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Bayern Münchens Matthias Sammer: Der mahnende Querkopf

München. "Ich bin kein Manager", sagt Matthias Sammer. Einen Manager im klassischen Sinne sucht man beim FC Bayern ohnehin vergeblich. Die Kompetenzen sind anders definiert, die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt. Seit 2012 bekleidet er das Amt des Sportvorstands. Der 47-Jährige mimt den "Einfädler" und vergleicht sich mit Oscar-Preisträgerin Sandra Bullock. Im Raum schwebt dabei stets eine provokative Frage: Welchen Anteil trägt Sammer am Erfolg? Goal klärt in seiner Serie auf.

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Es war eine historische Begegnung, jene am 12. September 1990. Nicht, weil Sammer beim 2:0 über Belgien gleich doppelt knipste. Das Länderspiel sollte das letzte der DDR sein. 98 Tage später hatte er das bundesdeutsche Trikot übergestreift, als erster Ost-Bürger. Der Mauerfall veränderte Sammers Leben. Heimatverein Dynamo Dresden verließ er. Er flüchtete vor dem kollabierenden Fußballsystem und heuerte in Stuttgart an.

1992 erlag er als Meister italienischen Avancen. Glücklich wurde er bei Inter Mailand nie. Bis zur Winterpause währte sein Intermezzo, ehe er in die Bundesliga zu Borussia Dortmund zurückkehrte. Der Beginn einer schwarz-gelben Romanze: Das taktische Gespür, seine unbändige Kampfkraft machten ihn zum verlängerten Arm des Trainers. Die rote, recht schüttere Haarpracht brachte ihm fragwürdige Kosenamen ein. Ein Mix mit Kultfaktor.

Tipico

Den BVB dirigierte er zu Meisterschaften, Champions League sowie Weltpokal, das Nationalteam zur Europameisterschaft. 1997, im Zenit seines Schaffens, stoppte ihn letztlich eine Knieverletzung jäh. Selbst die Amputation drohte infolge einer bakteriellen Infektion. "Ich bin", so Sammer, "durch die Verletzung demütiger geworden, weil ich dieses Spiel geliebt habe." Die Karriere nach der Karriere war vorbestimmt.

Vier Saisons coachte er die Borussia und führte sie zum Titel. Einem Abstecher zum VfB folgte das Engagement beim DFB. Dort verdiente sich Sammer den Ruf eines Reformers, implementierte sein revolutionäres Gelübde der Jugendarbeit, wovon Fußball Deutschland noch heute zehrt. 2012 wurde der Querdenker schließlich nach München beordert. Sein simpler wie fordernder Auftrag: Bayern muss wieder an die Spitze - möglichst schnell.

MARKANTE DEALS


  • Es war der Sommer des Umbruchs, als Sammer kam. Der Rekordmeister lag am Boden - das "Drama dahoam" hatte Spuren hinterlassen. Um das lästige Verlierer-Image loszuwerden, wurde kräftigt zugelangt. Xherdan Shaqiri, Mario Mandzukic und Dante waren lange zuvor eingetütet. In seine Amtszeit fiel erst der 40 Millionen Euro schwere Coup um Javi Martinez - das Imperium schlug zurück.

Die besten Transfers von Matthias Sammer
  • Bayern hatte 2012/13 das geschichtsträchtige Triple bejubelt. Statt sich zurückzulehnen, untermauerte man den Anspruch in der darauffolgenden Transferperiode. Pep Guardiola ersetzte Jupp Heynckes. Für Mario Götze wurden knapp 37 Millionen Euro hingeblättert, für Thiago satte 25. Zudem kamen Dänen-Juwel Pierre-Emile Hojbjerg sowie Jan Kichhoff, ein Wunschkandidat Sammers. Letzterer kickt mittlerweile bei Schalke 04. Interessant: Mario Gomez, bei Heynckes unverzichtbarer Knipser, suchte wie Luiz Gustavo das Weite. Sie passten nicht zu Guardiolas Idee.
  • Auch 2014 griff man tief ins Portemonnaie: Mehdi Benatia, Juan Bernat und Xabi Alonso ließ sich der FCB etwa 50 Millionen kosten. Der Königstransfer war Robert Lewandowski. Ablösefrei verließ er Dortmund und schloss sich dem größten Rivalen an. Ein nachhaltiges Zeichen. Hinzu kamen Sebastian Rode und Supertalent Sinan Kurt, der nach monatelangem Streit mit Gladbach nach München übersiedelte. Fragwürdig: der Abgang Toni Kroos'. Ihn ersetzten die Bayern durch den acht Jahre älteren Alonso. Die Nachhaltigkeit darf angezweifelt werden.

RUF IN DER ÖFFENTLICHKEIT

Seit der Inthronisierung rätselt die Öffentlichkeit über Sammers Rolle. Mal ist er der Problemsucher. Mal der Intellektuelle. Immer die mahnende Spaßbremse. Ihn selbst nervt es, darauf reduziert zu werden. Die Debatte kanzelte er als "lächerlich" ab. "Ich", so seine Auffassung, "habe geräuschlos zu wirken." Stoisch beobachtet er von der Seitenlinie, unterstützt den Trainer. Thomas Helmer zu Goal: "Für mich ist er der wichtigste Assistent von Guardiola und dessen Stab."

Sammer agiert gewissermaßen als Psychologe. Er sucht das Zwiegespräch, versucht, negative Strömungen zu erkennen und vehement gegenzusteuern. Dann fordert er Konzentration, bevorzugt jedoch Demut - egal, ob man siegt, oder gerade verliert. Er denkt antizyklisch und eckt damit an. In der Sport Bild umschrieb es Sammer mit Hilfe des Football-Films "The Blind Side": "Sandra Bullock nimmt darin einen Jungen in ihre Familie auf, der als Problemkind gilt. Unter seinen Schwächen erkennt sie als Einzige eine große Qualität. Der Junge besitzt einen ausgeprägten Beschützerinstinkt."

Und er möchte genau das, eine Seite aufdecken, die seine Stars zuvor nicht kannten, die "Blind Side". Er kitzelt sie, treibt sie in ungeahnte Höhen. "Matthias sorgt für das Gleichgewicht zwischen spanischen und deutschen Einflüssen", so Helmer. Längst tritt der Rekordmeister südländisch leichtfüßig und kreativ auf, ohne Grundtugenden zu vernachlässigen.

PERSPEKTIVE

Acht Titel stehen unter Sammers Ägide zu Buche. Die nackten Zahlen geben ihm Recht. Zudem leistet er, ein Verfechter der Persönlichkeitskategorisierung, wichtige Zukunftsarbeit. Er soll Leitbilder schärfen und gemeinsam mit Guardiola einen "sanften" Generationenwechsel vollziehen. Sinan Kurt oder Joshua Kimmich sind Investitionen für das Morgen, wenngleich es eine Herkulesaufgabe wird, die Riberys, die Schweinsteigers, Robbens, Lahms zu ersetzen. Von Sammers Tauglichkeit dafür scheint man jedenfalls restlos überzeugt. Dem Image zum Trotz.

Frühzeitig wurde sein Vertrag bis 2018 verlängert. Schon bei der Präsentation sprach Karl-Heinz Rummenigge vielsagend vom neuen "Herzstück". Jenes hauchte dem FC Bayern wieder die verloren geglaubte Siegermentalität ein. "Er ist extrem leistungsorientiert, das war er bereits als Aktiver", betont Helmer. Sammer tut alles für den Erfolg. Er ist besessen davon. Dass ihn Vorstandsboss Rummenigge und Michael Reschke, der Technische Direktor, bei knallharten Verhandlungsrunden entlasten, schmälere seinen Wert nicht: "Er hat seine Rolle gefunden." Beim FCB sind die Gewalten eben anders verteilt.

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