Filip Kostic: Die heißeste Aktie des VfB Stuttgart

Es dauerte, aber als sich der Linksfuß beim VfB eingewöhnt hatte, lief es für Spieler und Verein besser. Doch vielleicht wird er sich wieder umgewöhnen müssen.

"Wer ist der Spieler des Monats Mai?", fragte der US-amerikanische Fernsehsender ESPN Anfang Juni auf seiner Homepage. Zur Wahl standen drei Spieler: Lionel Messi, gerade erst frisch gebackener spanische Meister, Doppeltorschütze im Finale der Copa del Rey und feststehender Champions-League-Finalist. Cristiano Ronaldo, der im vorangegangenen Monat in sechs Spielen elf Tore erzielte. Und zur großen Überraschung Filip Kostic vom VfB Stuttgart. Das Internetportal war auf den 22-Jährigen Serben aufmerksam geworden, da dieser statistisch in besagtem Monat doppelt so viele Dribblings wie Messi begann und sich als eminent wichtiger Mann im Bundesliga-Abstiegskampf auszeichnete.

"Wir haben ihn lange und intensiv beobachtet. Er ist ein junger, technisch versierter und vor allem auch torgefährlicher Spieler mit sehr guten Entwicklungsmöglichkeiten", kündigte der damalige Sportvorstand Fredi Bobic seinen vermeintlichen Königstransfer August 2014 an. Unter anderem durch die Verpflichtung des sechs Millionen Euro teuren serbischen Jugendnationalspielers, der mit einer beeindruckenden Quote von 17 Torbeteiligungen in 34 Ligaspielen vom FC Groningen kam, und der Rückkehr von Meistertrainer Armin Veh, wurden in Stuttgart Erwartungen geschürt, sich in der kommenden Saison nicht erneut im Tabellenkeller aufreiben zu müssen.

Es kam bekanntlich anders: Der Saisonstart verlief für den VfB denkbar schlecht. Kostic hatte heftig mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen, war er doch bis dahin die schwächer einzuschätzende niederländische Erendivision gewöhnt. So fand er sich die meiste Zeit auf der Bank wieder. In den Einsatzzeiten, die ihm Veh gewährte, fiel er zwar stets durch seine enorme Schnelligkeit auf, gleichzeitig war sein Spiel aber durch mangelndes Selbstvertrauen und eine nicht vorhandene Ballsicherheit geprägt.

Tipico

Unter Stevens aussortiert

Auch unter Veh-Nachfolger Huub Stevens lief es nicht besser. Der knurrige Holländer nominierte ihn nicht einmal mehr für den Kader und kreidete öffentlich seine Defensiv-Qualitäten an. Ein Weckruf der ankam. "Daran habe ich gearbeitet, im Kraftraum und mental", wird Kostic im Interview mit der Bild retrospektiv feststellen. Der VfB hing tief im Tabellenkeller fest: Seit dem ersten Spieltag waren man nur einmal besser als 14.

Und auch das Talent sah man in Württemberg mittlerweile in einer Reihe mit Transferflops vergangener Jahre: Abdellaoue, Rausch, Sararer, Haggui - Kostic. Viele Anhänger hätten zu diesem Zeitpunkt diese Liste wohl genauso unterschrieben. Mit Bobic, der durch seine Einkaufspolitik für die unendliche Misere im Verein verantwortlich gemacht wurde, war einer seiner prominentesten Fürsprecher längst von allen Funktionen entbunden worden.

Wenig deutete darauf hin, dass Stuttgart den Abstieg abwenden könnte und ebenso wenig, dass Kostic daran einen großen Anteil haben könnte. In der Stevens-Elf war kein Platz für Ballkünstler– schon gar nicht für welche mit angeknackstem Selbstvertrauen. Zuweilen fanden sich in der Startaufstellung bis zu zehn defensiv orientierte Spieler wieder.

Erst nach der Heimspiel-Niederlage gegen Borussia Dortmund am 22. Spieltag wich Stevens von seiner extrem zurückhaltenden Taktik ab.

Wendepunkt Frankfurt

Die Umstellungen des Trainers und eine Rote Karte von Martin Harnik im Spiel gegen Hannover spülten Kostic Anfang März gegen Hertha BSC das erste Mal seit November in die Startformation - jedoch noch auf der eher ungeliebten rechten Außenbahn. Es folgte ein schlechter Auftritt gegen Leverkusen, bei dem er in der Halbzeit in der Kabine bleiben musste.

Der Knoten platze, als sich im darauffolgenden Spiel gegen Eintracht Frankfurt bei 0:1-Rückstand in der 58. Minute mit Timo Werner der etatmäßige linke Flügel verletzte. Der eingewechselte Kostic und Stuttgart spielten sich in einen Rausch und schickten die Hessen am Ende mit 3:1 nach Hause. Kostic gab mitunter die maßgeschneiderte Vorlage zum entscheidenden Treffer.

Fortan hatte er seinen Platz im lebendig aufspielenden Stuttgarter Angriffsquartett neben Daniel Didavi im Zentrum, Martin Harnik rechts und Mittelstürmer Daniel Ginczek gefunden. In dieser Konstellation kamen die Stärken Kostic' richtig zum Tragen: Offensivfreudig, schnell und trickreich im Eins-gegen-Eins, mit einem glänzenden Auge für die Mitspieler ausgestattet, versinnbildlichte Kostic den Wandel im Spiel der Schwaben in der entscheidenden Saisonphase.

In den letzten acht Begegnungen stand er immer von Anfang an auf dem Platz und war an fünf Toren beteiligt. Am heftigsten bekam seine Form im Abstiegsfinale der Paderborner Rechtsverteidiger Michael Heinloth zu spüren. Kostic spielte die ihn beinahe im Minutentakt schwindelig. Trainer Andre Breitenreiter sah sich dazu veranlasst, in der Pause seinen Abwehrmann auszutauschen. Doch auch Jens Wemmer bekam Kostic nicht wirklich besser in den Griff. Der Tempodribbler leitete zahlreiche gute Chancen ein, die Stuttgarter gewannen das Spiel mit 2:1, hielten die Klasse und schickten die Ostwestfalen in die Zweitklassigkeit.

Bedroht die neue Taktik die Kostic-Position?

"Filip Kostic war er mit Abstand der beste Spieler, der diese Saison hier aufgelaufen ist", sagte ein sichtlich konsternierter Breitenreiter nach dem Abpfiff. Ein sehr hoch gegriffenes Lob, wenn man bedenkt, dass in der Benteler-Arena Spieler wie Arjen Robben oder Bas Dost angetreten sind und sogar einen Doppelpack schnürten. Kostic kickte aber mit einer Leichtigkeit, die teilweise an die Glanzstücke des genannten Bayern-Stars erinnerte: Man kann ahnen, warum er während seiner Zeit in Groningen, wo auch die Karriere von Robben einst begann, den Rufnamen 'Arjen' inne hatte.

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Sollte Kostic auch nur annähernd seine Form konservieren, wird der neue Coach Alexander Zorniger nicht an ihm vorbei. Sportvorstand Robin Dutt hat jedenfalls nach der Saison möglichen Anfragen einen Riegel vorgeschoben: "Ich kann die Fans dahingehend beruhigen, dass ich in den letzten Spielen auch genau hingeschaut habe und, glaube ich, eine ähnliche Sicht wie viele Fans habe."

Für Aufhorchen sorgte am Mittwoch Daniel Ginczek, der im Interview mit der Sport Bild, Details zum neuen Spielsystem unter Zorniger verriet: "Das ist für uns eine kleine taktische Revolution, es geht alles über das Zentrum, Außenspieler gibt es nicht mehr in der Form wie in der zurückliegenden Saison." Eigentlich nicht vorstellbar, dass er Kostic beschneiden wird, indem er ihn nicht mehr über die Außen in unwiderstehlich, technisch starke und freche Tempodribblings gehen lässt. Auffällig war, dass Zorniger Kostic bei der Antrittspressekonferenz in seinen Gedankenspielen zur künftigen Offensive nicht erwähnte (siehe Video oben).

Wenn Kostic seine Stärken noch kontinuierlich ausbauen kann, wird Zorniger an ihm nicht vorbeikommen. Vielleicht wird Kostic dann nicht nur einmalig mit Spielern wie Ronaldo oder Messi genannt. Die erste, wenn sicherlich nicht ganz ernst gemeinte Abstimmung hat er bei den Fans übrigens haushoch gewonnen und schnappte sich mit 62 Prozent den Titel "ESPN Spieler des Monats Mai".