Mats Hummels im Goal-Interview: "Es gibt immer Leute, die dir einen reinwürgen wollen"

Der Weltmeister spricht im Goal-Interview über seine bisherige Zeit beim FC Bayern, den Einfluss seiner Mutter, merkwürdige Momente im Training und Anonymität im Internet.

EXKLUSIV

Mats Hummels macht Journalisten die Arbeit leicht. Der Innenverteidiger des FC Bayern München weicht kaum einer Frage aus, er hat stets eine klare Meinung und spricht nahezu druckreif. Auch, als ihn Goal an der Säbener Straße zum Interview trifft.

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Womöglich ist Hummels für Redakteure auch deshalb ein so angenehmer Gesprächspartner, weil er mit großer Wahrscheinlichkeit selbst als Sportjournalist arbeiten würde, wenn er kein Profifußballer geworden wäre. Dieser Weg war ihm quasi vorgezeichnet. Hummels' Mutter, Ulla Holthoff, ist seit Jahrzehnten in der Branche tätig. Sie war die erste Frau, die im Fernsehen ein Fußballspiel kommentierte und entwickelte als Fußballchefin beim DSF den Doppelpass.

Ein Gespräch über die Medienlandschaft, Außendarstellung und Bayerns Steigerungspotenzial.

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Mats, was würde der Bayern-Reporter Mats Hummels den Bayern-Neuzugang Mats Hummels nach dessen erstem Halbjahr fragen?

Mats Hummels: Erst einmal würde er warten, bis das Jahr vorbei ist, um seine Frage zu stellen. (lacht) Dann würde er wahrscheinlich nach der persönlichen Situation fragen, aber auch danach, wie Mats die Mannschaftssituation sieht. Solche Dinge.

Wir hätten damit gerechnet, dass von Ihnen eventuell etwas kommt, das nichts mit Fußball zu tun hat.

Hummels: Die Frage war ja, was ich den Fußballer Mats Hummels fragen würde und nicht den Privatmenschen. Sorry, ich bin gerade noch etwas zynisch unterwegs, Trainingsspiel haushoch verloren. Das legt sich gleich wieder.

Kein Problem. Haben Sie einen besonderen Blick auf die Medienlandschaft?

Hummels: Ich glaube nicht. Ich verfolge es, bekomme schon mit, was mich interessiert. Es ist aber nicht so, dass ich bedingt durch meine Geschichte einen exklusiveren Blick hätte oder tiefer hinter die Kulissen schauen könnte.

Sie gehören zu den Fußballern, die ihre Social-Media-Kanäle selbst bespielen. Warum?

Hummels: Ich würde es nicht mögen, wenn ich das Gefühl hätte, dass dort jemand anderes in meinem Namen schreibt. Es kann schließlich niemand besser ausdrücken, was ich sagen will, als ich selbst. Deswegen habe ich entschieden, das so zu machen. Mir ist es nicht so wichtig, dass jedes Wort hundertprozentig perfekt in die Außendarstellung passt, sondern dass meine Posts meine Meinung und auch meine Persönlichkeit widerspiegeln.  

Mats Hummels FC Bayern GFX

Wie gehen Sie mit den Reaktionen um – Stichwort Anonymität?

Hummels: Natürlich verstecken sich viele unter dem Deckmantel der Anonymität. Es ist auch so, dass der Ton im Internet deutlich schneller rau wird, als es in der Realität der Fall ist. Das Internet hat viele gute Seiten, das ist aber definitiv eine der schlechten. Dass eben viele die gute Erziehung, die sie hoffentlich genossen haben, vergessen.

Mussten Sie sich den Umgang mit Twitter beziehungsweise mit Medien im Allgemeinen antrainieren oder hat Ihre Mutter dabei womöglich sogar eine Rolle gespielt?

Hummels: Nein, ehrlich gesagt mache ich das alles so, wie ich es selbst für richtig halte. Die größte Rolle, die meine Mutter diesbezüglich gespielt hat, ist, dass sie mich mit zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Dass ich bei diesem Thema nach Ratschlägen gefragt hätte, war aber nicht der Fall.

Gesunder Menschenverstand ist also ein guter Leitfaden?

Hummels: So sehe ich das auch.

Zur Freude vieler Fans beantworten Sie ab und an Fragen auf Twitter. Wie kamen Sie dazu?

Hummels: Es werden von Followern immer mal wieder Fragen gestellt. Und irgendwann, als ich mal absolut nichts zu tun hatte, habe ich mal ein paar beantwortet. Mittlerweile nehme ich mir hin und wieder die Zeit, wenn ich mal eine Frage lese, die lustig ist oder wirklich noch nie gestellt wurde und antworte darauf. Oft kommen dann ganz viele neue Tweets rein, sobald ich eine Sache gepostet habe. Manchmal habe ich dann eben die Zeit und die Lust, das zu machen. Das passiert spontan, mal mehr und mal weniger. Manchmal gibt es ja auch einfach nichts, wozu ich etwas sagen kann. Ich muss mich nicht zu jedem Thema äußern.

Twitter heißt oft auch Humor und Satire. Ist das ein Grund, warum Sie dort unterwegs sind?

Hummels: Das kann man schon so sagen. Ich folge vielen Seiten, die sarkastisch oder auch lustig sind. Grundsätzlich ist es schwierig, seine Botschaft in 140 Zeichen rüberzubringen. Sich trotzdem klar auszudrücken, ist gleichzeitig die Kunst daran. Ich glaube, dass manche Dinge, die klar ironisch gemeint sind, bei manchen als ernst gemeintes Statement ankommen - das ist die Gefahr dabei. Generell denke ich aber schon, dass die meisten eben doch unterscheiden können.

Sie waren lange Everybody's Darling, nach Ihrem Wechsel nach München gab es erstmals erheblichen Gegenwind, auch in den sozialen Medien ...

Hummels: (interveniert) … den gab es vorher auch schon. Es ist immer dasselbe: Am Anfang ist alles toll, es gibt aber keine einzige Karriere, ob im Fußball oder in anderen Bereichen, in der das durchgängig so wäre. Es gibt immer einen Punkt, an dem Leute – allein schon aus Prinzip, weil viele einen ja so toll finden – dagegen steuern werden.

Manchmal ist es schwierig mit dem richtigen Maß.

Hummels: Das ist unmöglich. Egal was du machst, es wird immer Leute geben, die sich daran aufhängen, die Fehler suchen und probieren, dir einen reinzuwürgen. Niemand sollte glauben, es wäre möglich, das zu vermeiden.

Mats Hummels Niklas König Goal -Reporter Niklas König (r.) traf Mats Hummels an der Säbener Straße zum Interview

Sie hatten eingangs gesagt, dass der Journalist Mats Hummels den Fußballer Mats Hummels nach dessen persönlicher Situation fragen würde. Wie also fällt Ihre bisherige Bilanz aus?

Hummels: Alles wunderbar. Ich bin sehr zufrieden, wie es für mich als Einzelspieler läuft.

Hatten Sie im Vorfeld damit gerechnet, sich so schnell einzufinden?

Hummels: Mir war schon klar, dass ich nicht als Jungspund hierher komme, der versucht, sich irgendwie reinzuarbeiten. Dass es dann so funktioniert hat, hat mich erfreut und glücklich gemacht. Es hat sicherlich geholfen, dass ich viele aus der Mannschaft und aus dem Staff von früher kannte. Das gibt einem gleich ein anderes Gefühl.

Keine neue Stadt, keine neue Kultur …

Hummels: … Keine neue Sprache. Wobei: Hier wird deutlich mehr Spanisch gesprochen als woanders.

Sie kamen als Kapitän und Weltmeister zum FC Bayern, haben nach wenigen Tagen gesagt, Sie wollen erst einmal beobachten und alles kennenlernen. Sind Sie mittlerweile einer der Wortführer?

Hummels: Zum Teil schon, aber eher in kleinen Runden. Wenn es um fachliche Dinge geht, wenn es mal nicht so läuft, dann äußere ich natürlich meine Meinung. Ich bin aber nie derjenige gewesen – auch nicht als Kapitän –, der vor einem Spiel laut gebrüllt hat und extrem über dieses Pushen kam. Hin und wieder mache ich das, aber eher sporadisch. Ich bin kein Lautsprecher in der Kabine.

Gab es in Ihren ersten Tagen merkwürdige Momente, etwa Situationen, in denen Sie gerne etwas angesprochen, vielleicht kritisiert hätten, dann aber gedacht haben: "Moment mal, ich bin ja neu hier"?

Hummels: Solche Situationen gab es auf jeden Fall. Es gab auch in den vergangenen Jahren Szenen, in denen ich mit Sicherheit eingeschritten wäre oder auch einschreiten hätte müssen, weil ich eben einer von drei, vier Spielern war, die etwas gesagt haben. Hier gibt es noch mehr solche Führungsspieler, die das tun. Dementsprechend hatte oft schon jemand das Wort ergriffen, bevor ich mich dazu genötigt gefühlt hätte. So konnte ich gewisse Dinge unkommentiert lassen. Auch mal ganz angenehm.

Der BVB spielt bekanntlich einen anderen Fußball als der FC Bayern. Mussten Sie Ihr Spiel umstellen?

Hummels: Umstellen nicht. Es gibt nur einen großen Unterschied, nämlich dass ich hier relativ wenig mit Bällen hinter die gegnerische Abwehrkette arbeite, weil dieser Pass von unseren Offensivspielern nicht so gefordert wird, wie es beim BVB der Fall war. Ansonsten ist die Arbeit eines Innenverteidigers sehr ähnlich.

Betrachtet man die spielerischen Leistungen der gesamten Mannschaft, läuft es noch nicht rund. Einerseits waren die meisten, aber vor allem die vergangenen Spiele nicht mehr so gut und so dominant wie noch unter Pep Guardiola, andererseits stimmen die Ergebnisse größtenteils. Wo liegt die Wahrheit?

Hummels: Irgendwo dazwischen. Ich war die vergangenen Jahre nicht hier, habe es auch nur von außen betrachtet. In der letzten Rückrunde zum Beispiel hat Bayern auch oft knapp gewonnen, was am Ende mit der Meisterschaft etwas verklärt und so dargestellt wurde, als hätte es in den Spielen nie zur Debatte gestanden, wer gewinnt. Nichtsdestotrotz stimmt es, dass wir weniger dominant sind, als es die Bayern in den vergangenen Jahren waren. Ist auch immer komisch: "Wir" und dann "Bayern", aber de facto ist es so gewesen.

Mats Hummels PS GFX

Können Sie aktuell zufrieden sein?

Hummels: Unsere Ergebnisse und die Situation sind völlig in Ordnung, aber die Spielweise, die wir uns vorstellen, haben wir bisher zu selten auf den Platz gebracht. Wir wissen das, es ist aber eine Sache, die man nicht direkt umstellen kann, nur weil man es weiß. Wir müssen daran arbeiten, sie zu ändern. Trotzdem sind wir in der Bundesliga Tabellenführer, haben uns mit elf Punkten Vorsprung vor Platz drei schon ein riesiges Polster erspielt. Das heißt, so schlecht kann auch nicht alles sein. Aber klar: Wir sind noch lange nicht am Limit.

Warum nicht?

Hummels: Ich finde, dass man generell in Europa sieht, dass sich viele Mannschaften gerade schwertun. Es gibt keine einzige, die durchgehend überzeugt. Vielleicht ist es einfach dieses Jahr so, dass die vermeintlich kleineren Teams einen noch besseren Job machen, noch stärker sind und es den Großen damit auch noch schwerer machen. In der Bundesliga ist die Tabelle ja teilweise auch komplett auf den Kopf gestellt, was die Erwartungshaltung angeht.

Schon kommende Woche müssen Sie auf den Punkt da sein, wenn Sie im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League auf Arsenal treffen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Hummels: Das ist zunächst mal eine sportlich schwierige, aber auch eine sehr attraktive Aufgabe. Es ist schön, weil sich diese Spiele von den anderen doch deutlich abheben werden. Arsenal ist eine Mannschaft, die selbst Fußball spielen will, die gerne den Ball hat. Die sich - seit Arsene Wenger dort ist, seit mindestens 20 Jahren also - darüber definiert. Deswegen kann man sich sicher sein, dass diese Partie anders aussehen wird als unsere Spiele in der Bundesliga. Das ist eben kein Gegner, der nur verteidigt und auf Konter aus ist. Man muss diese Spiele komplett losgelöst betrachten von allem anderen, was vorher war und danach sein wird.

Haben Sie Arsenal in den vergangenen Wochen verfolgt?

Hummels: Bisher schon, aber nur aus der Fußballfansicht und nicht mit dem analytischen Blick auf Details. Die genaue Auseinandersetzung mit dem Gegner kommt dann erst in der Woche vor dem Spiel.

Ist es das stärkste Arsenal der jüngeren Vergangenheit?

Hummels: Ich tue mich immer schwer damit, weil man als Mannschaft innerhalb einer Saison auch unheimliche Schwankungen hat. Sie hatten mit Sicherheit eine Phase in dieser Saison, in der sie ganz klar die stärksten Gunners der letzten Zeit waren. Da haben sie sechs Ligaspiele in Folge gewonnen. Aber das ist bei uns ja auch so. Wir haben gute Phasen und wir haben schlechtere Phasen.

Einige Arsenal-Spiele haben Sie also gesehen. Verfolgen Sie auch Ihren ehemaligen Trainer Jürgen Klopp beim FC Liverpool?

Hummels: Sehr genau sogar. Ich gucke mir die Spiele fast immer an, wenn ich die Zeit dazu habe und drücke Klopp die Daumen. Ich finde es natürlich schade, dass er gerade eine schlechtere Phase durchlebt. 

Schauen Sie sich privat allgemein viele Spiele an?

Hummels: Ich schaue weniger, als es früher mal der Fall war, aber es ist immer noch ein ordentlicher Teil. Ich gucke einfach gerne ein Spiel, wenn ich zuhause bin und ohnehin nicht groß etwas machen möchte. Es gibt Sonntage, da schaue ich erst 2. Bundesliga, dann um 15.30 und um 17.30 Uhr Bundesliga.

Dann haben Sie zuletzt sicher auch mal Ihre Ex-Kollegen gesehen. Werden Sie aus den Leistungen der Dortmunder schlau?

Hummels: (verschließt mit der Hand den Mund)

Okay, über den BVB wollen Sie nicht reden. Anderes Thema: Sie haben kürzlich gesagt, Sie fühlen sich wie 33 …

Hummels: (interveniert) Also bitte! Das war am sechsten Tag des Trainingslagers, das war eine Momentaufnahme.

Die anschließende Frage wäre gewesen: Gibt es einen Karriereplan?

Hummels: Nein, den gibt es nicht, aber es gibt eine ungefähre Vorstellung: einfach ein Gefühl dafür, wie lange es gehen könnte. Vielleicht geht es aber auch noch viel länger auf höchstem Niveau. Deutlich kürzer glaube ich nicht, weil ich ohnehin nur rechne, bis ich 32, 33 Jahre alt bin.

Wie könnte es dann weitergehen?

Hummels: Dann werde ich schauen, worauf ich Lust habe. Ob ich vielleicht mal ganz weit ins Ausland gehen möchte oder auch etwas komplett anderes machen will.

Ze Roberto tritt mit über 40 noch vor den Ball.

Hummels: (lacht) Also das ist definitiv ausgeschlossen.

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