Der Mann, der keinen Wikipedia-Eintrag besitzt - Inters Andrea Stramaccioni im Portrait

Nach dem Erfolg mit der Jugendmannschaft übernahm der 36-jährige Römer einen der wichtigsten Trainerstühle Italiens.
Von Sergio Chesi

Montag, 26. März, 22.17 Uhr: Es gibt keinen Eintrag über Inters neuen Trainer Andrea Stramaccioni. Dies zeigt deutlich, welche Rolle der Römer bisher im italienischen Fußball spielte, bevor die Nerazzurri ihn zum Cheftrainer machten.

Am letzten Dienstag war der Italiener mit der Jugendmannschaft in London wegen der finalen Phase der „NextGen Series“ unterwegs. Eine Woche muss er sich um eins der prestigeträchtigsten Teams im Weltfußball kümmern. Für Trainer und Verein war dies ein Riesenschritt. Und jeder hält den Atem an.

Die Frage, die sich die Fans stellen, ist recht einfach: Wer ist Andrea Stramaccioni, und wieso fühlt sich Massimo Morattis drastische Maßnahme eher wie ein Wunsch an, einen Trainer-Novizen in den Vordergrund zu stellen und Ranieri zu bestrafen?

Stramaccioni machte einen Jura-Abschluss, seine Leidenschaft war aber der Fußball. Seine Laufbahn als aktiver Spieler hielt aufgrund einer hartnäckigen Knie-Verletzung nicht lange an. Also versuchte er sich als Trainer. Während viele den Italiener beneiden, weil er in kurzer Zeit einen der begehrtesten Trainerstühle der Serie A übernommen hat, startete auch er ganz unten.

DIE ZUKUNFT DER ROMA VOR LUIS ENRIQUE


Ich verließ mein Herz und meine zweite Familie in Trigoria. Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich geweint habe, als ich alle umarmt habe. Niemand sollte Rom oder die Roma aus seinem Herzen streichen...

Seinen ersten Erfolg feierte er im Jahr 2003 im Amateurbereich, als er mit Romulea einen nationalen Titel gewann. Ein Jahr später gewann er einen regionalen Titel, was die Aufmerksamkeit der Roma weckte.

Nach nur wenigen Monaten leitete er die U-15 der Roma und führte sie zum Titel der „Tricolore“ 2007. Seine Karriere als Trainer begann. Danach gewann er einen weiteren Titel, ehe es im Jahr 2010 sein Jahr werden sollte.

Mit der Auswahl der „Alliervi Nationali“ räumte er in diesem Jahr alles ab, was es zu gewinnen gab. Dadurch entsteht auch ein besonderes Verhältnis zur Sensi-Familie. Trotz einiger Spannungen änderte sich seit der Übernahme des AS Rom durch amerikanische Investoren so einiges. Trotz seiner zahlreichen Erfolge mit den Jugendmannschaften wurde er als überflüssig gesehen und sollte seine Sachen packen.

„Ich verlasse mein Herz und meine zweite Familie in Trigoria. Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich geweint habe, als ich alle umarmt habe und dass die einzige Person, die wollte, dass ich bleibe, Bruno Conti war, der nach den ganzen Erfahrungen wie ein Vater für mich war“, sagte er damals.

„Bruno hat einen besonderen Platz in meinem Herzen und ich weiß, dass ich alles ihm zu verdanken habe, als ich sowohl als Trainer als auch als Mann gewachsen bin. Niemand sollte Rom oder die Roma aus seinem Herzen streichen.“

SOFORTIGE LIEBE FÜR INTER

Inter hat mich überzeugt, indem sie alles dafür getan haben, mich zu verpflichten und das Vertrauen, dass sie mir entgegengebracht haben. Ich bin sehr glücklich hier, mein erstes Team ist die Jugendmannschaft...

Inter zeigte schon Interesse, als Stramaccioni noch in Trigoria war, und konnte dem Italiener das geben, was die Roma nicht wollte: Ein langfristiges Jugendprojekt. Inter bot ihm Verantwortung und Kontrolle. Nun hatte er alle Freiheiten, seine Ideen umzusetzen. Bei den Spielern wusste er genau, welche Knöpfe er drücken musste, um sie zu aktivieren – auf und neben dem Feld.

Wie bei Rom brauchte er nur ein paar Monate, um jeden im Verein zu überzeugen. Einige sahen es bereits als eine Frage der Zeit, bis er mal die erste Mannschaft übernimmt. Diese Diskussionen begannen bereits nach der Schwächephase von Ranieri. Doch Stramaccioni wollte davon nichts wissen: „Ich werde mich nicht von der Bank bewegen, bis wir besser werden. Ich bin glücklich hier, meine erste Mannschaft ist das Jugendteam.“

Das Verhältnis zwischen Inter und Stramaccioni wuchs stetig. Spätestens nach seinen Worten in einer Pressekonferenz erinnerte er an die damalige Ära von Jose Mourinho.

Dann kam der Triumph in London. Die „NextGen Series“ ist nicht mit der Champions League für Jugendmannschaften gleichzusetzen, es kommt aber sehr nahe. Es ist kein offizielles Uefa-Turnier, wo die besten Teams Europas aufeinander treffen, trotzdem ist es ein wichtiges Turnier zwischen 16 prestigeträchtigen Jugendmannschaften in Europa.

Inter reiste zur entscheidenden Phase letzte Woche nach London. Im Halbfinale bezwang man überraschend Marseille nach Toren von Lorenzo Crisetig und Samuele Long. Dann kam das Finale gegen Ajax, der Vorzeigeklub, was die Jugend betrifft. Inter gewann das Spiel nach dramatischen 120 Minuten im Elfmeterschießen.

STRAMACCIONI EROBERT LONDON UND MORATTI


Diese Leistung ist für alle Mitglieder dieses Vereins wichtig: Inters Erfolg ist ein Erfolg für den gesamten italienischen Fußball

Moratti gratulierte Stramaccioni persönlich, ein Tag bevor die Nerazzurri auf Juventus trafen. Nach dem Titelgewinn flüsterte Moratti dem Italiener etwas ins Ohr. „Ich werde es lieber für mich behalten“, sagte Stramaccioni, als er danach gefragt wurde.

Man kann sich nun vorstellen, was das gewesen sein könnte: Inter wieder dorthin zu führen, wo es mal stand und den Grundstein für einen erfolgreichen Neuaufbau zu legen.

Taktisch gesehen ist es etwas früh zu erahnen, was für ein Inter wir unter Stramaccioni sehen werden. Von einem 4-2-3-1 ist die Rede, aber die Formation hat bei den Nerazzurri derzeit keine Priorität. Das Hauptproblem liegt in den Köpfen der Spieler, die ihr Selbstvertrauen und ihre Siegermentalität verloren haben. Eigenschaften, die einem 36-jährigen Trainer niemals fehlen.

Stramaccioni hat neun Spiele Zeit – inklusive eines Derbys – um sich zu beweisen und zu zeigen, dass er dem Team dieselbe Motivation geben kann, wie der Jugendmannschaft. Der Aufbau beginnt heute, also lasst ihn in Ruhe arbeiten. Und es soll sich keiner wagen, ihn mit „The Special One“ zu vergleichen..

Eure Meinung: Schafft Stramaccioni bei Inter Mailand den Durchbruch?

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