Keine Stehplätze, teure Tickets: In England formiert sich Protest

Auf der Insel blickt man neidisch in die deutschen Stadien. Der Ruf nach Veränderungen wird lauter - und kommt nicht mehr nur von den Fans selbst.

Wie sich die Zeiten doch geändert haben. In den 70er und 80er Jahren waren die Anhänger von Borussia Dortmund stolz darauf, mit den englischen Fans verglichen zu werden.

Das Westfalenstadion hatte im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Spielstätten nie eine Laufbahn und war ein reines Fußballstadion. "Es hatte mehr Stehplätze als die anderen und ähnelte mehr den englischen Stadien. Die Fans waren so laut wie englische Fans und darüber sehr glücklich, weil England zu dieser Zeit die beste Fankultur hatte", erklärt der Autor und BVB-Fan Uli Hesse.

"Das ist heute nicht mehr so und deutsche Fans sind sehr enttäuscht, wenn sie zu Spielen nach England fahren. Die Atmosphäre hat sehr darunter gelitten, dass es in England nur noch Sitzplätze gibt", so Hesse weiter.

Hinzu kommen die hohen Ticketpreise in der Premier League: "In den englischen Stadien ist es sehr leise, es ist langweilig. Wenn man die Leute aussortiert, ändert man die Atmosphäre. In Dortmund kann es sich jeder leisten, ins Stadion zu gehen, nicht nur die Alteren und Reichen. In England ist das nicht so", erläutert Hesse.

"Share TV Wealth" ist das Motto

Das sorgt unter den Anhängern auf der Insel für Frust, aber es formiert sich Widerstand. Am Donnerstag gab es in London Proteste, als sich Vertreter der zwanzig Premier-League-Vereine trafen. Der jüngste TV-Deal spült fast sieben Milliarden Euro in die Kassen der Liga, und die Initiative "Share TV Wealth" will darum kämpfen, dass dieses Geld auch für günstigere Ticketpreise genutzt und darüber hinaus in den Amateurfußball investiert wird.

Die protestierenden Fans stehen mit ihrer Meinung nicht alleine da. Auch Politiker und Trainer sind über den aktuellen Zustand nicht glücklich.

Tony Pulis, Trainer von West Bromwich Albion, sagte am vergangenen Wochenende: "In der Premier League wird so viel Geld gemacht, dass man mir nicht erzählen kann, dass davon nicht ein kleiner Anteil genommen werden kann, um den Anhängern günstigere Tickets und verbilligte Auswärtsfahrten anzubieten."

Zudem sprach er sich dafür aus, das Kontingent für Auswärtsfans zu erhöhen: "Ich würde es liebend gerne sehen, dass eine Tribüne den Gäste-Anhängern zur Verfügung gestellt wird", so Pulis, der neidisch nach Deutschland blickt: "Die Premier League ist eine tolle Liga, die sich auf der ganzen Welt fantastisch verkauft. In Deutschland aber haben sie noch Stehplätze hinter den Toren und die Stimmung ist fantastisch. Das haben wir durch reine Sitzplatzstadien verloren."

Auch Jose Mourinho hatte sich zuletzt über die schlechte Stimmung an der Stamford Bridge beklagt, es gab sogar Diskussionen um das Abspielen aufgenommener Fangesänge vom Band zur Verbesserung der Atmosphäre. Das günstigste Ticket für ein Chelsea-Heimspiel kostet fast 68 Euro.

Die Geschäftsführer von Arsenal, West Ham, Crystal Palace und Sunderland gehören zu den Vertretern, die sich für sichere Stehplätze in den Stadien aussprechen.

Die vielleicht wichtigste Unterstützung kommt aber von der "Football Safety Officers Association", eine Vereinigung der Ordnungskräfte in den Stadien, die sich der Sicherheit in den Spielstätten verschrieben hat. Deren Präsident Jim Chalmers sagte: "Die Entwürfe und Pläne für sichere Stehplätze existieren bereits. Alles, was es braucht, um den Fans das zu geben, was sie wollen, ist ein mutiger Schritt und etwas Vertrauen der Regierung." Sicherheitsbedenken scheint es bei ihm nicht zu geben.

Auch viele Politiker sprechen sich für Stehplätze aus, sogar aus der Conservative Party, die sich in der Vergangenheit nur selten für die Anliegen der Fußballfans interessiert hat. In den 80ern, als die Hillsborough-Tragödie 96 Leben gekostet hat und Gewalt in und um Stadien weit verbreitet war, hatte der Fußball unter Premierministerin Margaret Thatcher keinen guten Stand. Inzwischen gehört einer ihrer ehemaligen Minister, Ken Clarke, zu jenen, die eine Rückkehr von Stehplätzen in die Premier League begrüßen würden. Ein weiterer Fürsprecher ist Andrew RT Davies, Vorsitzender der Waliser Conservatives.

"Nur wann, das weiß man nicht"

Der technologische Fortschritt hat moderne Tribünen mit sich gebracht, wie sie auch in Deutschland genutzt werden, wo durchschnittlich 10.000 Fans auf Stehplätzen einem Bundesligaspiel beiwohnen. Diese Tribünen sind sicher und verlässlich. Eine Dauerkarte kostet oft ein Viertel des durchschnittlichen Ticketpreises in England, verglichen mit den Karten für Londoner Teams ist es sogar nur ein Sechstel.

Wann also werden die Stehplätze auch in England wieder Einzug erhalten und für eine Verbesserung der Stimmung sorgen?

Michael Brunskill, Sprecher der Football Supporters Federation, die die Proteste am Donnerstag organisiert, ist sicher, dass man früher oder später in englischen Stadien wieder stehen darf. Wann, das weiß er nicht. "Vor zehn Jahren noch haben die Vereine sich nicht für Stehplätze interessiert", so Brunskill gegenüber Goal. "Inzwischen ist das anders."

Das Meinungsbild habe sich gewandelt. "Durch YouTube und die sozialen Medien wissen die Fans von den Stehplätzen, den Ticketpreisen und der Stimmung in deutschen Stadien. Vielleicht rede ich noch in fünf Jahren davon, ohne das was passiert, aber es wird sich was ändern."

Der Politiker Andrew RT Davies sei ein großer Anhänger von Stehplätzen, und er habe es einst auf den Punkt gebracht, führt Brunskill weiter aus. "Er verglich die Bewegung für Stehplätze mit Wellen, die gegen einen Damm schlagen. Der Damm hat Löcher und jeder weiß, dass er irgendwann einbrechen wird. Nur wann, das weiß man nicht."