevor er zur spektakulären Grätsche ansetzt und er läuft den Raum zu, bevor sein Gegenspieler zum Dribbling ansetzen kann. "Er versteht Nachrichten augenblicklich, er weiß, was das Team braucht, und passt sich klug an", beschrieb Guardiola den Weltmeister von 2010 – und der muss es wissen, schließlich war es der jetzige Bayern-Coach, der den schlaksigen Spanier groß machte.  

2010 verkaufte er die ivorische Dynamik-Maschine Yaya Toure an Manchester City und vertraute fortan die Zentrale endgültig einem dünnen und trotz seiner 1,90 Meter Körpergröße fragil wirkenden Spieler an, der Schwächen im Zweikampf und Defizite im Tempo hatte und bis dahin zwar stark gespielt, aber nicht die Komplett-Kontrolle in der Zentrale hatte: Sergio Busquets. Die Guardiola'sche Rechnung ging auf, Busquets fügte sich in die Pass-Maschinerie ein, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Busquets, der sowohl auf Klub- als auch auf Nationalmannschaftsebene alles gewonnen hat, spielt seitdem auf derart konstant hohem Niveau, dass Lobeshymnen von Mitspielern und Gegnern gleichermaßen erklingen, wenn sie nach Busquets gefragt werden. "Er ist nahezu perfekt", schwärmte auch Luis Enrique, unter dem sich Busquets Rolle verändert und sein Wert noch einmal verstärkt hat.

Die Heatmap des Champions-League-Finales gegen Juventus zeigt die Bewegungen Busquets' auf: Er beherrscht die Zentrale - der gegnerische Strafraum bleibt meist fremdes Territorium

Mehr Raum für den König

Enrique hat Barca einen für die Ball-Ästheten zunächst ungewohnten Arbeitergeist eingehaucht. Es wird noch intensiver gegengepresst, mehr gelaufen und alles dafür getan, dass Messi zur Entfaltung kommen kann. Busquets ist dabei Herrscher des Raums, ein König, der sein Reich mit eiserner Faust regiert. Im Champions-League-Finale gegen Juve etwa leitete er allein Pirlo und Co. immer wieder mit geschickten Bewegungen aus dem Zentrum heraus. Er bestimmte den Spielrhythmus und übte Kontrolle aus.

Im Vergleich zur Prä-Enrique-Zeit hat sich sein Herrschaftsgebiet noch einmal vergrößert. Ein weiträumiges Quadrat ist allein sein Reich. Weil Rakitic laufstärker als Xavi ist, und mehr die Außenräume abdeckt, ist Busquets nun der alleinige Kommandeur des Sechserraums. Er streut wegen der verlängerten Entfernungen und den seltener gewordenen Dreieckbildungen häufiger lange Pässe ein und hält den Ball länger, obwohl er noch immer einer der besten One-Touch-Fußballer der Welt ist.

Unauffällig, das ist er nicht nur auf dem Platz. Ähnlich wie Iniesta gibt er sich bescheiden. "Ich will nicht, dass Leute über mich sprechen, egal, ob gut oder schlecht. Ich mache selten Interviews. Ich habe kein Twitter. Ich strebe nicht nach Anerkennung oder der Anführer-Rolle. Wenn es mir um Tore gehen würde, würde ich eine andere Position spielen. Ich liebe meine Rolle", sagte er dem Guardian. Dabei ist er längst ein Anführer, er ist dritter Kapitän und es kommt schon einmal vor, dass er Messi nach einer falschen Entscheidung die Meinung geigt.

Ziel? Gewinn des Sextuples

Nach dem Triple in der letzten Saison und der beeindruckenden Renaissance der schon für tot erklärten Generation um Iniesta will Barcelona mehr. Das Sextuple liegt im Bereich des Möglichen, vier Titel wurden schon geholt, Teil eins des fünften Teils soll am Freitagabend im spanischen Supercup-Hinspiel gegen Athletic Bilbao erfolgen (22 Uhr im LIVE-TICKER). Dass die Wiederholung des Triumphes von 2009 mit dem Gewinn aller sechs möglichen Titel gelingt, liegt zu großen Teilen auch in der Verantwortung von Busquets.

Wie gewohnt wird er gegen die Andalusier den Raum zwischen Angriff und Abwehr regieren. Er wird diese unauffälligen Pässe spielen, deren Genialität man kaum erkennt. Er wird Angriffe mit seinen langen Beinen abfangen. Und er wird mit seiner Pressingresistenz allein auf weiter Flur seine Pirouetten drehen, den Ball abschirmen und kurz zögern. Manch einer wird ihn als Spielverlangsamer betiteln, dabei ist es das genaue Gegenteil, denn man sieht nicht, was in ihm vorgeht, man sieht nicht, dass er rasend schnell zählt. Wie viele Spieler befinden sich rechts, wie viele links? Er wird analytisch abwägen und dann eine Entscheidung treffen. Und dass viele unscheinbare Male während eines Spiels. Mit Mathematik seziert er das Spiel und regiert auf diese Weise eine der besten Mannschaften der Welt. Wie ein Schachspieler, wie ein König des Raums.

Get Adobe Flash player
addResponsivePlayer('blqxvrmbb1d51pe824ats6oio', '1d5cfeb3-507e-49ab-bcb5-5add0f610ac7', 'q51nz34mb6fy129stqk060mfz', 'perfblqxvrmbb1d51pe824ats6oio-q51nz34mb6fy129stqk060mfz', 'eplayer40', {age:1429723041000});