Die fetten Jahre ungenutzt: Schalkes Zeugnis der Stagnation

Drei Mal in Serie zog Schalke in die Champions League ein. Eine Weiterentwicklung auf sportlicher Ebene fehlt jedoch. Jetzt wird der Preis dafür bezahlt.

Der FC Schalke 04 kämpft in einer bitteren Saison um das absolute Minimalziel: die Europa League. Zuvor schaffte der Klub, hier und da auch mit einer ordentlichen Portion Glück versehen, stets den Einzug in die Gruppenphase der finanziell sowie sportlich wichtigen Champions League. Einen wirklichen Nutzen konnte der Verein daraus nicht ziehen. Auf sportlicher Ebene stagniert Königsblau.

Die Quittung für den Stillstand bekommen die Entscheidungsträger vom Ernst-Kuzorra-Weg nun um die Ohren gepeitscht. Borussia Mönchengladbach ist vorbeigezogen. Das Team, welches vor vier Jahren beinahe abgestiegen wäre und mit internationalem Fußball nur auf der Spielkonsole was gemein hatte. Der Abstand auf Rang drei und vier, die Bayer Leverkusen und Gladbach innehaben, beträgt aktuell satte zwölf Punkte – eine Hausnummer.

  • Ungenutzte Chancen

Rückblick: In der Saison 2009/2010, als Felix Magath als frisch gebackener Meister mit dem VfL Wolfsburg überraschend das Zepter beim Revierklub übernahm, war es die Mischung aus jungen Talenten und etablierten Kräften, die, verbunden mit einer Spielphilosophie, für attraktiven, aber vor allem auch erfolgreichen Fußball in dessen Premieren-Jahr sorgte. Schalke 04 kämpfte mit dem allmächtigen FC Bayern tatsächlich um die Krone des deutschen Fußballs, wie zwei Jahre zuvor, als man die Schale noch auf der Zielgeraden an den VfB Stuttgart verlor. Konkurrenten wie Borussia Dortmund, Leverkusen oder eben die Fohlen wurden von den Knappen damals eindrucksvoll auf ihre Plätze verwiesen.

2010/2011 verstärkte sich der Klub mit Superstars wie Klaas-Jan Huntelaar und Legende Raul Gonzalez Blanco. Mit ihnen wurde sogar das Halbfinale der Königsklasse erreicht und der DFB-Pokal gewonnen. Schalke generierte viele lukrative Einnahmen, verkaufte zudem Torwart Manuel Neuer für kolportierte 22 Millionen Euro an Bayern. Durch das schlechte Abschneiden in der Liga folgte jedoch ein Sabbatjahr in der Europa League. Dennoch: Schalke 04 hatte die Möglichkeiten, sich dauerhaft zu einem Konkurrenten um die Plätze eins und zwei zu entwickeln.

Theoretisch ist eine Weiterentwicklung auf dem Papier relativ einfach zu planen, die Umsetzung ist allerdings von diversen Begleitumständen abhängig. Davon hatte man wahrlich genug, besonders auf der Bank. "Das Problem in den letzten Jahren sehe ich in der mangelnden Kontinuität auf dem Trainerposten. Wenn ich die nicht habe, fehlt mir die Kontinuität in der Personalplanung und der Spielphilosophie", meint auch Sky-Experte Christoph Metzelder im exklusiven Gespräch mit Goal. Schalke hatte diese angesprochene Langatmigkeit nicht.


Auch Schalkes Supertalent Julian Draxler dürfte der Blick nach oben schwerfallen

  • Rangnick-Schock als Faktor
EXPERTISE
Von Sky-Experte Christoph Metzelder:

Wenn man sich die Vergangenheit des Vereins anschaut, dann ist eine dauerhafte Aufgeregtheit zu spüren, das ist die DNA dieses Klubs. Das ist gar nicht ausschließlich negativ gemeint, denn das macht ja auch die Faszination dieses Vereins aus – es ist immer etwas los. Das Problem in den letzten Jahren sehe ich in der mangelnden Kontinuität auf dem Trainerposten. Wenn ich die nicht habe, fehlt mir auch die Kontinuität in der Personalplanung und der Spielphilosophie.

Es wurden in den letzten Jahren von unterschiedlichen Trainern unterschiedliche Spieler geholt, die nun diesen Kader bilden. Aber bei aller Heterogenität ist immer noch eine hohe individuelle Qualität auf dem Platz versammelt. Und man muss hervorheben, dass Schalke in den letzten Jahren viele hoch veranlagte Spieler aus der Knappenschmiede in den Profikader eingebaut hat.

Mit dem plötzlichen Burn-out von Ralf Rangnick im September 2011 wurde Manager Horst Heldt vor eine Situation gestellt, die alle Pläne zunichte machte – Schalke hatte vom einen auf den anderen Tag plötzlich und überraschend keinen Chefcoach mehr. Eine Notlösung musste gefunden werden. Diese war Huub Stevens, der ans Berger Feld zurückkehrte und nur ein gutes Jahr später – nach Erreichen der Champions League – wieder seine Koffer packen musste. Im Dezember 2012 wurde Jens Keller inthronisiert und nach knapp zwei Jahren als eigentliche Übergangslösung beurlaubt. Nun leitet Roberto Di Matteo den Lizenzspielerkader.

In den letzten drei Jahren gelang es Schalke 04 immer, die Champions League zu erreichen und die Gruppenphase zu überstehen – mit positiven finanziellen Folgen. Auf sportlicher Ebene verfielen die Verantwortlichen dabei aber in Stoizismus, während sich das Rad weiterdrehte. Das große Verletzungspech tat sein Übriges, eine Ausrede darf es trotzdem nicht sein. Immerhin hatte doch die Gelddruckmaschine Königsklasse Raum zur Entfaltung geboten. Die Basis für eine kontinuierliche Weiterentwicklung, mit dem Ziel ein ernstzunehmender Konkurrent Bayerns zu werden oder zumindest regelmäßig um Platz zwei zu streiten, schien geschaffen. Doch man hat diese Chancen liegen gelassen. Obwohl seit Raul 2012 kein wichtiger Leistungsträger den Verein verließ, der Kern des Teams zusammenblieb, gelang es nicht, die Mannschaft für höhere Aufgaben zu veredeln.

Viele Bemühungen auf dem Transfermarkt, um eben das Kollektiv zu verstärken, den Berg weiter hochzuklettern, verliefen im Sande. Sämtliche Blaupausen verpufften. Heldts Bilanz wirkt angesichts der jetzigen Situation ernüchternd. Aufgrund der Konsolidierung musste er auf dem Basar mit angezogener Handbremse agieren. Und nahm der 45-Jährige mal einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand, wurde es mit Kevin-Prince Boateng ein teurer Fehlgriff. Die fehlende Weiterentwicklung ist durch Pech, aber auch durch Konzeptfehler zustande gekommen. Das Ergebnis ist bitter: 2012 betrug der Abstand auf Tabellenplatz zwei neun Punkte. 2013 waren es sogar elf, 2014 sieben Zähler. Augenblicklich liegt Schalke satte 19 hinter dem begehrten Rang nach dem FC Bayern. Die Tendenz ist rückläufig, eine bittere Wahrheit.

  • Zeugnis der Stagnation

Das Erreichen der Champions League ist für die immer noch mit hohen Verbindlichkeiten (ca. 164 Millionen Euro) belasteten Schalker laut eigener Definition schon ein großer Erfolg. In den 2000er-Jahren wurden sie innerhalb von zehn Spielzeiten ganze vier Mal Vize-Meister. Davon sind sie in den letzten vier Jahren aber meilenweit entfernt. Dass Heldt nun von Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies den klaren Auftrag bekam, einen Umbruch im Team zu vollführen, ist das Zugeständnis eigener Fehlplanungen und darf als eindeutiges Statement verstanden werden.

Mit Di Matteo hat der Klub nun einen Trainer mit einer Philosophie, mit einem strukturierten Konzept. Ihm gelang es in der Kürze der Zeit aber noch nicht, den Kader so zu justieren, um eben jene Philosophie erkennbar zu machen. Als der Italo-Schweizer Anfang Oktober 2014 das Amt von Keller übernahm, soll die Mannschaft nicht über ausreichende Fitness verfügt haben. Zudem plagte sie außergewöhnliche Verletzungsprobleme.

Hatte man sich trotz jener Probleme in der jüngeren Vergangenheit noch durchgewurschtelt und mit dem letzten Atemzug sein Ziel erreicht, vermochte dies in der aktuellen Saison nicht mehr zu gelingen. Die Königsklasse ist futsch, Schalke ist seit Jahren nicht mehr die zweite Kraft im deutschen Fußball, vielmehr die vierte oder gar fünfte - ein brutales Zeugnis für einen derart stolzen Verein.


Schalke-Trainer Roberto Di Matteo hat noch viel Arbeit vor sich

Veränderungen sind im Sommer nötig und der Wille danach ist absolut richtig. Skepsis herrscht bei der Umsetzung trotzdem. Ex-Schalker Metzelder sieht Schwierigkeiten: "Wir müssen realistisch bleiben. Ich kann nicht einen Umbruch machen, wenn die meisten Verträge meiner Spieler noch laufen. Für viele gibt es demnach erstmal keine Veranlassung, sich aus ihrem gut dotierten Arbeitsverhältnis zu verabschieden. Dabei bräuchte man punktuell Transfers in der Größenordnung eines Sami Khedira, um den Kader neben all den jungen Talenten mit Qualität und Erfahrung zu optimieren."

  • Sportlicher Weg zu alter Stärke

Über große Zukunftshoffnungen verfügt Schalke, die Knappenschmiede - das Jugendleistungszentrum des Vereins - leistet hervorragende Arbeit. Trotz vorhandener Qualität im Profi-Aufgebot besitzen dort allerdings zu viele Mitläufer satte Verträge. Diese auf dem Markt weiterzuvermitteln, erweist sich demnach als äußerst schwierig. Nun soll der Heiland Khedira sein, jemand, der Schalkes größte Baustelle adäquat besetzen könnte – das zentrale Mittelfeld. Dort ist auf sportlicher Ebene das größte Problem auszumachen.

Es fehlt das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Ein Spieler internationaler Güte, der es beherrscht, als Brücke zu fungieren, die, um im Bilde zu bleiben, zwei Stadtteile miteinander verknüpft. Den Entscheidungsträgern des FC Schalke 04 steht viel Arbeit bevor. Sie verfügen über großen Spielraum, nicht umsonst kann man sich eine Profiabteilung leisten, die in der Bilanz über 90 Millionen Euro im Jahr verschlingt. Die Maßnahmen der letzten Jahre haben jedoch dazu geführt, dass der Traditionsklub in seiner Entwicklung keine signifikanten Schritte nach vorne macht. Stillstand bedeutet Rückschritt: Teams wie der VfL Wolfsburg, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen haben die Blau-Weißen aktuell überholt. Dies allein sollte Warnung genug sein.

Die große Hoffnung heißt nun Di Matteo, der den Kader nach seinen Wünschen und den königsblauen Möglichkeiten umbauen wird. Die Verpflichtung von Matija Nastasic im Winter ist ein Fingerzeig dafür, dass er ein Auge für Spieler hat, die Schalke weiterbringen. Die Personalentscheidungen müssen erfolgreich sein, dann sind die Fehler der Vergangenheit auszumerzen. Schalke hat die Kraft dazu.