Schweinsteiger: Einer von elf Kapitänen - aber mit Binde

Ungewohnt ist der Gedanke an einen anführenden Schweinsteiger im DFB-Team keineswegs. Dennoch öffnet sich mit alleinigen Kapitäns-Ehren ein neues Kapitel.

Sie wird doch immer wieder gerne genommen, die Redensart vom sich schließenden Kreis. Und ganz egal wie abgedroschen sie klingen mag, im Zusammenhang mit Bastian Schweinsteiger ist sie dieser Tage einfach angebracht.

In Kaiserslautern, dort, wo er am 6. Juni 2004 gegen Ungarn sein allererstes Länderspiel bestritt, führt er die deutsche Nationalelf am Mittwoch im Test gegen Australien (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) erstmals als offizieller Kapitän auf den Rasen.

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Tipico

"Das hat man natürlich im Hinterkopf", gab Schweinsteiger angesprochen auf diesen besonderen Umstand zu. Gleichzeitig relativierte er jedoch auf der Pressekonferenz: "Aber das ist jetzt auch schon ein paar Tage her." Ohnehin will er die neue Aufgabe, die ihm Bundestrainer Joachim Löw im September 2014 öffentlich übertragen hatte, nicht allzu hoch hängen, betonte, dass sich mit dem Symbol für Verantwortung "nicht viel" ändere.

Bereits mehrfach "ausgeholfen"

Schließlich hatte der 30-Jährige auch ausreichend Zeit zum Hineinwachsen: Seit der Ernennung zum Mannschaftsführer versäumte Schweinsteiger sämtliche Länderspiele gesundheitsbedingt. Zudem übernahm er die Binde bereits viermal während eines Matches, fungierte überdies fünfmal von Beginn an als Aushilfskapitän der deutschen Vorzeige-Elf, zuletzt in Abwesenheit Philipp Lahms beim 6:1-Erfolg gegen Irland im Oktober 2012.

Der wichtigste Grund aber, warum ihm mit dem Kapitänsamt einhergehende Verpflichtungen keineswegs fremd sind: Seit angesprochenem Debüt im Vorfeld der EM 2004 war Schweinsteiger stets wichtiger, zuweilen unentbehrlicher Bestandteil des DFB-Teams. Die Bedeutung für das Kollektiv wuchs dabei mit seinen Aufgaben.

Vom Teenieschwarm, der den linken oder rechten Flügel der damaligen Mittelfeld-Raute ausfüllte, mauserte er sich zu einer der Säulen der Kommandozentrale. Eine sowohl auf sportlicher als auch persönlicher Ebene bemerkenswerte Entwicklung schlug Schweinsteiger ein. Beflügelt unter anderem davon, dass er Vorbilder stets vor der Nase hatte und sich an ihnen orientierte.

"Michael Ballack hat ihn sicher sehr beeinflusst, auch was sein Spiel angeht", sagte Alexander Kords, Biograf des Bayern, vor einigen Wochen dem Focus. Bei zwei großen Turnieren erlebte er den Capitano als Anführer - und hat ihm mit dem WM-Titel seit vergangenem Sommer etwas voraus.

Langer Atem für den Ruhm

Es war die vorläufige Krönung einer langen Wegstrecke. Nicht nur für Schweinsteiger, sondern selbstredend für die ganze Mannschaft. Im Speziellen aber für ihn und vier seiner Teamkollegen, namentlich Lukas Podolski, Per Mertesacker, Miroslav Klose und Philipp Lahm, die seit der WM 2006 viermal in Folge bei Großturnieren knapp vor der Erfüllung des großen Traumes jäh gestoppt worden waren.

Lahm, Mertesacker und Klose sind seit der Nacht von Rio nicht mehr verfügbar, Podolski hat aktuell nicht das sportliche Niveau für einen Leistungsträger. Also fiel Löws Wahl zum neuen Leitwolf logischerweise auf Schweinsteiger. Zumal jener allerspätestens im WM-Finale gegen Argentinien aller Welt bewies, dass er das Zeug dazu hat. Die Bilder des blutverschmierten Münchners, der sich in der Verlängerung kaum noch auf den Beinen halten kann und trotzdem in jeden Zweikampf wirft, als wäre es sein letzter, werden wohl jedem deutschen Fußball-Fan auf ewig Gänsehaut bereiten.

Er war in jener Partie der Prototyp eines Führungsspielers. Ein besseres Lehrvideo für die Ausübung dieser Rolle könnte man sich nicht ausmalen. Möglichst zahlreiche Wiederholungen solcher Leistungen erhofft sich der Trainerstab nun für die Zukunft Schweinsteigers, der überdies im zwischenmenschlichen Bereich große Stärken besitzt. Biograf Kords beschreibt ihn als "Socializer" - jemand, der bestrebt ist, den mannschaftlichen Zusammenhalt zu pflegen.

Elf Kapitäne müsst ihr sein

Er will verbinden, verinnerlicht den Einheitsgedanken. Sowohl im sozialen als auch im fußballerischen Bereich. "Ich bin ein Spieler, der denkt, dass elf Kapitäne auf dem Platz stehen müssen, um erfolgreich zu sein", gab Schweinsteiger am Dienstag die Marschroute vor. Besonders tatkräftige Unterstützung bei der Aufteilung der Mannschaftsführung darf er vom Spielerrat um Manuel Neuer, Mats Hummels, Thomas Müller und Sami Khedira erwarten.

ERFOLGSREZEPT? "11 KAPITÄNE SEIN"
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Nichtsdestotrotz steht Schweinsteiger als Kapitän zukünftig noch stärker im medialen Fokus als ohnehin schon, muss sich diesem Szenario der Hierarchie wegen zwangsläufig stellen. Er kann nicht mehr darauf vertrauen, dass sich Vorgänger Lahm in kritischen Situationen in den Wind stellt. Ebenso wenig kann er den Kontakt mit Reportern und Presse derart weitgehend vermeiden, wie er es beim FC Bayern tut.

Punkten, punkten, punkten

Nun ist die aktuelle Lage der deutschen Elite-Truppe nicht übermäßig besorgniserregend. Dennoch war der Start in die EM-Qualifikation mit der Niederlage in Polen und dem faden Heim-Remis gegen Irland keineswegs optimal. "Das Entscheidende ist, dass wir die Punkte holen", fasste Schweinsteiger angesichts von Platz drei in Gruppe D treffend zusammen.

Nach dem Aufgalopp gegen Australien wird der Weltmeister dann am Sonntag (18.00 Uhr im LIVE-TICKER) gegen Georgien auch erstmals seit dem Triumph im Maracana wieder in den Pflichtspielbetrieb der Nationalelf eingreifen. Schon in Tiflis ist ihm dabei jene gewohnte Schlüsselrolle zugedacht, die ihm wahrscheinlich bis zum nächsten Etappenziel, dem EM-Finale in Paris, niemand streitig macht. Denn obwohl die Konkurrenz im Mittelfeldzentrum durch die Rückkehr von Ilkay Gündogan noch einmal Zuwachs erfahren hat, ist Schweinsteiger einer jener Akteure, die gesetzt sind.

Auch im Verein, wo der Kampf um die Plätze vermeintlich noch einen Zacken härter ist, scheint er in den Augen Pep Guardiolas derzeit für den Ernstfall unverzichtbar. Und er hat - wenn es hart auf hart kommt - gegenüber Xabi Alonso in den kommenden Wochen, die über Titel oder Tränen entscheiden, wohl die Nase vorn.

Für seine mehr denn je exponierte Stellung im DFB-Dress ist eine Führungsrolle im Klub essenziell. Denn die Ansprüche bleiben hoch. "Der Weg dieser Mannschaft ist noch nicht am Ende", ließ Schweinsteiger mit Blickrichtung Europameisterschaft 2016 verlauten. Dass sich für ihn persönlich am Mittwoch auf dem Betzenberg ein Kreis schließt, hatte er da wohl schon wieder aus dem Hinterkopf gestrichen.