Reiner Calmund exklusiv: "Tradition schießt keine Tore"

Im Goal-Interview spricht der ehemalige Top-Manager über die Probleme seines Ex-Klubs, seine Überraschungsteams und verrät, was er von Modellen wie RB Leipzig und Hoffenheim hält.

EXKLUSIV

Seine Stimme hat in Fußball-Deutschland Gewicht. Jahrelang war er einer der erfolgreichsten Manager und schillerndsten Figuren der Bundesliga. Bayer Leverkusen formte er vom Zweitligisten zum Top-Verein und bewies dabei immer wieder ein unnachahmliches Gespür für gute Spieler und neue Geschäftsideen.

Im Exklusiv-Interview mit Goal spricht Reiner Calmund über die neue Saison im deutschen Oberhaus, seine Top-Favoriten und verrät, was sein Ex-Klub besser machen muss, um ganz oben dabei zu sein. Außerdem verteidigt er den Aufsteiger aus Leipzig mitsamt seinem Geschäftsmodell, lobt die TSG Hoffenheim und verrät, was sich im Vergleich zu seiner aktiven Zeit im Management eines Fußballklubs verändert hat.

Herr Calmund, Sie wurden im Sommer mit einem Bandscheibenvorfall und einem eingeklemmten Nerv mit einem Ambulanz-Jet von Thailand nach Deutschland geflogen. Letzten Sonntag waren sie beim 'Doppelpass' und 'Grill den Henssler' insgesamt fünf Stunden im TV präsent. Ist das noch gesund?

Calmund: Das sieht in der Tat auf den ersten Blick recht krass aus. Aber meine Antwort ist: Nein, die Gesundheit steht bei mir an erster Stelle. Drei der fünf Stunden wurden bereits Mitte September in Köln für 'Grill den Henssler' produziert. Die restlichen beiden Stunden 'Doppelpass' kamen live aus München. Ich bin ein großer Fan beider Formate, es macht mir Spaß und ich war total entspannt bei der Sache.

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Die Bundesliga-Saison läuft ja bereits auf Hochtouren. Was haben die bisherigen Spieltage Ihrer Meinung nach gezeigt?

Calmund: Es wird immer schwerer, in die Phalanx der ersten fünf Klubs einzudringen. Und von den Top-Five wird einer "nur" Europa League spielen. Vorne sehe ich den FC Bayern, dahinter Dortmund, Leverkusen, Mönchengladbach und mit einem großen Fragezeichen Schalke 04.

Warum genau?

Calmund: Ich gehe davon aus, dass Schalke erst im nächsten Jahr ganz vorne mitmischen kann. Vereins-Boss Christian Heidel und Cheftrainer Markus Weinzierl haben in dieser Saison noch viel Arbeit, damit in Schalke der richtigen Geist und die notwendige Ruhe für erfolgreichen Fußball vorhanden sind.

Welche Teams haben Sie denn bislang besonders überrascht?

Calmund: Meine Überraschungs-Teams sind ganz klar Hertha BSC Berlin und der 1. FC Köln. Beiden Mannschaften traue ich in dieser Saison den Sprung ins internationale Geschäft zu. Mit Peter Stöger und Pal Dardai, mit Michael Preetz und Jörg Schmadtke haben die Traditionsklubs absolute internationale Spitzenklasse auf der Trainer- und Managerposition an Bord.

Nicht nach Wunsch und begleitet von vielen negativen Schlagzeilen ist der HSV in die Saison gestartet. Wie lautet hier als exzellenter Kenner der Bundesliga Ihre Einschätzung?

Calmund: Zum Thema HSV kann ich nicht viel beitragen. Ich habe lediglich bei zwei gemeinsamen Kreuzfahrten mit Herrn Kühne über seinen HSV diskutiert und ein drittes Mal in seinem Hamburger Office mit Didi Beiersdorfer und Karl Gernandt maximal eine Stunde die Chancen des HSV erörtert. Ich bin weder in die Abläufe involviert, noch darüber informiert.

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Sie sind neulich mit einem spontanen Anruf im 'Doppelpass' Investor Klaus-Michael Kühne, der während der Sendung kritisiert wurde, verbal zur Seite gesprungen. Wird Ihnen Herr Kühne oft zu kritisch betrachtet?

Calmund: Herr Kühne hat völlig uneigennützig wie ein Fan mit seinem privaten Geld dem HSV die Lizenz gerettet, danach für die Mitglieder und Fans das traditionelle Namensrecht Volksparkstadion für einen zweistelligen Millionen Betrag freigekauft und für die laufende Saison noch viele Millionen für Transfers auf den Tisch gelegt. Mehr geht nicht. Ich würde mir wünschen, dass vor allem die Hamburger etwas Dankbarkeit und Respekt zeigen würden.

Ihr langjähriger Klub, Bayer Leverkusen, konnte im Sommer das Team fast gänzlich zusammenhalten und gezielt verstärken. Das Ziel ist, den Rückstand zum BVB zu verkürzen. Kann das Team von Roger Schmidt das schaffen und vielleicht sogar nach Höherem streben?

Calmund: Den Abstand verkürzen, ja. Um den Titel mitspielen? Mit meinem Bayer-04-Unterhemd hoffe ich das, aber ich glaube nach dem kleinen Fehlstart nicht so richtig daran. Wenn alles glatt läuft, es nicht wieder so viele Verletzte gibt und Trainer Roger Schmidt das mit der Rotation hinkriegt, dann wird das eine spannende Saison. Denn die Klasse im Kader ist vorhanden.

Was muss Bayer denn noch besser machen?

Calmund: Bayer muss lernen, seine Spitzenposition nicht gegen die "Kleinen" zu verspielen. Nur wer konstant punktet - auch gegen Darmstadt, Bremen, Leipzig und wie sie alle heißen - der hat Chancen auf den Spitzenplatz. Mal ein Spitzenspiel zu gewinnen, wie jetzt gegen Borussia Dortmund, ist zwar toll und sorgt auch für die dicke Schlagzeile. Aber es reicht nicht!

Werfen wir einen Blick auf die Manager der Bundesliga. Was ist Ihrer Meinung nach der größte Unterschied im Beruf des Managers heute im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit?

Calmund: Zu Beginn meiner Manager Karriere gab es noch häufig die One-Man-Show. In den Hauptrollen: Uli Hoeneß, Rudi Assauer oder auch Reiner Calmund. Ab der Jahrtausendwende war absolutes Fachwissen auf allen Ebenen die Basis für den Erfolg. Vorbildlich agierte hier Bayern München, die nicht nur Weltmeister in kurzen Hosen, sondern auch Weltmeister in langen Hosen im Management beschäftigt hatten. Mir konnte zu dieser Zeit keiner was vormachen, doch in vielen Bereichen waren meine Mitarbeiter fachlich besser als ich. In meinem BWL-Studium waren Boden, Arbeit, Kapital die Produktionsfaktoren für den Erfolg.

Und heutzutage?

Calmund: Jetzt gibt es das K-K-K-Modell: Kompetenz-Konzepte-Kapital. Ohne gute Mitarbeiter und ohne Moos ist einfach nix los. Tradition ist zwar schön, schießt aber keine Tore und sichert keinen Profit.

Kompetenz-Konzepte-Kapital: Drei Schlagworte, die auch mit dem Bundesliga-Neuling aus Leipzig vereinbar sind. Wie finden Sie persönlich die Entwicklung bei RB Leipzig?

Calmund: Einfach großartig. Nach sechs Spielen ist RB Leipzig als Bundesliga-Neuling ungeschlagen Tabellenfünfter, mehr geht nicht. Das ist fantastisch. Leipzig und fast ganz Ostdeutschland jubeln über die Siege wie gegen Borussia Dortmund in der ausverkauften Red-Bull-Arena mit 43.000 Zuschauern oder dem 4:0 Auswärtssieg vor 53.000 Zuschauern beim HSV. Das tut den Fans in der Gründerstadt des DFB ganz gut. Man darf nicht vergessen, dass 1903, 1906 und 1913 der Deutsche Meister aus Leipzig kam.

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Calmund: Blödsinn, Red Bull macht wie alle andere Unternehmen Werbung über die erstklassige Plattform Fußball. Als absoluter TV-Quotenkönig mit vollen Stadien bei total gemischtem Publikum, vom Professor über den Dachdecker, den Fremdsprachensekretär bis hin zum Kaufmann, Schüler und Schlosser ist alles vertreten. Das Brause-Unternehmen macht seit vielen Jahren ein engagiertes Sponsoring im Wintersport, Extremsport, Formel 1 und Fußball.

Dennoch wird das Modell von RB Leipzig mit seinem Investor Dietrich Mateschitz in Fußball-Deutschland in weiten Teilen kritisch gesehen und der Klub wird großartigem Saisonstart in Fußball-Deutschland angefeindet. Können Sie die Kritik am Modell des Klubs nachvollziehen?

Calmund: Die Kritik ist für mich nicht nachvollziehbar. Gucken sie mal nach Dortmund (Evonik), Leverkusen (Bayer), Wolfsburg (VW), Schalke (Gazprom) und vor allem Bayern München, die als absoluter Spitzenklub wichtige strategische Partner mit ins Boot genommen haben. Hier sind die großen Weltunternehmen Telekom, Audi, Allianz, Adidas und Co. mit dem sogenannten InSoring - Investment und Sponsoring - in erster Linie am Verkauf ihrer Produkte interessiert und nicht an einer Kapitalrendite. Auch das große Real Madrid hat zum Beispiel Audi und Adidas als Sponsoren.

Sie haben 1899 Hoffenheim jetzt gar nicht mit aufgezählt. Wie sehen Sie den Klub aus dem Kraichgau?

Calmund: Das Modell von Dietmar Hopp ist absolut top. Der SAP-Gründer hat in der Rhein-Neckar-Region hohe dreistellige Millionen-Beträge in medizinische-, soziale- und Jugend-Projekte investiert. Bei dem Wunsch, eine Fusion zwischen seinem Heimatverein Hoffenheim und Heidelberg bzw. Mannheim einzugehen, wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Also hat er in Sinsheim ein eigenes Stadion gebaut und in Zuzenhausen auf aller höchstem Niveau ein fantastisches Trainingszentrum. Wie von Hopp geplant, steht Hoffenheim nach seinen hohen Anschub-Investitionen finanziell jetzt weitgehend auf eigenen Füßen.

Das heißt genau?

Calmund: Der Lizenzspieler-Etat von knapp 40 Mio. wurde in der letzten Saison u.a., durch Ticket-, TV-, Trikot-Ausrüster und Transfer-Einnahmen in Höhe von 110 Mio. gut gedeckt. Im Profi-Kader sind 8 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, darunter internationale Top-Talente und U21 Nationalspieler wie Süle, Toljan und Amiri. Auch Manager Alex Rosen und Cheftrainer Julian Nagelsmann kommen aus der Nachwuchs-Abteilung.