Spielverlagerung: Darum gab es ein Chancenfestival zwischen Hannover und Werder

Vom Rasen auf die Taktiktafel - Spielverlagerung.de analysiert wöchentlich ein Bundesliga-Spiel exklusiv auf Goal.com. Heute: Der Nordschlager zwischen 96 und Werder.
Hannover. Das Nordderby am Sonntag war eine ebenso torreiche wie spannende Partie. Wieso produzierte dieses Spiel Chance um Chance? Warum waren die Hannoveraner mit ihren Kontern so gefährlich? Und wieso fand Werder Bremen trotz zweifachem Zwei-Tore-Rückstand beide Male wieder ins Spiel? Eine taktische Ursachenforschung.

Bremens Raute anfällig für Hannoveraner Konterfußball

Hannover 96 war das Überraschungsteam der letzten Saison. Ihre Erfolgsgeschichte ist eng verbunden mit der taktischen Marschroute, die Mirko Slomka seinem Team auferlegt hat. Er installierte in Hannover einen schnellen Konterfußball. Hinter der Mittellinie attackieren die Hannoveraner Mittelfeldspieler gezielt den Gegner, um hier zu Ballgewinnen zu kommen. Dazu verengen sie das Feld, indem sie die zwei Viererketten im 4-4-2 eng beieinander und weit weg vom eigenen Tor aufstellen. Dies soll die Räume im Mittelfeld begrenzen und die Chancen auf einen Gewinn des Balles erhöhen. Nach einer Balleroberung suchen die Hannoveraner direkt den Weg zum gegnerischen Tor. Um den noch in der Vorwärtsbewegung befindlichen Gegner zu überrumpeln, spielen sie den Ball weit auf die freien Außen. Mit zwei, maximal drei Kontakten wird der Weg zum gegnerischen Tor gesucht. 

In Werder Bremen hatten die 96er im ersten Sonntagsspiel des achten Spieltages einen dankbaren Gegner. Diese haben aufgrund ihrer Formation Schwierigkeiten auf den Außen. Da die Mittelfeldspieler in der berühmt-berüchtigten Mittelfeldraute allesamt ihre Position recht zentral interpretieren, entsteht in manchen Situationen freier Raum auf Außen. Fritz und Hunt gehen bei eigenen Angriffen weit in die Mitte, um dort Überzahlsituationen für das Bremer Kurzpassspiel zu schaffen. Bei Ballverlusten fehlen sie in der Rückwärtsbewegung zunächst auf den Außen. Hannovers hängende Spitze Schlaudraff nutzte das geschickt aus, indem er sich dort anbot.
Die Tatsache, dass alle drei Bremer Gegentore nach Angriffen über die eigene linke Seite fielen, war kein Zufall. Mit Schlaudraff und Stindl hatten die Hannoveraner hier immer eine Überzahl, die sie gerade bei Kontern zu nutzen wussten. Ignjovski wurde in vielen Situationen von seinen Kollegen allein gelassen und konnte trotz einer tollen Zweikampfquote von 80% das Schlimmste nicht verhindern. Gerade das zweite Tor war ein typischer Hannoveraner Konter: Schmiedebach fing an der Mittellinie einen Pass ab und schickte Schlaudraff direkt auf Rechtsaußen. Dessen flache Flanke in die Mitte versenkte  Abdellaoue, der sich durch seine Sprintschnelligkeit die entscheidenden Zentimeter Vorsprung auf Bremens Innenverteidigung sicherte (38.).

Hannover ohne Kontrolle über das Spiel

Durch das Elfmetertor in der 2. Minute mussten die Bremer schon früh einem Rückstand hinterherlaufen. Die Hannoveraner kultivierten ihre Rolle als Konterteam und waren nicht gewillt, ein eigenes Aufbauspiel aufzuziehen. Die Werderaner steckten trotz des frühen Rückstandes nicht ab. Sie versuchten, über schnelle Kombinationen ins Spiel zu finden. Pizarro und Arnautovic ließen sich ein wenig zurückfallen und beteiligten sich an dem Ein-Kontakt-Fußball, den Schaaf seit über zehn Jahren in Bremen kultiviert. So konnten sie sich in der Folge vermehrt Chancen herauskombinieren.

Bereits in den ersten Spielen der Saison fiel auf, dass die Hannoveraner eine Führung nicht ohne Probleme nach Hause fahren konnte. Ihr Konterspiel ist sehr gut geeignet, dem Gegner Nadelstiche zu versetzen. Allerdings verlieren sie dadurch den Ball auch sehr schnell. In manchen Situationen wäre es hingegen gut, Ball und Gegner laufen zu lassen und darüber Ruhe ins Spiel zu bringen. Diese Qualität fehlt dem Überraschungsvierten der Vorsaison aber. Zudem hat ihr extrem aggressives Spiel im Mittelfeld auch Schattenseiten: Die Hannoveraner sind in der Verteidigung nicht auf das Abdecken der Passwege, sondern auf das Erobern des Balles getrimmt. Genau das führte gegen Werder Bremen, die im Verlaufe des Spieles immer kombinationssicherer wurden, vermehrt zu Problemen. So konnte Arnautovic nach einer schönen Kombination in der Nachspielzeit der ersten Hälfte auf 1:2 verkürzen.

Torchancenreiche zweite Hälfte

Da Hannover das Spiel trotz Zwei-Tore-Führung nicht beruhigen konnte, entwickelte sich nach der Pause eine torchancenreiche Partie. Beide Teams suchten den direkten Weg zum gegnerischen Tor. Während Bremen immer wieder Lücken in die gegnerische Verteidigung kombinierte, spielten die Niedersachsen bis zum Schluss ihre pfeilschnellen Konter über die Außen. Gerade in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit pulsierte das Spiel von Strafraum zu Strafraum. Beide Teams hatten große Chancen. Auch nach der 3:1-Führung (59.) waren die Bremer noch nicht aus dem Spiel. Erst die rote Karte gegen Arnautovic warf sie in ihrem Bemühen zurück (78.). Zwar konnten Pizarro noch den Anschlusstreffer erzielen (83.), doch in den letzten Minuten war Hannover dem 4:2 näher als die Gäste dem Ausgleichstreffer.



Ein Spiel, in dem es derart viele Torszenen zu bestaunen gibt, ist für neutrale Fans immer gut anzusehen – die Trainer dürften graue Haare aufgrund der Abwehrleistung ihrer Teams bekommen haben. Am Ende ging es für die Gastgeber gut aus - auch wenn das Spiel nach Chancen betrachtet genauso hätte 6:6 ausgehen können.

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