Auf Abwegen: Özil auf der Suche nach seinem Platz bei Arsenal

Vor knapp einem Jahr wechselte der Nationalspieler für eine Rekord-Ablösesumme nach England. Dort ist er noch immer nicht richtig angekommen.

Selbst Cristiano Ronaldo war laut AS entsetzt: "Der Weggang von Özil ist eine sehr schlechte Nachricht für mich. Ich bin wütend über seinen Wechsel." Der deutsche Nationalspieler war im Sommer 2013 überraschend von Real Madrid zum FC Arsenal gewechselt. Auf der einen Seite trauerten Fans und (ehemalige) Mitspieler einem tollen Spielmacher und überragenden Vorlagengeber nach, auf der anderen Seite freute man sich auf eben jene Fähigkeiten des Neuzugangs.

Und Özil, mit einer Ablösesumme von knapp 50 Millionen Euro sowohl teuerster Arsenal-Transfer aller Zeiten als auch teuerster Deutscher aller Zeiten, konnte den hohen Erwartungen sofort gerecht werden. In seinen ersten beiden Spielen legte er drei Tore auf. Diese starke Frequenz konnte er zwar nicht ganz halten, bis zum 3:6 bei Manchester City Mitte Dezember kam er aber dennoch wettbewerbsübergreifend bereits auf neun Vorlagen und fünf Tore.

Plötzlich aber lief es nicht mehr rund für den Feingeist. Schon im Dezember musste sich Özil von den englischen Medien einiges gefallen lassen. Objektiv betrachtet kam die Kritik seinerzeit aber unangebracht daher, war der Nationalspieler doch neu in der Liga. Zudem lief es in dieser Phase generell nicht wie gewünscht bei Arsenal (drei sieglose Partien in der Liga, Beinahe-Aus in der Champions League).

Versöhnlicher Saison-Abschluss

Obwohl Özil im Januar kurzzeitig frei bekam, fand er nicht zu seiner Form zurück. Einen wahren Knacks erlebte er beim Achtelfinal-Hinspiel der Königsklasse gegen den FC Bayern München. Er begann stark, schien sich endlich freizuspielen und holte dann einen Elfmeter raus. Diesen aber verschoss er, die Gäste wurden stärker, gerieten letztlich in Überzahl und Özil musste fast nur noch verteidigen. Dies gehörte noch nie zu seinen Stärken, entsprechend bescheiden war seine Leistung anschließend.

Die Kritik am so begnadeten Offensivmann erreichte nach der Partie ihren vorläufigen Höhepunkt (Daily Mail: "Er steckt nun in einer Karriere-Krise"). Weil Özil bis zum Sommer aber – auch bedingt durch Verletzungen – kaum noch Akzente setzte und so in der Rückrunde lediglich sechs Scorerpunkte sammelte (drei davon im Pokal), hielten die kritischen Äußerungen diverser Medien an. Arsene Wenger aber glaubte weiterhin an seinen Rekord-Einkauf und brachte ihn bei jeder Gelegenheit.

Für beide Parteien endete die Saison letztlich versöhnlich, nämlich mit dem Gewinn des FA-Cups. Mit diesem Positiv-Erlebnis ging es für den Zehner zur Weltmeisterschaft, wo er sich aber aufgrund des neuen Systems erst auf dem rechten und später auf dem linken Flügel wiederfand. Dort hatte er freilich weniger Freiheiten in der Offensivbewegung, musste defensiv zudem mehr machen. Es überraschte folglich wenig, dass Özil trotz des Titelgewinns den von außen gestellten Ansprüchen hinterherlief.

"Neun Männer quälen sich über 90 Minuten und Özil macht einen Spaziergang", reihte sich Paul Breitner während des Turniers in die Kritik am verhinderten Spielmacher ein und forderte Löw dazu auf, diesen aus der Startelf zu nehmen. Löw aber hielt am Deutsch-Türken fest, sicherlich verbunden mit der Hoffnung, dass er doch noch diesen einen genialen Moment hat. Wenngleich der 25-Jährige in der Vorwärtsbewegung nie unterirdisch agierte, blieben die ganz großen Akzente doch aus. Daran konnten auch seine zwei Scorerpunkte (Tor zum 2:0 gegen Algerien und Vorlage zum 5:0 gegen Brasilien) nichts ändern.

Beim Start in die neue Saison durfte Özil wie seine Nationalmannschaftskollegen Per Mertesacker, bei Arsenal immerhin Vize-Kapitän, und Lukas Podolski zunächst nur zuschauen. So verpasste er die ersten drei Spiele. Endlich im Kader durfte der 25-Jährige auch gleich von Beginn an ran. Doch auch im Klub fand er sich plötzlich auf der Außenbahn wieder, bot dort äußerst unauffällige Leistungen und war gegen Dortmund gar nicht zu sehen.

Rückendeckung durch Wenger

"Wer will einen Spielmacher, der das Spiel nicht macht?", fragte die Daily Mail stellvertretend für zahlreiche Medien nach dieser Partie. Wenger hielt dagegen und sprach sich für Özil aus: "Natürlich würde ich nochmal so viel bezahlen. Man sollte erwarten, dass das gesamte Team gut spielt und nicht alle Verantwortung auf den Schultern eines Einzelnen abgelegt wird." Arsenal aber enttäuschte auch als Team. "Warum soll er der Sündenbock sein? Weshalb?", entgegnete Wenger weiter kritisch.

Natürlich hatten die Gunners in Dortmund nicht nur wegen des an diesem Abend enttäuschenden Özils verloren. Es ist aber auffällig, dass der Offensivspieler bei schwachen Arsenal-Spielen immer noch einen Tick mehr abfällt als seine Nebenmänner. Dabei könnte er einem Spiel mit seinen Fähigkeiten doch durch eine einzige Aktion jederzeit eine völlig andere Richtung geben. Etwas, das die Fans ob der so hohen Ablösesumme ohnehin regelmäßig erwarten.

Es ist ein Zwiespalt, der sicherlich auch dem französischen Trainer nicht entgangen ist: Özil kann den Unterschied ausmachen. Wenn es aber nicht läuft, macht er es – zumindest in London – so gut wie nie. In solchen Situationen kommt freilich auch seine Körpersprache ins Spiel, für die er schon in der Vergangenheit oft kritisiert wurde. Michael Ballack meinte kürzlich gegenüber Sky Sports: "In Sachen Kampfgeist und Körpersprache war er nie der stärkste Spieler. Das ist seine größte Schwäche, gerade in solchen Situationen, wo ihm seine Technik und das gute Auge nichts nützen."

Ballack stellte zudem richtig fest, dass Özil "nicht in Topform" sei. Der aber antwortete – und zwar mit einer starken Leistung gegen Aston Villa. Beim deutlichen wie verdienten 3:0-Erfolg bei den bis dahin ungeschlagenen Villans glänzte der Zehner, der an jenem Tag auch endlich wieder als solcher agieren durfte. Erst als Torschütze und Sekunden später auch als Vorlagengeber trug er maßgeblich zum Sieg bei.

Eine Antwort gab er dann auch nach der Partie. "Ich spiele nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen, ich spiele für Arsenal", gab er sich selbstbewusst und schickte Kritik an den Medien hinterher: "Ich habe immer das Gefühl, mehr kritisiert zu werden als andere. Das ist mir auch schon in der Bundesliga und bei Real Madrid passiert."

Nach den jüngsten Auftritten Özils wäre es gewiss das sinnvollste, ihn auch künftig wieder auf seiner angestammten Position zu bringen. Wieso Wenger ihn überhaupt aus dem Zentrum Richtung Flügel versetzt hatte, begründete der Franzose wie folgt: "Was ist Wilshere wenn nicht eigentlich ein Zehner? Das hat er immer gespielt. Jemand musste auf den Flügel – Wilshere, Ramsey oder Özil? Niemand ist wirklich auf dem Flügel beheimatet." Wengers Schlussfolgerung: "Entweder lässt du gute Spieler draußen, oder du versuchst, sie in eine Mannschaft zu bringen.

Der Franzose hat klar gemacht, all seine Offensivkünstler in der ersten Elf unterbringen zu wollen. Dabei sollte auch ihm klar sein, dass es letztlich nicht darum geht, die bestmöglichen Einzelspieler auf dem Feld zu haben, sondern die am besten funktionierende Mannschaft. Auf der Zehn ist Özil Arsenals bester Spieler, auf dem Flügel jedoch bringt er die notwendigen Qualitäten nicht mit.

Vergleiche mit mit Zidane

Früher oder später wird Wenger seine Aufstellung entsprechend anpassen müssen. Aktuell aber orientiert er sich noch an völlig anderen Zeiten: "Brasilien hatte 1970 Tostao, Rivelino, Pele, Jairzinho, Gerson und Clodoaldo. Sie alle waren Zehner in ihren Klubs. In der Nationalmannschaft spielten sie zusammen und gewannen überzeugend die Weltmeisterschaft."

Der 64-Jährige verweist zudem auf seinen Landsmann Zinedine Zidane. "Er spielte bei Real Madrid auf links. Es gab nie eine Debatte und er musste dort spielen. Weil sie in der Mitte Raul und Ronaldo hatten, musste er nach außen weichen", so der Franzose. Was er dabei aber außer Acht lässt: jenes Real verpasste drei Jahre in Folge einen nationalen Titel und schied in der Champions League – gemessen an der individuellen Klasse – stets früh aus.

Wie Joachim Löw laut Welt erklärte, sei Özil grundsätzlich "ein sensibler Spieler, der viel Vertrauen vom Klub und vom Trainer braucht." Anhand Wengers Aussagen und dessen Festhalten am 25-Jährigen auch während schwächerer Phasen hat der französische Coach sein Vertrauen deutlich unter Beweis gestellt. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit müssen aber noch zwei weitere Faktoren passen: Özil muss nachhaltig beweisen, seine Form wiedergefunden zu haben. Zudem muss Wenger möglichst bald erkennen, dass sein stärkster Zehner ins Zentrum gehört.