Vom Messias zum Judas: Die Kokainaffäre um Christoph Daum

Jesus lief übers Wasser, unser „Messias“ über Scherben, ehe er sich als Judas entlarvte. Als Bundestrainer in spe sollte er die Nationalmannschaft retten, doch Christoph Daum geriet selbst in Schieflage. Davon erzählt die Goal.com-Reihe „20 Jahre - 20 Momente“ heute.

Köln. Mitte der 90er-Jahre biss sich Bayer 04 Leverkusen urplötzlich als schärfster Bayern-Verfolger an der Bundesliga-Spitze fest. Vater des Erfolges war Christoph Daum, der 1986 beim 1. FC Köln vom Co- zum Cheftrainer aufstieg und sich als Hit entpuppte. Zwar schrammte der Schnauzbartträger sowohl auf der linken, wie auf der rechten Rheinseite mehrmals haarscharf an der Schale vorbei, das Schimpfwort „Vizekusen“ ließ sich die Werkself dennoch schützen. Einzig am Neckar beim VfB Stuttgart wurde der gebürtige Zwickauer Deutscher Meister. Wer damals den Bayern das Leben in der Tabelle schwer machte, bekam es mit Uli Hoeneß zu tun, mit dem Daum im „aktuellen Sportstudio“ den größten Live-Zoff der Fernsehgeschichte anzettelte. Es sollte nicht der letzte Knall zwischen den beiden Alphatieren sein.

Motivator und Messias

Daum glänzte an der Seitenlinie nicht nur im signalblauen Anzug, sondern vor allem als Motivator mit neuen Trainingsmethoden, die den Spielerwillen sogar über glühende Kohlen trieben. „Manchmal merkten wir gar nicht, wie anstrengend es war“, erinnerte sich Pierre Littbarski. Nach dem EM-Debakel 2000 gab es nur einen, der die angestaubte Nationalmannschaft wieder auf die Beine bringen konnte: ihn, den „Messias“. Bayer wollte sein bestes Pferd im Stall allerdings nicht sofort zum Wohl der Allgemeinheit spenden, sondern parkte Rudi Völler als Zwischenlösung für ein Jahr beim mitgliederstärksten Fußballverband der Welt, der dem Kernsanierer den Stuhl warmhalten sollte.

„Am Ende dieser Sache wird es einen von beiden nicht mehr geben“

Für Erzfeind Uli hatte sich der DFB den falschen Helden ausgesucht. „Das Thema muss neu diskutiert werden“, brachte der Manager am 30. September die Lawine ins Rollen, ehe Tage später in der Münchener Abendzeitung erstmals Rede vom „verschnupften Daum“ war, der so nicht Bundestrainer werden könne. Auch wenn Hoeneß die Gerüchte über Prostitution und Erpressung zurücknahm, vermutete Bayern-Profi Thomas Helmer eine „private Abrechnung“ dahinter. Paul Breitner behielt Recht, als er mutmaßte, „am Ende dieser Sache wird es einen von beiden nicht mehr geben.“ Während Schwergewicht Reiner Callmund den „Alzheimer“-Patienten „zum Arzt schicken“ wollte, wusste selbst der „Kaiser“ nicht, auf welcher Seite er nun stehen sollte. Zunächst ließ er seinen Sportdirektor „mit seiner Meinung im Moment allein stehen“, als DFB-Vize Meyer-Vorfelder empört reagierte und Hoeneß eine „Bringschuld“ zusprach. Nachdem Daum („Ich werde Bundestrainer!“) jedoch einen Friedensgipfel verweigerte, goss auch Beckenbauer Öl ins Feuer und empfahl Daum, Gegenbeweise für die „langen Gerüchte“ zu liefern.

„Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe“

Um rechtliche Schritte gegen die Kokain-Anschuldigungen einleiten zu können, bot Daum dem gerichtsmedizinischen Institut zu Köln mit den Worten: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ aus freien Stücken eine Haarprobe an. Deutschland zählte die Tage herunter, wartete auf Daums amtliche Unschuld und wollte damit den noch nicht altersmilden und unsympathischen Lautsprecher des FC Bayern endgültig in Diskredit bringen und als „Arschloch der Nation“ abstempeln dürfen. Hoeneß beharrte: „Viele werden sich bei mir entschuldigen“ und behielt Recht. Daums klare Linie entpuppte sich als größtes Eigentor der Geschichte und riss die Fußballwelt aus seinen Angeln. Am 20. Oktober platzt die Bombe: Professor Käferstein informierte Calmund über den positiven Kokainfund in Daums Probe. Fassungslos löste der Pharmaclub das Vertragsverhältnis mit seinem Trainer auf, der DFB zog selbstredend nach. Auch wenn in den Bundesliga-Stadien die Fankurven mit der Melodie von „Flipper“ über den Skandal höhnten, verfiel das Land in Schockstarre. Plötzlich wurde auch klar, warum der Erfolgscoach während der WM 1990 ohne offizielle Begründung aus heiterem Himmel beim 1. FC Köln entlassen wurde, „bestätigt“ FC-Präsident Artzinger-Bolten. Doch das ist Schnee von gestern.

Flucht in die USA

Die „Trennung von der Familie“ nannte Daum im Nachhinein den Grund für seine Fehltritte. „Dann habe ich noch den Fehler gemacht, nicht voll die Verantwortung zu übernehmen. Aber ich kann es nicht ausradieren.“ Zu einer freiwilligen Haarprobe würde er sich „nie mehr hinreißen lassen. Ich habe alle belogen, wollte meine Schwäche nicht zugeben. Ich dachte, irgendwie kommst du raus.“ Ohne Rückflugticket ergriff er die Flucht in die USA, gab in seiner Verzweiflung sogar noch eine zweite Haarprobe in Auftrag, ehe er im Januar erstmals Reue zeigte und in Therapie ging. „Ja, ich habe Kokain genommen. Ja, ich habe gelogen. Ich will mich bei allen entschuldigen, die zu mir gestanden haben.“ Dass Daum von einem Gericht zu einer Geldstrafe und Sozialstunden verdonnert wird „spielt keine Rolle. In der öffentlichen Meinung war ich schon zur Höchststrafe verurteilt. Ich muss damit leben, dass man immer mit dem Finger auf mich zeigt.“ Auch die verpasste Bundestrainer-Chance blieb als brennende Wunde übrig. „Es wäre das Größte gewesen. Wenn ich nur an mein Konzept des DFB-Leistungszentrums denke. Heute spricht es DFB-Manager Oliver Bierhoff wieder an.“

Die Rückkehr

Über Austria Wien und Fenerbahce wagte Daum einen Fuß zurück in die Fußballwelt. Zuerst sagte er wegen Perspektivlosigkeit und aus Gesundheitsgründen seinem notleidenden Ex-Club Köln während einer kuriosen PK im Krankenhaus ab, ehe der Coach später doch Wort brach und den Zweitligisten im zweiten Anlauf zurück ins Oberhaus führte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ Daum seinen Arbeitgeber im Stich und kündigte Stunden vor Verstreichen seiner Frist, um in der Türkei Millionen scheffeln zu gehen. Erneut machte er sich vom „Messias“ zum Judas.

„20 Jahre – 20 Momente“, das ist die Goal.com-Serie zur deutschen Fußball-Einheit. Denn der 21. November 1990 war im deutschen Fußball ein historischer Tag: Der Verband der DDR wurde aufgelöst. Geboren als neues Mitglied des DFB war der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV). Die deutsche Fußball-Einheit war 49 Tage nach der politischen Deutschen Einheit vollzogen. Goal.com erinnert an die größten Triumphe, tragischsten Momente und berüchtigtsten Skandale der letzten 20 Jahre.