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Die aktuell herrschende Winterpause tut dem S04 gut, die Akkus werden für die anstehende Rückrunde neu aufgeladen. Doch an einigen Stellen drückt noch der Schuh.

ANALYSE
Von Hassan Talib Haji | Goal Korrespondent

Gelsenkirchen. Schalke 04 wird das neue Fußballjahr offiziell am 3. Januar eröffnen und sich für die zweite Saisonhälfte einmal mehr in Katar vorbereiten. Im Wintertrainingslager werden auch die zuletzt verletzten Stammkräfte um Kapitän Benedikt Höwedes, Linksaußen Julian Draxler und Angreifer Klaas-Jan Huntelaar an Bord sein, wenn auch wohl für den Aufbau und noch nicht für das volle Mannschaftstraining. Allein deren Anwesenheit sei für die Schalker Truppe wichtig, wie Sportvorstand Horst Heldt und Cheftrainer Jens Keller des Öfteren betonten.

Der Revierklub hat eine durchwachsene Hinrunde in der Bundesliga hinter sich und findet sich derzeit auf Tabellenplatz sieben wieder. Der Anschluss an Platz drei ist mit aktuell fünf Punkten Rückstand allerdings noch da. Für die Qualifikation zur Champions League ist für Königsblau also noch alles im Bereich des Machbaren. Allerdings müssen einige Problem-Felder klar verbessert oder zielführend abgeschafft werden – die Konkurrenz schläft schließlich nicht.

Goal zeigt Euch die Baustellen bei Königsblau:

Das Defensivverhalten

28 Gegentreffer in 17 Bundesligapartien sind für die vor Jahren noch stärkste Defensive der Liga natürlich zu viel. Mittlerweile scheint sich das Spiel gegen den Ball verbessert zu haben. Außerdem ist S04 seit dem Torwartwechsel zu Ralf Fährmann stabiler. Der abgelöste Timo Hildebrand musste im Schnitt zweimal pro Spiel hinter sich greifen – eine schlechte Quote. Mit Fährmann, der in vier Liga-Begegnungen das Gehäuse hüten durfte, blieb Schalke 04 dreimal zu Null und kassierte nur zwei Treffer. Zudem zeigte der 25-Jährige mehrere Glanzparaden und verhinderte bei Borussia Mönchengladbach eine höhere Niederlage (1:2) – rettete beim 1. FC Nürnberg (0:0) dann noch einen wichtigen Punkt.

Das ausgeprägtere Defensivverhalten geht auch mit der gestiegenen Laufleistung einher. Die Mannschaft von Keller war zwischenzeitlich abgeschlagener Tabellenletzter in dieser Statistik. Zum Ende der Hinrunde spulten die Königsblauen dann ein höheres Laufpensum ab und schoben sich immerhin auf Platz 14 mit durchschnittlichen 115 Kilometern pro Partie. Allerdings ist das viele Laufen nicht unbedingt ausschlaggebend, wenn nicht richtig im Verbund konsequent Meter gemacht werden.

Bestes Beispiel dafür ist der SC Freiburg: Die Breisgauer laufen von allen Bundesligaklubs am meisten (im Schnitt 122 Kilometer), liegen aber dennoch auf Relegationsplatz 16. Großes Laufpensum führt also nicht immer zum gewünschten Erfolg, die richtigen Wege müssen gemeinsam beschritten werden, dort zeigt die Kurve für den Revierklub nach oben. Hier geht es im Besonderen um mannschaftliche Geschlossenheit während einer Partie.



Die fehlende Konstanz

Das andauernde Auf und Ab im Schalker Spiel ist ein weiteres Problem, das es zu lösen gilt. In der Bundesliga-Hinrunde gelang es dem jungen Team nicht, drei Spiele am Stück siegreich zu gestalten. Dreimal goss man ein zartes Erfolgspflänzchen mit zwei Bundesligasiegen infolge und zertrampelte es anschließend wieder. Dies passierte praktisch in Dauerschleife. Wobei es hier festzuhalten gilt: Trainer Keller konnte in der Hinrunde keine wirkliche Stammelf aufbauen und war aus unverschuldeten Gründen zu ständigen personellen Wechselspielchen gezwungen. Keine Startelf des Übungsleiters stand in derselben Formation eine Woche später auf dem Platz.

So konnte sich nur schwer ein gutes Spielverständnis unter den Akteuren einstellen, Automatismen wurden nur bedingt gefunden und Laufwege waren aufgrund des wechselnden Personals schwer einzustudieren. Dass Keller ununterbrochen umbauen musste, lag an der großen Problematik um viele verletzte Spieler.

Das Verletzungspech

Dem FC Schalke fehlten durchgehend Leistungsträger wie Jefferson Farfan (Muskelfaseriss) oder Sead Kolasinac (Muskelbündelriss). Klaas-Jan Huntelaar fiel mit zwei Innenbandrissen nahezu die komplette Hinrunde aus. Dennis Aogo, der als Ausleihe vom Hamburger SV ins Revier wanderte, wird in dieser Spielzeit nicht mehr auflaufen können – Marco Höger ebenfalls. Beide laborieren an Kreuzbandrissen. Nun sind auch noch Julian Draxler und Benedikt Höwedes mit schweren Muskelverletzungen rekonvaleszent und drohen den Rückrundenstart schlimmstenfalls zu verpassen.

Spieler aus der zweiten Reihe, wie die Neuzugänge Leon Goretzka oder Christian Clemens, erkrankten oder verletzten sich zudem - fanden dadurch nicht zur ihrer Form. Chinedu Obasi und Kyriakos Papadopoulos müssen nach langer Leidenszeit noch an das Team herangeführt werden. Das sind Umstände, die in der Nachbetrachtung berücksichtigt werden müssen - die eben angesprochene Suche nach Konstanz wurde somit nicht unwesentlich erschwert.

Die ständige Trainerdiskussion

Seit dem Amtsantritt von Coach Keller ist dessen Engagement ein Dauerthema. Das ist eine Situation, die als absoluter Unruheherd auszumachen ist. Viele Kritiker werfen ihm vor, er könne der Schalker Mannschaft nicht seinen Stempel aufdrücken. Es sei kein System zu erkennen, die Philosophie fehle, heißt es. Die Außendarstellung seinerseits sei von wenig Leidenschaft geprägt und dass so auch kein Funke auf das Team überspringen könne. Die Rückendeckung aus der Mannschaft hat der Fußballlehrer, jeder angesprochene Spieler findet nur lobende Worte für den gebürtigen Stuttgarter.

Bei der viel besprochenen Hinrunden-Analyse der Entscheidungsträger wurden einige Themen klipp und klar diskutiert. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gab Keller "seine Chance" gewisse Dinge "zu korrigieren", wie er dem SID mitteilte. Dass Keller die Rückrunde beschreiten darf, dürfte wohl die letzte Chance sein, Argumente zu sammeln, die dessen Anstellung über das Jahr 2014 hinaus nicht nur ermöglichen, sondern auch rechtfertigen. Andere potenzielle Schalke-Trainer wurden schließlich zuhauf gehandelt.



Der große Druck

Schalke 04 ist kein wandelbarer Verein, er ist so, wie er eben ist. Dieser Traditionsklub genießt deutschlandweit viel Aufmerksamkeit. Das Fan-Aufkommen ist immens hoch und das mediale Interesse steht diesem in nichts nach. Die Ansprüche sind gewaltig, der Druck enorm groß. Die Mannschaft des Tabellensiebten hat ein durchschnittliches Alter von knapp 25 Jahren. Einige der talentierten aber noch recht jungen Spieler scheinen mit der großen Drucksituation aus dem Vereinsumfeld Schwierigkeiten zu haben.

Die große Erwartungshaltung kritisierte unlängst auch Rolf Fringer im Goal-Interview: "Schalke kann nichts erzwingen, aber sie wollen ständig etwas erzwingen. Das ist für die Spieler unheimlich schwierig, bisweilen auch sehr undankbar." Und aufgrund der "kranken Erwartungshaltung" auf Schalke bekäme der Klub "immer wieder mal auf die Schnauze", wie der zweifache Schweizer Meister und ehemalige Nationaltrainer der Eidgenossen mit markanten Worten feststellte.

Die Verantwortlichen haben auf die Umstände der Drucksituation reagiert und die Psychologin Theresa Holst hinzugezogen, die bereits die Schalker Jugendspieler aus der Knappenschmiede (Jugendleistungszentrum des Vereins) betreute. Die vorhandene Qualität im Kader der Königsblauen fiel Leistungseinbrüchen zum Opfer. Dem möchte man Abhilfe verschaffen und Ursachenforschung betreiben.

Der FC Schalke 04 kennt seine Baustellen und geht diese an, in der Liga ist Schlagdistanz vorhanden. Die Mitkonkurrenten werden ihre Arbeit gleichwohl nicht einstellen. Somit bleibt es dabei: Die Königsblauen haben ein dickes Brett zu bohren. Die Ausgangslage ist allerdings keineswegs aussichtslos. Den Klub erwartet eine spannende Rückrunde und die Grundlage dafür, diese erfolgreich zu absolvieren, wird ab Freitag geschaffen.

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