Schalkes Roman Neustädter: Wie die Jungfrau zum Kind

Der defensive Mittelfeldspieler glänzt seit mehreren Spielen in ungewohnter Rolle und weiß zu überraschen. Neustädter ist die Stütze einer personell dezimierten Abwehr.

Editorial
Von Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Wenn man auf dem Vereinsgelände des FC Schalke 04 steht und in ein Telefonat versunken ist, kann es durchaus passieren, dass Roman Neustädter um die Ecke kommt - und einen fast zu Tode erschreckt. Anschließend lächelt er verschmitzt und schleicht sich von dannen. Der 26-Jährige ist ein positiver Mensch, das sieht man ihm an. So war es für ihn sicherlich auch kein Schreck, als Trainer Jens Keller den technisch versierten Mittelfeldmann auf eine ungewohnte Position verschob.

Den Revierklub plagen seit längerer Zeit Personalprobleme, besonders in der Abwehr. Sead Kolasinac fehlt noch Monate mit einem Kreuzbandriss, Benedikt Höwedes laboriert noch an einem Teilanriss der Hüftbeugersehne, Felipe Santana ist durch einen erlittenen Muskelbündelriss seit Wochen rekonvaleszent und Jan Kirchhoff fiel ebenfalls mit einer Sehnenverletzung aus. Rückkehrer Atsuto Uchida machte nach siebenmonatigem Fehlen aufgrund einer hartnäckigen Patellasehnenreizung zwei Spiele in vier Tagen - der Japaner wird am Dienstagabend in der Königsklasse wahrscheinlich geschont.

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Aus der Not geboren

Zwar passt der personelle Hemmschuh noch, doch er drückt gewaltig. Die verletzungsbedingten Probleme in der Abwehrkette waren und sind aktuell immer noch augenfällig. Deshalb entschied sich Jens Keller vor genau 13 Tagen beim Champions-League-Kracher gegen den FC Chelsea (1:1) zu einer - von außen betrachtet - durchaus überraschenden Maßnahme. Er zog Roman Neustädter in die Innenverteidigung, da Höwedes nicht spielfähig war. Der Kapitän verletzte sich bei einem Zweikampf im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach (1:4), lief seitdem auch nicht mehr auf. Es stellte sich heraus: Neustädter ins Abwehrzentrum zu beordern ist ein Glücksgriff von Keller - viel mehr jedoch dem guten Einschätzungsvermögen des 43-Jährigen geschuldet. Mit Neustädter in der Zentrale der Abwehr verlor Schalke 04 noch keine Begegnung.

In den Aufeinandertreffen gegen die Londoner, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen und zuletzt beim Derbysieg gegen Borussia Dortmund agierte der eigentliche Sechser in der Viererkette als hätte er noch nie etwas anderes gemacht - auch wenn er sich den Stellungsfehler zum 1:2 gegen den BVB im Duell mit Adrian Ramos ankreiden lassen muss. Grundsätzlich sind seine gezeigten Leistungen äußerst ansprechend, wie auch die der gesamten Schalker Mannschaft in den letzten beiden Bundesligapartien.

Trainiertes angewendet

Neustädter sagte vor Kurzem, dass er während seiner Zeit in Mainz unter Trainer Jürgen Klopp "ein Jahr lang als Innenverteidiger" trainierte, allerdings nicht auf dieser Position zum Einsatz kam. Offenbar ist dabei dennoch einiges hängen geblieben. Er zeigt sich kompromisslos im Zweikampf, sowohl am Boden als auch in der Luft - und wichtig: Er dirigiert das Orchester des Schalker Defensivverbunds. Seit vier Pflichtspielen steht der Aushilfsverteidiger im königsblauen Bollwerk vor Torhüter Ralf Fährmann, Schalke kassierte seitdem im Durchschnitt nur noch ein Tor pro Spiel. In den vier Begegnungen zuvor waren es satte 2,25 Gegentreffer – also mehr als doppelt so viel.

Wenn es brenzlig wurde, sah man oft einen Neustädter, der die heiklen Situationen entschärfte oder geschickt entkrampfte. Zudem kann er durch seine Spielintelligenz und die gute Technik am Ball das Aufbauspiel der Schalker eröffnen - eine Eigenschaft, welche nicht unmittelbar viele Innenverteidiger im Repertoire haben.

Das Lazarett der Königsblauen dürfte sich nach der kommenden Länderspielpause etwas lichten. Jan Kirchhoff, Benedikt Höwedes und auch Felipe Santana werden nach dem Break wieder zur Verfügung stehen oder sind zumindest nicht mehr weit weg vom Mannschaftstraining. Dann dürfte Roman Neustädter wieder auf seine angestammte Position ins defensive Mittelfeld vorrücken. Dass Trainer Keller mit ihm eine weitere Alternative für die Innenverteidigung besitzt, wird ihm nach Neustädters starken Vorstellungen sicherlich im Gedächtnis bleiben. Mit seiner positiven Stimmung kann er dann wieder auf die Jagd gehen, und die Leute auf Schalke spaßeshalber erschrecken.

Am Dienstagabend trifft der FC Schalke 04 im zweiten Gruppenspiel auf den slowenischen Meister NK Maribor. Alle Infos zum Spiel findet Ihr in unserem LIVE-Ticker ab 20.45 Uhr.

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