David Alaba beim FC Bayern: Der Schlawiner

Volksheld, Allzweckwaffe, Ösi-Lahm - mit 22 Jahren hat Alaba viel erreicht. Bei Bayern eifert er den Großen nach. Nur das Rampenlicht scheut er chronisch.

München. Marko Arnautovic schien es nicht gerade brennend zu interessieren. Er rieb sich schläfrig  die Augen, hatte das Haupt gen Podium gesenkt. Plötzlich schreckte er auf. Vorwurfsvoller Blick in die Pressemeute. Da klingelte es doch tatsächlich. Während Österreichs ganzer Fußball-Stolz sprach: "Des", grinste David Alaba schelmisch, "kostet, Herr Präsident." Leo Windtner, die höchste Instanz des ÖFB, bejahte verlegen. Ihm gehörte das Mobiltelefon.

Gelächter erfüllte den Raum. Sogar Arnautovic war hellwach. Und Alaba fuhr fort, gewohnt monoton, höchst professionell. Der Superstar des FC Bayern wirkt dann oft farblos, jedes Wort wohl bedacht. "Wir müssen hart arbeiten, um erfolgreich zu sein", sagt er gerne. "Wir wollen jedes Spiel gewinnen." Oder: "Ich versuche, auf dem Platz mein Bestes zu geben." Es sind die branchenüblichen Plattitüden - aus dem Fußballer-Jargon für Jedermann. Für den 22-Jährigen eine Art Schutzmechanismus.

Am liebsten schottet er sich von der Journaille ab. Mit dicken Kopfhörern huscht er durch die Mixed  Zone. Vorbei an den lästigen Mikrofonen. Wenn er sich ihnen stellt, tut er das kurz und bündig. Er möchte keinerlei Zündstoff liefern. Kniffligen Themen weicht er aus, erwidert sie mit Gegenfragen. Nur zwischendurch boxt sich der Schlawiner in ihm durch. Etwa am Montag vor dem Rückspiel der Champions-League-Gruppenphase gegen den AS Rom (20.45 Uhr im LIVE-TICKER).

"David ist meine kleine Sohn"

Was er vom FC Unschlagbar halte? "FC Unschlagbar? Wer ist des?", kontert er beim Talk an der Säbener Straße trocken, in Mundart. Das kommt an. Sein "Bist deppat" ist in der Startruppe längst Kult. Besonders Franck Ribery findet am Wiener Schmäh Gefallen. Er gehört zu den engsten Vertrauten. "David ist meine kleine Sohne", französelte er einst. Sie verbindet der Spaß am Leben, an der Berufung. Aus Kollegen wurden Freunde, die schon mal gemeinsam die Stadt unsicher machen.

Eine Anekdote gab Uli Hoeneß auf der Hauptversammlung 2012 preis und amüsierte die Mitglieder köstlich: Im Sommer habe ihn ein Anruf erreicht. Die Beiden sollen während der Vorbereitung mehrmals weit nach der Geisterstunde gesichtet worden sein. Mit den nächtlichen Touren konfrontiert, reagierte Alaba verwundert: "In seinem Wiener Slang meinte er: 'Darüber muss ich nachdenken.‘“ Tags darauf lieferte er die logische Antwort: "Ich war gespannt. Er sagte: 'Da muss der Ribery eben mit einem anderen Schwarzen unterwegs gewesen sein.'“

Tipico

Ganz so schüchtern, verriet Papa und Manager George, sei der Filius ohnehin nicht. Er selbst stürmte in den 1990ern mit einer Popband die österreichischen Charts. David stürmte auf dem Rasen in die Weltelite. Ohne Berührungsängste. Mit 17 Jahren, acht Monaten sowie 13 Tagen debütierte er in der Champions League. Als No-Name aus der Regionalliga, der seinen Vordermann, Monsieur Ribery,  zur Defensiv-Arbeit mahnte.

Ein Geschenk für Guardiola

"Auf dem Platz ist er ein Schlitzohr. Das brauchst du, sonst gehst du unter", weiß Andreas Herzog. Er selbst, als Liebling von Coach Otto Rehhagel gekommen, sei "zu brav" gewesen und flüchtete nach einem Jahr in "Isolation" 1996 vor den bayrischen Platzhirschen zurück zu Werder Bremen. "Damals war es der FC Hollywood, da wurde ständig gestritten." Heute habe Pep Guardiola ein homogenes Gefüge. Alaba füge sich in jenes perfekt ein. Mit Bodenhaftung, launigem Gemüt, fußballerischen Vorzügen.

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Nach dem Abstecher Hoffenheim wuchs der Hochbegabte unerwartet schnell zur Konstante. "Als Talent hast du es sehr schwer. Für ihn gab es letztlich die Möglichkeit, als Linksverteidiger durchzustarten - und die hat er eindrucksvoll genutzt", so Herzog gegenüber Goal. Nunmehr genieße Alaba eine Wertschätzung, die ihm Perspektiven öffne. So forcierte er vergangenes Jahr, vor und nach der Verlängerung bis 2018, den Wunsch, auf seine Wohlfühlposition zurückzukehren. Prompt reagierte die sportliche Leitung, verpflichte Juan Bernat als potenziellen Backup, um Alaba verstärkt im Mittelfeld zu testen.

Guardiola: "David hat eine große Mentalität, er ist ein großes Geschenk für uns." Mal darf er zentral im Mittelfeld ran, mal in der Dreierkette, oft als neuer Hybrid zwischen den Linien. Eine überaus komplexe Aufgabenstellung. "Unser Trainer versucht es mir, so einfach wie möglich zu machen, mir viel auf den Platz mitzugeben", erklärt Österreichs Sportler des Jahres mit nigerianisch-philippinischen Wurzeln auf Goal-Nachfrage. Die Instruktionen setzt er bravourös um. 

Zentralere Rolle als im Vorjahr

101 Ballkontakte verbucht er (Quelle: Opta) pro Partie, im Vorjahr waren es 16 weniger. Im Weltbild des spanischen Chefstrategen ist er von zentraler Bedeutung, das Pendant zu Philipp Lahm. Flink wie eine Raubkatze und polyvalent, also vielseitig.  "David bringt alles mit. Er ist ruhig am Ball, kann mit Dynamik ins Dribbling gehen, hat einen sehr guten Schuss, kann andere in Position bringen", schwärmt Herzog. In seiner Heimat ist der Triple-Sieger bereits jetzt eine Ikone.

Ihn lieben Fans wie Werbeindustrie gleichermaßen. Alaba lächelt von überdimensionalen Plakaten und aus der Mattscheibe. Er schießt im Nationaltrikot Tore, bereitet sie vor. Er grätscht Angriffe ab, leitet sie raffiniert ein. Dabei beeindruckt er mit Leichtigkeit, mit Selbstverständlichkeit. Ratschläge für die Taktgeber-Rolle holt er sich mitunter von Xabi Alonso: "Da kann ich sehr viel mitnehmen." Dieser zeigt ihm vor, wie man ein Team dirigiert - in jedem Training, in jeder Begegnung - wie man Verantwortung schultert, ohne zu verkrampfen.

"Als Fußballer gehört das dazu. Ich versuche, am Feld einfach meinem Mitspieler zu helfen. Wenn er einen Hintermann hat, versuche ich, ihm das mitzuteilen", lächelt Alaba. Er konzentriere sich stets auf das Wesentliche, klar. Er will abliefern, auf dem Platz, logisch. Was ihm Alonso an Tipps gebe? "Das müsst’s ihn fragen." Da ist er wieder, der Schlawiner.