Kevin De Bruyne: Wolfsburgs Chef-Antreiber mit Baby-Face

Schnell, frech, präzise: Der 23-Jährige ist der mit Abstand beste Zuarbeiter der Liga, seine Qualitäten prädestinieren ihn für Wolfsburgs Spiel. Und machen Hoffnung auf mehr.

Wolfsburg. Die kindlichen Gesichtszüge. Die roten Bäckchen. Die Sturmfrisur in Orange. Kevin De Bruyne wirkt auf den ersten Blick wie das Abbild des kleinen Lausbuben, der beim Bolzen gerade dem Nachbarn die Fensterscheibe eingeschossen hat. Und dann Reißaus nimmt. So, wie er es auch beim VfL Wolfsburg aktuell reihenweise tut. Allerdings vor seinen Gegenspielern.

Valon Behrami war vergangenen Sonntag derjenige, der nur noch De Bruynes Rücklichter sah. Er war dran, kurz davor, den Belgier zu stoppen. Doch dann nahm der Rotschopf im grün-weißen Trikot Speed auf, volle Fahrt voraus. Einen rund 70 Meter langen Vollsprint später, im Dunstkreis des gegnerischen Strafraums angelangt, sezierte er die zurückgeeilte HSV-Defensive mit einem präzisen und exakt temperierten Querpass auf Aaron Hunt, der aus kurzer Distanz cool einschob. Der Enthusiasmus, mit dem De Bruyne jene Szene lebte, ließ erahnen, was er nach Schlusspfiff bestätigte: "Wenn ich Fußball spiele, habe ich immer Spaß."

Diegos Marke übertrumpft

Es war bereits der neunte Assist des 23-Jährigen in dieser Bundesliga-Saison. Und das im elften Spiel. Rekord. Diegos acht Vorlagen zum gleichen Zeitpunkt der Spielzeit 2006/2007 sind übertrumpft. Und vor allem war es ein Assist, der exemplarisch vor Augen führt, warum De Bruyne aktuell so wertvoll für das Wolfsburger Spiel ist. "Bremer Ballbeschleuniger" nannte ihn die FAZ treffend, als er noch bei Werder wirbelte.

Der Philosophie des VfL kommt diese Qualität in hohem Maß zugute. Die Niedersachsen praktizieren kein hohes Angriffspressing, wie es Dortmund oder Leverkusen größtenteils aufs Parkett legen. Vielmehr geht es im Verteidigungskonzept von Trainer Dieter Hecking um Ballgewinne in der eigenen Hälfte, um dann im Eiltempo den Motor Richtung gegnerisches Gehäuse anzuwerfen. Der Chef-Antreiber ist dann häufig De Bruyne. Wegen seiner Schnelligkeit mit Ball, seiner Geschmeidigkeit, seiner außergewöhnlichen Orientierungsgabe in derlei Kontersituationen.

Tipico

Kilometerfresser in Ballbesitz

Untermauert wird die Bedeutung des WM-Teilnehmers nicht nur durch den Eindruck, den schon reine Beobachtung rasch hervor ruft, sondern auch durch Zahlen. In sieben der elf Liga-Partien zog er die meisten Sprints in Wolfsburgs Mannschaft an. Noch ausdrucksstärker: Zwar erwies sich De Bruyne in dieser Spielzeit bislang nie als insgesamt laufstärkster Spieler der Elf aus der Autostadt. Doch in acht von elf Begegnungen legte er die meisten Kilometer im Team zurück, wenn man selbst in Ballbesitz war. Sein Wert als Zugpferd der VfL-Gegenstöße, damit als Schlüsselspieler, wird spätestens daraus ersichtlich.

Geradezu überragend sind die 44 Torschussvorlagen, die De Bruyne bereits auf die Beine gestellt hat. Absoluter Top-Wert der Liga. Zum zweitbesten Zuarbeiter, Paderborns Mario Vrancic (29 Torschussvorlagen), klafft eine Lücke. Dabei besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit des belgischen Nationalspielers, die sich aus den Laufwegen von Mit- und Gegenspielern ergebenden Nischen mit scharfem Blick zu erkennen. Übersicht auf höchstem Niveau, nennt man das im Volksmund. "Extraklasse, die man braucht, wenn man oben mitspielen will", nennt das Dieter Hecking, der die besondere Gefahr de Bruynes für den Gegner folgendermaßen erklärt: "Weil er Räume findet, die schwer zu erkennen sind."

Der Coach setzt daher uneingeschränkt auf den früheren Chelsea-Akteur, ob in zentraler Position der offensiven Dreierreihe oder auf dem linken Flügel. Hecking weiß, sein vielleicht wichtigster Schützling ist "kein Trainingsweltmeister", spiele schlichtweg lieber, als sich auf dem Übungsplatz zu verausgaben. Gelegenheit dazu bekommt er reichlich. 988 von 990 möglichen Bundesliga-Minuten hat er absolviert, wurde nur einmal für die Schlussminuten ausgewechselt. Die jüngsten sechs Wolfsburger Siege am Stück sahen sieben De-Bruyne-Vorlagen, insgesamt steht der eingangs erwähnte Rekord von neun Assists auf dessen Konto. In der Scorer-Liste muss er aber dennoch Thomas Müller die Spitzenposition gewähren. Warum? Weil er erst einen eigenen Treffer erzielen konnte. Es mutet wie das momentan einzige kleine Manko an, dass er seine 26 Torschüsse (die fünftmeisten der Liga) noch nicht häufiger in Zählbares ummünzt.

Zurückhaltend, aber meinungsfest

Doch auch ohne De Bruyne’sche Torjägerqualitäten ist der VfL als Zweiter derzeit ärgster Bayern-Verfolger, hat vier Punkte Rückstand auf die Münchener. Kampfansagen sind vom VfL-Topscorer wohl nicht zu erwarten. Er sei "eher der zurückhaltende Typ", sagte er zu Werder-Zeiten im Interview mit der Kreiszeitung Syke. Nichtsdestotrotz bezeichnet er sich als "Gewinner", ist grundsätzlich meinungsfest: "Ich sage, was ich denke."

Bewiesen hat er jene Charakterstärke schon in prekären Momenten. So etwa, als eine Affäre seiner damaligen Freundin Caroline mit Nationalmannschaftskollege Thibaut Courtois bekannt wurde. Belgiens Trainer Marc Wilmots fragte ihn daraufhin, ob er den Keeper aus dem Team werfen solle, verrät De Bruyne in seiner gerade erschienenen Autobiografie "Keep it simple". Er wiegelte ab: "Er ist immer noch ein guter Torhüter. Also sagte ich, dass er bleiben könne."

Das war im Frühjahr 2013, als der Betrogene noch in Bremen spielte. Vielleicht fehlte ihm anschließend auch deshalb die Fokussierung, um sich nach seiner Rückkehr zu Chelsea in London zu behaupten. Im Januar diesen Jahres nahm ihn Wolfsburg-Manager Klaus Allofs dann mit Kusshand entgegen. Es dauerte, bis De Bruyne nach durchwachsener Rückrunde 2013/14 sein volles Potenzial ausschöpfte. Nun tut er es – und macht die gesamte Mannschaft besser.