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Juventus' Keeper gegen den Weltmeister-Kapitän von '82 - auch im zweiten Teil unserer Serie vergleichen wir aktuelle Stars mit legendären Nationalspielern.

ANALYSE
Von Mark Doyle

Am 15. November 2011 zog Gianluigi Buffon gleich: In einem Freundschaftsspiel gegen Uruguay egalisierte er Dino Zoffs Rekord von 112 Nationalspielen für Italien. „Ich wollte immer sein wie er“, gestand er vor dem Spiel in Rom. „Er war ein Maestro und das Vorbild für alle Keeper, die nach ihm kamen.” Es stellt sich heute die Frage, ob Buffon, der am Donnerstag gegen Brasilien für Italien zu seinem 125. Einsatz kommt, mittlerweile nicht sogar an seinem Idol vorbei gezogen ist - nicht nur, was die Anzahl der Länderspiele betrifft, sondern auch an Bedeutung. Heute ist Buffon die Bezugsgröße, wenn es um Italiens Größen im Tor geht.

Spieler aus unterschiedlichen Epochen miteinander zu vergleichen, ist letztlich immmer etwas Subjektives. Allerdings ist es ein Fakt, dass Buffon nun mit dem Mann auf einer Stufe steht, der 2003 zum besten Spieler Italiens der letzten 50 Jahre gewählt wurde. Zoff selbst hat das anerkannt: „Mein Kompliment an Buffon“, sagte er dem GQ Magazin vor zwei Jahren, genau vor jenem Spiel gegen Uruguay. „Er kann nun als mein Erbe gesehen weden. Ich glaube, wir sind beide zwei große Torhüter.“ Eine Aussage, die die meisten wohl unterschreiben würden.

Zoff führte die Nazionale zum Weltmeister-Triumph 1982 in Spanien, im Alter von 40 war er damals der älteste Spieler, der den Pokal je in die Lüfte stemmte. Buffon hingegen spielte eine zentrale Rolle beim Erfolg in Deutschland vor sieben Jahren. Parallelen, die es auch in der Vereinskarriere beider gibt. Beide können sich einen UEFA Cup-Sieg in ihren Lebenslauf schreiben, und am Ende der Saison wid Buffon sehr wahrscheinlich Zoffs sechs Meistertitel in der Serie A egalisieren. Wenn es um Titel und Trophäen geht, stehen beide aber auf einer Stufe.

BUFFON VS ZOFF - DIE STATISTIKEN
GIANLUIGI BUFFON
DINO ZOFF

779 PARTIEN
682
124 INTERNATIONAL
112
25 TURNIER
24
11 WEISSE WESTEN
11
21 GEGENTORE
16
0.84 GEGENTORE PRO SPIEL IM SCHNITT
0.66
1 Weltmeister
5 Italienischer Meister
1 Coppa Italia
1 Uefa Cup
GRÖSSTE ERFOLGE
1 Weltmeister
1 Europameister
6 Italienischer Meister
2 Coppa Italia
1 Uefa Cup
1 Uefa Fussballer des Jahres
4 IFFHS Goalkeeper des Jahres
9 Serie A Goalkeeper des Jahres
INDIVIDUELLE PREISE
Italiens Golden Player

Auf der einen Seite ist Buffon der physisch beeindruckendere Spieler. Der Sprößling einer Diskuswerferin und eines Gewichthebers hat zwischen den Pfosten eine imponierende Präsenz. Seine Körper ist es aber auch, der ihm ironischerweise auf dem Weg zu Italiens größtem Keeper aller Zeiten einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Die Nummer Eins der Bianconeri wurde oft von Rückenproblemen zurückgeworfen. Als er vor Kurzem einen neuen Dreijahres-Vertrag beim italienischen Meister unterschrieb, kamen Zweifel auf, ob er mit Zoff in Sachen Langlebigkeit mithalten kann. Das Idol spielte atemberaubende 22 Jahre auf höchstem Niveau.

Wenn es um Zuverlässigkeit geht, dann gibt es tatsächlich nur einen Gewinner. Zoff verpasste in 11 Jahren für Juventus nicht ein Spiel und bestritt in dieser bemerkenswerten Zeit 330 Partien in Folge. Neulich deutete der frühere Kapitän der Azzurri an, dass diese Haltbarkeit durchaus ein Schlüsselargument sein könnte, wenn es darum geht, Italiens größte Nummer Eins zu ermitteln. „In seiner Jugend war Gigi besser als ich“, sinnierte Zoff. „Aber dann war es umgekehrt, denn nach meiner Jugendzeit habe ich mich stark verbessert. Nicht zu vergessen, dass ich bis 41 für die Nationalmannschaft gespielt habe.“

Mein Kompliment an Gigi. Er kann nun als mein Erbe gesehen werden. Ich glaube, wir sind beide zwei große Torhüter.

- Zoff über Buffon 2011

Es gibt also so etwas wie eine verbreitete Ansicht, dass Buffon, trotz seiner unweigerlichen Brillianz, verletzungsanfälliger ist. Natürlich gilt es, den mildernden Umstand zu beachten, dass er in einer Ära spielt, in welcher die Torhüter wegen der Rückpass-Regel sehr viel geschickter mit dem Ball am Fuss sein müssen. Außerdem sollte man in die Rechnung mit einbeziehen, dass Buffon nicht in demselben Maße 'geschützt' war wie Zoff. Letzterer spielte hinter den besten Verteidigern, die dieses Spiel je zelebrierten, in einer Phase, die als die goldene des italienischen Fussballs bekannt ist.

Deswegen ist der Kontext der Schlüssel. Ja, Zoff schaffte es zwischen 1972 und 1974, 1143 Minuten ohne Gegentor auf internationaler Ebene zu bleiben - ein Rekord, der noch heute Bestand hat. Aber: Buffons Kasten blieb während der Weltmeisterschaft 2006 453 Minuten sauber. Der frühere Parma-Keeper behielt fünf mal eine saubere Weste und nahm im Turnierverlauf nur zwei Gegentreffer hin: Cristian Zaccardos Eigentor und den Elfmeter von Zinedine Zidane.

In seiner Jugend war Gigi besser als ich. Aber dann war es umgekehrt, denn nach meiner Jugendzeit habe ich mich stark verbessern können. Nicht zu vergessen, dass ich bis 41 für die Nationalmannschaft gespielt habe.
- Zoff

Wenn es um die Qualitäten als Anführer geht, spricht für Zoff, dass er der Kapitän seiner Weltmeister-Elf war. Buffon führte wiederrum eine Mannschaft ins EM-Finale 2012, die aus weit weniger Weltklasse-Spielern bestand - etwas, das nicht weniger anerkennenswert ist. Zoff war ein toller Kapitän. Ein unglaublich selbstkritischer Perfektionist und ein absoluter Profi. Einer von denen, auf die die Aussage zutrifft: „Ich habe immer Taten statt Worte sprechen lassen.“

Buffon auf der anderen Seite, ist keiner, der sich das Wort verbieten lässt - weder in noch außerhalb der Umkleide. Er gilt unter Team-Kameraden und Fans gleichermaßen als feiner Motivationskünstler (wie sein zündender Facebook-Aufruf vor dem Halbfinale gegen Deutschland 2012 zeigte). Die Kehrseite: Er hatte nie Angst davor, sich mit den Medien in die Haare zu kriegen. Zoff, das Vorbild und Buffon, der Inspirator.

Zwischen beiden zu wählen, ist letztendlich immer eine Geschmacksfrage. Aber auch diejenigen, die streng hinter Zoff stehen, müssen eingestehen, dass Buffon das Talent, den Hunger und die Zeit hat (wenn es ihm seine Gesundheit noch erlauben sollte!), um diese Debatte ein für allemal zu beenden. So dürften nach wie vor die Worte Zoffs gelten, der, als er danach befragt wurde, ob er eines Tages als Italiens Nummer Eins abgelöst wird, sagte: „Das wird die Zeit zeigen... Wenn er gesund bleibt, hat Gigi keine Rivalen. “

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