Die Pyro-Diskussion: So läuft es im Ausland

Freigeben oder nicht? Während in Deutschland um die Freigabe von Pyrotechnik gestritten wird, schauen wir, wie das Thema in anderen Ländern gehandhabt wird.
Berlin. Die (heiße) Diskussion um Pyrotechnik und deren Freigabe in deutschen Fußballstadien ist in vollem Gange. Nicht erst seit den Vorkommnissen beim DFB-Pokal-Duell zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden ist das Thema in den Blickpunkt gerückt. Fanprojekte und Ultragruppierungen hatten sich Hoffnungen auf eine „lokale Genehmigungspraxis“ der optisch beeindruckenden, aber angeblich gefährlichen Technik gemacht. Doch der DFB erstickte die Hoffnungen im Keim und begründete dies mit einem von ihm in Auftrag gegebenen Gutachten. Befürworter der Pyros, wie die Initiative „Pyrotechnik legalisieren!“, wittern durch die mediale Berichterstattung und scharfe Äußerungen der DFB-Offiziellen mittlerweile eine „Hetzjagd“.

Goal.com blickt über den Tellerrand hinaus und zeigt Euch auf, wie es mit der Pyrotechnik in anderen Ländern gehandhabt wird. Experten aus unserem Netzwerk erklären, ob und in welchem Maße es erlaubt ist und welche Konsequenzen den Anhängern bei Missachtung drohen.

Wer kennt sie nicht, die Clips von  - im wahrsten Sinne des Wortes – heißen Choreos vor Klassikern in Südamerika. Gerade in Argentinien geht es in den Kurven rund, wenn Traditionsklubs aufeinandertreffen. Zur Situation im Land der „Albiceleste“ erläutert Daniel Edwards, der Südamerika-Korrespondent von Goal.com International: „Das ist hier eine Art Grauzone. Es wird toleriert, so lange es sich im Rahmen hält. Allerdings wird der Rahmen ziemlich oft überschritten. In Argentinien wird nun versucht, das Verbot stärker durchzusetzen. Grund dafür ist ein Vorfall bei einem Rock-Konzert im Mai. Dabei starb ein Zuschauer durch eine Rakete.“



Edwards betonte aber auch: „Offiziell ist das hier verboten. Doch es gibt 1000 Wege, das Zeug ins Stadion zu schmuggeln. Besonders unter Verdacht stehen einige Klubs, die es ihren Fans erlaubten, die Sachen einige Tage vor den Spielen im Stadion zu verstecken. Velez (Sarsfield) wurde dafür in der vergangenen Saison bestraft. Ich habe aber noch nie gehört, dass ein Fan für das Abbrennen bestraft wurde. In Argentinien gibt es Fanblocks, die die Polizei nur bei Ausschreitungen betreten darf und es ist nahezu unmöglich, einzelnen Personen zu identifizieren.“

Aber warum benutzen gerade die Argentinier Pyrotechnik so exzessiv? „In Argentinien und anderen Teilen Südamerikas sagen sie, das sei ein Teil der Folklore. Es erfüllt die Fans mit großem Stolz, wenn sie dem Gegner zeigen können, dass sie einen Haufen Geld in Pyrotechnik stecken können. In Spielen der Copa, Derbies oder den letzten Partien der Saison gibt es sie eigentlich immer zu sehen. Wenn es einen Unfall gibt, dann setzt das gewöhnliche Umdenken kurz ein, um kurz darauf wieder vergessen zu werden“, erklärt Edwards. In den vergangenen Jahren gab es allerdings keine größeren Zwischenfälle. Der letzte schwerwiegendere Unfall in diesem Zusammenhang ereignete sich im Jahr 2001: Damals wurde der Spitzenklub Boca Juniors zu einer Geldstrafe verdonnert, weil sich ein sieben Jahre altes Mädchen, verursacht durch einen Feuerwerkskörper, Verbrennungen zugezogen hatte.



Ähnlich wie Argentinien ist auch England für seine Fankultur bekannt und berühmt. Jedoch auf eine völlig andere Art und Weise, denn großes „Schnickschnack“ gibt es vor Spielen der Premier League nicht zu sehen. Pyrotechnik ist verboten und viele Arenen haben dies auch in ihrer Stadionordnung verankert. Wer trotzdem mit Pyrotechnik erwischt wird, fliegt raus oder darf erst gar nicht hinein. Chris Myson von Goal.com UK erläutert, warum dieser Aspekt bei den Fans auf der Insel keine Rolle spielt: „Im Vereinigten Königreich sind Dinge wie Feuerwerkskörper oder Fackeln kein Teil der Kultur rund um den Fußball, genauso wie es auch im öffentlichen Leben hier der Fall ist.“

„Hier wird von Polizei und Sicherheitskräften streng kontrolliert und die Angst vor Unfällen ist groß, schließlich gibt es in unseren Stadien ausschließlich Sitzplätze. Die Fans hier interessieren sich mehr für das, was auf dem Spielfeld passiert. Sie singen und brüllen, aber sie stecken keine Fackeln an“, ergänzt Myson. Mit einem Augenzwinkern sagt er aber, dass Vorfälle mit Feuerwerkskörpern dann doch eher außerhalb des Stadions stattfinden, wie Manchester Citys Stürmer Mario Balotelli in der jüngeren Vergangenheit gezeigt habe.

Einen Unfall gab es in den vergangenen Jahren aber auch in England: 2003 traf eine Rakete vor der Spiel zwischen den Wolves und Newcastle United eine unbeteiligte Zuschauerin im Gesicht. Sie musste ins Krankenhaus und dort zwei Tage bleiben. Die gesamte Mannschaft von Wolverhampton besuchte sie dort und sie bekam eine Jahreskarte. Seitdem sind Feuerwerkskörper im Molineus-Stadium endgültig Tabu und viele andere Klubs folgten diesem Beispiel.

Italiens Tifosi sind für ihr heißblütiges Temperament bekannt. Die Kurven sind vor großen Spielen mit teils atemberaubenden Choreos geschmückt und auch Bengalos und Co sind keine Seltenheit. Renato Maisani von Goal.com Italia meint: „Offiziell ist es mittlerweile in italienischen Stadien  verboten, Feuerwerkskörper oder andere Pyrotechnik zu verwenden. Die Fans sind allerdings viel wütender, dass nun auch Banner und Trommeln verboten werden, das Pyro-Verbot interessiert sie kaum.“ Wird gegen das Verbot verstoßen, muss der Klub eine Geldstrafe zahlen und der Verursacher erhält Stadionverbot (falls er denn erwischt wird). „Die organisierten Fangruppen möchten gerne, dass es legalisiert wird. Allerdings finden auch sie immer Wege, diese Dinge ins Stadion zu schmuggeln. Den normalen Fan juckt das Thema nicht allzu sehr“, so Mesaini weiter.



Es kam im Lande des vierfachen Weltmeisters allerdings auch schon zu zwei schweren Unglücken, die durch Feuerwerkskörper verursacht wurden: 1979 starb Vincenzo Paparelli, ein Fan von Lazio, beim Römer Derby durch eine Leuchtrakete, die ein 18-Jähriger Anhänger der Roma abgeschossen hatte. Die Rakete überquerte das gesamte Spielfeld und traf das Opfer im rechten Auge. Beim sizilianischen Nachbarschaftsduell zwischen Catania und Messina vor zehn Jahren wurde Messina-Fan Antonino Curro von einer Rakete getroffen und verstarb ebenfalls.

Ganz anders dagegen die Situation in Japan: Feuerwerkskörper sind in den Arenen strikt verboten und die Fans halten sich daran. „Die japanischen Anhänger gehorchen allen Anweisungen von J-League und Vereinen“, sagt Cesare Polenghi, der Managing Editor von Goal.com Ostasien. „Die Japaner halten Fackeln und Feuerwerkskörper im Stadion für gefährlich und deswegen benutzen sie es nicht. Und zur gleichen Zeit sieht man bei einem Sommerfest dreijährige mit riesigen Raketen hantieren: Es ist ein Land voller Widersprüche.“

Auch in Schottland spielen Pyros keine große Rolle, allerdings aus anderen Gründen. „Der durchschnittliche Fan hält das Ganze für albernen Kinderkram und so ganz falsch liegt er damit meiner Meinung nach nicht“, sagt Ewan Macdonald, Managing Editor für Product Development bei Goal.com. Kürzlich sorgte allerdings eine Gruppe, die sich „Somerset Ragazzi“ nennt und den Division-One-Klub Ayr United unterstützt, mit vereinzelten Pyro-Experimenten für Aufsehen.

Viele türkische Fans sind keine Kinder von Traurigkeit, wenn es um das abbrennen von Feuerwerkskörpern in den Kurven geht. Kein Wunder, denn bis vor kurzem war dies praktisch noch legal. Wer erwischt wurde, kam davon, sein Verein musste lediglich eine kleine Geldstrafe zahlen. Neue Gesetze definieren es seit einigen Monaten als Straftat und der Täter muss im schlimmsten Falle mit einem Jahr Freiheitsstrafe rechnen.



Bei unseren österreichischen Nachbarn ist die Situation mit der in Deutschland vergleichbar. Auch dort hat sich eine Initiative gebildet, welche die (begrenzte) Legalisierung von Pyrotechnik in Fußballstadien fordert. Sie nennt sich „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ und der Leitsatz auf der offiziellen Internetseite lautet leicht philosophisch: „Das Licht der Fackeln hat etwas Magisches, fast Unbeschreibliches an sich. Kein anderes Hilfsmittel schafft es, eine Begeisterung auf derart einfache Weise zu steigern und durch nichts anderes lässt sich eine Freude stärker zum Ausdruck bringen.“

Eure Meinung: Was haltet Ihr von Pyrotechnik, erlauben oder verbieten?

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