Ex-HSV-Profi Jansen: "An den Trainern allein kann es nicht gelegen haben"

Der ehemalige Defensivallrounder nennt Gründe für den tiefen Fall des Hamburger SV und wünscht sich ein starkes Führungsteam, wie er im Interview mit Goal verrät.

EXKLUSIV

Sieben Jahre schnürte Marcell Jansen seine Fußballschuhe für den Hamburger SV in der Bundesliga und erlebte mit den Rothosen neben zwei Halbfinals auch den tiefen Absturz vom Europacupaspiranten zum Abstiegskandidaten mit. Was in dieser Zeit schief gelaufen ist, er von Trainerwechseln hält und welchen Einfluss die Medienstadt Hamburg auf den HSV hat, erzählt der 30-Jährige im exklusiven Interview mit Goal.

Herr Jansen, Sie haben von 2008 bis 2015 für den Hamburger SV gespielt. Können Sie, ohne nachzuschauen, Ihre Trainer in dieser Zeit aufzählen?

Marcell Jansen: Ich müsste schon einen Moment länger nachdenken, um keinen zu vergessen. Insgesamt waren es inklusive der Interimstrainer 14 verschiedene Trainer in sieben Jahren.

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Welche Erkenntnisse haben Sie aus den zahlreichen Trainerwechseln gezogen?

Jansen: An den Trainern allein kann es nicht gelegen haben. Die können nicht alle schlecht gewesen sein. Als ich 2008 zum HSV kam, hatten wir ein stabiles Grundgerüst im Verein, eine solide Basis, die sich nach und nach auflöste. Die gesamte Führung wurde nach zwei sehr erfolgreichen Jahren von 2008 bis 2010 ausgetauscht. Seitdem ist der Verein auf der Suche nach einer neuen, stabilen Struktur. Für Trainer ist das keine optimale Ausgangslage. Dem HSV haben Leute gefehlt, die nachhaltig an einer Vision gearbeitet haben.

Haben Sie als Spieler ein Gespür dafür entwickeln können, wann ein Trainerstuhl anfängt zu wackeln? Und welchen Einfluss hatte dies auf die Leistung der Mannschaft?

Jansen: Natürlich bekommt man es mit, wenn sich bestimmte Dinge im Hintergrund anbahnen und Unruhe im Verein herrscht. Ich persönlich habe immer versucht, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Entscheidend war, sich bestmöglich auf die Leistung auf dem Platz zu konzentrieren. Aber damit geht jeder Spieler anders um. In manchen Fällen war Unruhe sicher nicht leistungsfördernd. Kontinuität auf der Trainerposition wäre mir und vielen meiner damaligen Kollegen lieber gewesen.

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Vor ein paar Wochen, als der HSV nur knapp mit 0:1 gegen Bayern verlor, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Mannschaft auch für Ihren Trainer gespielt hat. Spielt eine Mannschaft manchmal wirklich für oder gegen einen Trainer?

Jansen: Jedenfalls nicht bewusst. Die Spieler sind während der 90 Minuten auf dem Platz selbst für ihre Leistung verantwortlich und stehen auch mit ihrem Namen dafür. Da will sich jeder bestmöglich präsentieren. Wenn du vor so vielen Fans spielst, willst du gewinnen und blendest alles andere aus.

Einige Spieler haben sich vor seiner Entlassung öffentlich für Bruno Labbadia stark gemacht. Auch Sie haben mit einem Posting bei Facebook mit dem Inhalt "Pro Bruno" ein deutliches Statement abgegeben. War es falsch, Labbadia zu entlassen?

Jansen: Ich hatte das Gefühl, ohne Interna zu kennen, dass es zwischen der Mannschaft und dem Trainer passt. Bruno Labbadia hat mit dem HSV schwierige Herausforderungen gemeistert und einen Entwicklungsprozess angeschoben. Klar sind die ersten Spiele in der neuen Saison anders gelaufen als erwartet. Manchmal dauert es eine Weile bis der Knoten platzt. Der FC Schalke ist ein gutes Beispiel. Ich hätte gerne gesehen, ob es Labbadia in zwei, drei weiteren Spielen gelungen wäre, den Schalter umzulegen. Andererseits ist es bei ausbleibendem Erfolg und fehlendem Vertrauen in den Trainer eine nachvollziehbare Entscheidung, wenn der Verein die Reißleine zieht.

Jansen (li). bestritt für den HSV 187 Pflichtspiele (24 Tore)

Zwischen 2009 und 2011 hatte der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann keinen starken Sportchef an seiner Seite. Nun hat man den Eindruck, dass Dietmar Beiersdorfer einen starken Vorstandsvorsitzenden an seiner Seite braucht. Teilen Sie diese Auffassung?

Jansen: Grundsätzlich glaube ich, dass ein Mann allein an der Spitze nicht ausreicht. Und aktuell wirkt Dietmar Beiersdorfer auf sich allein gestellt. Um erfolgreich zu sein, braucht man ein gutes Führungsteam aus vier oder fünf Personen, die sich gegenseitig vertrauen und unterstützen. Ein solches Team sehe ich beim HSV aktuell nicht.

Wenn wir auf Ihre gesamte Zeit beim HSV blicken: In sieben Jahren in Hamburg haben Sie sowohl eine absolute Hochphase mit dem Erreichen zweier Halbfinals als auch absolute Tiefpunkte mit dem zweimaligen Absturz auf einen Relegationsplatz erlebt. Worauf führen Sie diese Negativentwicklung beim HSV zurück?

Jansen: Einerseits auf ein fehlendes harmonisch zusammenarbeitendes Führungsteam, andererseits auf den Faktor Zufall. Der spielt im Sport eine viel größere Rolle als bei konventionellen Unternehmen. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass sich Top-Leute aus dem Fußballgeschäft aufgrund der Fluktuation der letzten Jahre nicht um einen Job beim HSV reißen. Das macht die Aufgabe umso schwieriger.

Wo liegt der Lösungsansatz?

Jansen: Der entscheidende Punkt war, dass die damaligen Führungspersonen im Erfolg Fehler gemacht haben und anschließend in eine Negativspirale geraten sind. Das bedeutet, dass du als HSV nur noch Leute bekommst, die die Chance sehen, Karriere zu machen und einen guten Vertrag abschließen wollen. Du bist nicht mehr in der Situation, Spieler zu kriegen, die aus dem Erfolg kommen. Wenn ich ein Top-Spieler bin, warum soll ich dann zum HSV? Das ist gar nicht böse gemeint, sondern nur ehrlich. Du musst auch das Glück haben, dass sich die richtigen Leute in einer neuen Konstellation zusammenfinden. Einiges hat der HSV aber selbstverschuldet versäumt. Zum Beispiel die Verpflichtung von Jörg Schmadtke, der seine Vereine immer zum Erfolg geführt hat. Ich habe mich damals sogar als Spieler für seine Verpflichtung eingesetzt. Dass sich erfolgreiche Führungspersonen mehr oder weniger selbst beim HSV anbieten - diese Chance hätte man ergreifen müssen.

Im Zusammenhang mit dem HSV wird immer wieder von der schwierigen Medienstadt Hamburg und dem unruhigen Umfeld gesprochen. Ist es wirklich so viel schwieriger in Hamburg als in München oder Mönchengladbach, wo Sie ebenfalls gespielt haben?

Jansen: Nein, diese Auffassung teile ich überhaupt nicht. Ich finde die Medien in Hamburg sehr fair, zurückhaltend und dem Verein wohlgesinnt. Da geht es in einigen anderen Städten deutlich heftiger zu.

Macht es für einen Fußballer einen Unterschied, ob beim Training oder einer Presserunde eine, fünf oder zehn Kamerateams dabei sind?

Jansen: Normalerweise nicht. Sicher braucht man einige Tage, um sich daran zu gewöhnen. Ich habe das aber nie als Belastung gesehen. Viel wichtiger ist doch, was im Verein passiert, ob man sich nur auf Fußball konzentrieren kann oder andere Dinge für Ablenkung sorgen. Dass es großes mediales und öffentliches Interesse gibt, ist kein Alleinstellungsmerkmal des HSV.

Welchen Einfluss hat Berichterstattung auf Ihre Leistung gehabt?

Jansen: Am Anfang meiner Karriere habe ich so gut wie alles über mich gelesen. Und auch Noten in Zeitungen und Fachzeitschriften habe ich mir zu Herzen genommen. Als ich später verstanden habe, wie diese zustande kommen, hat es mich nicht weiter beschäftigt. Mit der Zeit und der Erfahrung lernst du die Dinge richtig einzuordnen.

Zieht man sich automatisch ein wenig zurück?

Jansen: Nein, das ist doch gar nicht notwendig. Probleme im Verein sind nicht medien-, sondern hausgemacht. Welches Medium würde denn zum Beispiel nicht darüber berichten, wenn wichtige Dokumente im Park gefunden werden? Was in den Zeitungen steht ist nur ein Abbild dessen, was schon passiert ist. Und was innerhalb des Vereins passiert ist inhaltlich viel relevanter als eine anschließende Berichterstattung.

Ist die "schwierige Medienstadt Hamburg" also nur ein Alibi-Argument?

Jansen: Ja, von dieser These halte ich nichts.

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