Jovanovs HSV: Oliver Kreuzers Transferbilanz

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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

die Zeit der Länderspielpause ist eine gute Gelegenheit, um die bisherige Arbeit des neuen Sportdirektors unter die Lupe zu nehmen. Schließlich hat die Trennung von Frank Arnesen den Verein viel Geld gekostet. Aber hat sich dieser Wechsel tatsächlich "gelohnt"? Dass dieser eine Folge von Machtspielchen war, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass sich der Däne bei der Presse und einigen Mitarbeitern im HSV keine Freunde gemacht hat. Und wenn der wichtigste Mann in einem Fußballunternehmen selbst von der eigenen Belegschaft keine Rückendeckung erfährt, nicht einmal innerhalb des Vorstandteams, dann ist eine Trennung die logische Konsequenz.

Nichtsdestotrotz muss sich ein kriselnder und in finanzieller Not steckender Verein die Frage gefallen lassen, ob die persönlichen Differenzen nicht zum Wohle des eigenen Geldbeutels überwunden werden konnten. Offenbar hat man daran nicht mehr geglaubt. Zusammenhalt und Rückendeckung füreinander sind ohnehin nicht die größte Stärke des HSV – siehe Dennis Aogo. An dieser Stelle geht es allerdings um Oliver Kreuzer, der, so wurde es zumindest medial übermittelt, hervorragende Leistungen erbracht und sich problemlos in der Bundesliga zurecht gefunden hat.

Beginnen möchte ich mit seinen Transfers und dem Verweis auf ein Zitat von Carl-Edgar Jarchow auf der letzten Mitgliederversammlung im Sommer: "Frank Arnesen hat viele Dinge vorbereitet, Herr Kreuzer muss nur noch finalisieren." Vereinfacht ausgedrückt: Der Großteil der in diesem Sommer getätigten Transfers ist auf die Arbeit seines Vorgängers zurückzuführen. Einzig Jacques Zoua, der auf großen Wunsch von Thorsten Fink verpflichtet wurde, und Pierre-Michel Lasogga sind ihm allein zuzuschreiben. Alle anderen standen bereits als Neuzugänge fest oder Kreuzer "finalisierte" den Wechselvorgang. Einen Hinweis darauf, der die überzogenen Lobeshymnen relativiert hätte, hat es nie gegeben.

Auch in Sachen Spielerverkäufe hat Kreuzer in diesem Sommer nicht das erreicht, was man sich eigentlich vorgestellt hat. Marcus Berg wurde ablösefrei nach Griechenland abgegeben, Jacopo Sala weit unter Wert verkauft, Paul Scharner mit etwa 400.000 Euro verabschiedet, Dennis Aogo verliehen, ebenso Per Skjelbred im Tausch für Pierre-Michel Lasogga. Die eigentlichen Streichkandidaten Robert Tesche, Michael Mancienne, Gojko Kacar und Slobodan Rajkovic belasten das Gehaltsbudget weiterhin. Bei den zur U23 verbannten Kacar und Tesche kann nicht einmal mehr mit einer Ablöse gerechnet werden.

Dennoch wird betont, dass man dem angestrebten Ziel der Gehaltskostenreduzierung um 8 Millionen Euro sehr nahe gekommen sei. Dass der Mannschaft Back-Ups für die Außenverteidigerpositionen fehlen, scheint hingegen nicht allzu wichtig zu sein. Zhi-Gin Lam hat zwar in den letzten beiden Spielen keine schlechte Figur abgeliefert, auf Dauer sehe ich ihn dort allerdings nicht. Gleiches gilt für Petr Jiracek, der zur Not auf der rechten oder linken Seite aushelfen müsste. Zur Not ist hier das Stichwort. Ein durchdachter Plan ist für mich leider nicht zu erkennen.

Dies wurde bisher an mehreren Stellen deutlich. Nicht nur, dass der HSV auf kommunikationspolitischer Ebene viele Fehler begangen hat – ob die Mannschaft tatsächlich stärker ist als im letzten Jahr, werden die kommenden Wochen zeigen. In denen darf sich Aogo, der übrigens völlig zurecht anklagt, zur Ablenkung von der sportlichen Situation geopfert worden zu sein, in seinem neuen Verein auf der Linksverteidigerposition beweisen. Die Qualität dazu hatte ihm Fink abgesprochen. So schnell kann sich das Blatt wenden.

Es wäre ungemein unfair, den Stab über jemandem zu brechen, der erst seit drei Monaten im Amt ist. Die Anhäufung der aus meiner Sicht vermeidbaren Fehler ist dennoch so groß, dass ich keinen Effekt zur Besserung der Lage erkennen kann. Bisher. Und natürlich ist das nur meine persönliche Meinung. Sie soll auch nicht dahin gehend interpretiert werden, dass ich mir einen neuen Sportdirektor für den HSV wünsche. Ich halte Kontinuität für den sinnvolleren Weg. Trotzdem muss sich der Vorstand hinterfragen.

Der Frust bei den Verbannten in die U23 ist groß, der Ärger über die Art der Mitteilung und die Ungleichbehandlung ebenfalls. Die Stimmung bei der "Zweiten" gleicht einer Eiszeit – die Rückversetzung von der Arena auf das Trainingsgelände in Norderstedt hat offenbar für viel Unmut gesorgt. Die einzige Erklärung für diese Maßnahme, die ich in diesem Zusammenhang vernommen habe, war, dass das Training an der Arena dem einen oder anderen Talent zu Kopf gestiegen sei.

Es zeigt sich, dass man nicht alles, was einem zum Fraß hingeworfen wird, auch fressen sollte. Für das anfängliche Lob kann Herr Kreuzer nichts und es ist ihm auch nicht zu verübeln, dass er es gerne mitgenommen hat. Doch er wird jetzt feststellen, dass sich die Windrichtung schnell ändern kann. Die Wirkung seiner Wutreden ist verpufft, die Transferphase wird zunehmend kritischer begutachtet und das Tischtuch zwischen ihm und Investor Kühne ist zerschnitten.

Zu allem Überfluss planen Ernst-Otto Rieckhoff und sein Team die Ausgliederung des Lizenzfußballs, für die auch ein Investor gebraucht wird. Sollte dieser tatsächlich Kühne heißen und die Ausgliederung erfolgreich vollzogen werden, kann man sich aufgrund der getätigten Äußerungen des Milliardärs die berechtigte Frage stellen, wie zukunftssicher der Arbeitsplatz von Herrn Kreuzer noch sein mag. Fest steht, dass der tägliche Gang zur Arbeit von zunehmend unbequemeren Gedanken begleitet wird.

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