FC Bayerns Manuel Neuer: Der Revoluzzer

Niemand interpretiert seine Rolle moderner. Niemand spielt derart aggressiv. Neuer schickte sich an, eine Epoche zu prägen. Und der frühere Hasardeur hat seine Balance gefunden.

München. Früher, vor gar nicht allzu langer Zeit, hätte man wohl gewitzelt, über den Hampelmann nahe der Mittellinie. Ein Torhüter, das impliziere alleine der Begriff, gehöre ins Tor. Vor das rechteckige, 7,32 Meter breite Gehäuse. Inmitten der Ballkünstler sei er schlichtweg ein Wagnis. Zu oft verkam er zur Lachnummer, die übereifrig herauseilt und ein verhängnisvolles Luftloch schlägt. An diesem spätsommerlichen Samstag tauchte Manuel Neuer dort auf, wo sonst die Kollegen verteidigen. Weit fern seines Territoriums.

"Ich bin da herumgeturnt, ich wollte gewinnen", grinste er. Wirklich verwundert darüber war in Hamburg keiner. Dafür umso empörter. Neuer vereitelte per Handspiel, so der Tenor, eine glasklare Chance. Bayern Münchens Nummer eins verneinte nach dem 0:0: "Gelb geht in Ordnung." Zunächst habe er ein Eins-gegen-Eins abgewandt, beim Klärungsversuch sei er schließlich am Bein getroffen worden. "Wenn ich mich fallen lasse, bekomme ich Freistoß. Ich laufe weiter, verliere den Ball - und zeige eine meiner besten Paraden."

Es sind Szenen, wofür ihn manche tadeln. Die meisten gleichwohl preisen ihn als Revolutionär. Als jemanden, der sich über klischeebehaftete Sittenbilder hinwegsetzt, entgegen aller Widerstände. Neuer garniert all das mit lustigen, keinesfalls lächerlichen, mit eloquenten, nicht pedantischen Wortspenden. Er ist massenkompatibel. Im Gegensatz zu Oliver Kahn, den verquerten Welttorhüter. Er verkörpert den neuen, zeitgemäßen Titan. In der Champions League bei ZSKA Moskau (18 Uhr im LIVE-TICKER) darf er neuerlich den Beweis antreten.

"Risiko spielt immer eine Rolle"

"Manuel", adelte Kahn vor dem WM-Halbfinale, "ist momentan der beste Goalie der Welt." Jeder wisse, "dass er wunderbar mitspielen kann. Entscheidend ist, dass er in wichtigen Situationen da ist und seiner Mannschaft die Siege rettet". In der Vergangenheit hörte sich das anders an. Etwa als im März 2013 ein Ausflug verunglückte, beim 4:1 im Qualifikationsduell gegen Kasachsten mit einem Gegentor bestraft wurde. Damals hagelte es Pfiffe für Neuer. Dessen Fahrlässigkeit kritisierte Kahn.

Er solle nicht durch fußballerische Glanzlichter zum Helden avancieren, sondern sich auf das Wesentliche reduzieren. Iker Casillas, Gianluigi Buffon oder Edwin van der Sar, allesamt Ikonen ihrer Zunft, machten es vor. "Sie fanden stets die optimale Mischung zwischen Risiko und Sicherheit", verdeutlichte die frühere FCB-Institution in der Abendzeitung. Er war selbst einer der alten Garde. Einer mit katzenartigen Reflexen, der im Strafraum lauthals herrschte. Von ihr lernte Neuer, entwickelte deren Stil weiter, perfektionierte ihn.

Die direkte Konfrontation mit gegnerischen Stürmern scheut er nie. Er läuft sie ab, grätscht dazwischen, leitet Gegenstöße blitzschnell gekonnt ein. "Risiko spielt immer eine Rolle", so der 28-Jährige exklusiv gegenüber Goal. Gegen Algerien, im Achtelfinale in Brasilien, sorgte er damit für den Umschwung. Während seine Vorderleute drohten, in Panik zu verfallen, gab er den Stabilisator. Den offensiven Taktgeber. Retter in höchster Not.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Es war ein geschichtsträchtiger Auftritt. Deutschland siegte mit 2:1 in der Verlängerung. Neuer legte rund sechs Kilometer zurück und hatte ein Gros seiner Ballkontakte außerhalb des Strafraums. In sozialen Netzwerken huldigte man ihm. Gefeiert als Chuck Norris unter den Keepern, jenem Mann, dem bislang nur Hans Sarpei das Wasser zu reichen vermochte. "Neuer könnte nächste Saison mein Erbe bei ManUnited sein", scherzte Rio Ferdinand, langjähriger Abwehrchef, via Twitter. Für DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke war er sogar der "beste Libero seit Franz Beckenbauer“

Neuer definierte gewissermaßen sein Jobprofil neu. "Das war mir", erklärte der 28-Jährige einige Monate später, "nicht bewusst. Ich habe mein Spiel nicht unbedingt verändert. Es war lediglich so, dass es durch die WM auf eine andere Plattform geraten ist und die ganze Welt zugeschaut hat." Dabei klingt sein Rezept plausibel wie logisch zugleich. "Man muss antizipieren, Situationen erkennen und richtige Entscheidungen treffen. Das ist nicht einfach, weil es oft ein schmaler Grat ist." Im Finale hätte er den beinahe überschritten.

Im Sechzehner räumte er Argentiniens Gonzalo Higuain ab. Rücksichtslos, mit voller Wucht. "Wenn man sicher ist, an den Ball zu kommen, darf man nicht zurückziehen", beteuerte Neuer. Der Elferpfiff blieb aus. Sonst wäre ihm womöglich Kahns Schicksal widerfahren, der 2002 das Turnier seines Lebens mit einem bösen Fehler beschloss. Ausgerechnet im Endspiel. Diesmal wurde die DFB-Elf aber Weltmeister. Und Neuer umjubelter Volksheld, mit Superlativen überhäuft. Der einst schüchterne Junge legte seine Reifeprüfung ab. Mehr denn je strahlt er seither Selbstvertrauen aus, ohne der Selbstgefälligkeit zu verfallen.

Bester Torhüter aller Zeiten?

"Mit den Erfolgen ist er als Persönlichkeit endgültig angekommen bei Bayern", betonte Matthias Sammer bereits im März. Neuer, mit 1,93 Metern und 92 Kilogramm ein Modelathlet, erfüllt seine Führungspflichten routiniert. Seine Kollegen dirigiert er, mit wenigen Worten, dank imposanter Statur strahlt er ohnehin Macht aus. Neuer: "Wir haben Automatismen entwickelt, sodass meine Körpersprache manchmal als Ausdrucksmittel reicht." Selbst Kontrahenten erstarren ab und an ehrfurchtsvoll, wenn sie urplötzlich vor ihm stehen, anfangen zu grübeln und kläglich scheitern.

Neuer genießt eben eine ausgezeichnete Reputation. Sein Facetten-Reichtum ließ ihn zum Trendsetter, zum Vorbild nachfolgender Generationen empor steigen. Der passionierte Tennisspieler ist sich dessen bewusst, lebt die Verantwortung privat vor. 2010 gründete er die "Manuel Neuer Kids Foundation", die sozial benachteiligte Kinder im Ruhrgebiet unterstützt. Seine Heimat und den FC Schalke 04 verließ er im Sommer 2011, heuerte in München an. Eine schmerzhafte "Koan Neuer"-Kampagne inklusive. Bald hatte er sich jedoch die Zuneigung des bayrischen Publikums verdient.

Mittlerweile ist er gefeierter Popstar. Er habe, offenbarte Sportvorstand Sammer im Kicker, "die Ruhe, nicht beweisen zu wollen, dass er der Beste ist und sich deshalb wie früher schwierige Situationen aussucht". Seine Reaktion gepaart mit Geschmeidigkeit, die Passsicherheit, das Streben nach Perfektion - deshalb sei er Sammer zufolge "der modernste, komplexeste und wahrscheinlich beste Tormann, den es je gab." Dabei hätte man vor nicht allzu langer Zeit noch über den Hampelmann an der Mittellinie gewitzelt.