Thiago exklusiv: "Futsal ist die Basis für meinen Erfolg"

Thiago spricht im Goal-Interview über seine starken Leistungen und die Ursachen dafür. Zudem erklärt er, wie man einem Kontrollverlust entgegenwirken kann.

EXKLUSIV

Thiago Alcantara reibt sich die Augen. Wie so oft an Tagen nach Spielen des FC Bayern ist er müde, als er Goal an der Säbener Straße zum Interview empfängt. Auf dem Platz dagegen wirkt der 25-Jährige momentan hellwach, präsentiert sich in der wahrscheinlich besten Verfassung seiner Karriere.

Im Interview spricht Thiago über seine Rolle und seine Form. Außerdem verrät er, was er von Rafael Nadal lernen kann.

Thiago, momentan jagt eine englische Woche die andere, was machen Sie als Ausgleich zum Fußball?

Thiago Alcantara: Ich schlafe (lacht). Momentan bin ich sehr müde, das kommt an den Tagen nach unseren Partien häufiger vor. Nach einem Spiel ist so viel Adrenalin in meinem Körper, da ist es für mich sehr schwierig, zu schlafen. Ich bin dann meistens bis 3 oder 4 Uhr wach. Also brauche ich den Sonntag zum Schlafen. (lacht)

Und wie sieht es aus, wenn Sie weder Fußball spielen noch müde sind?

Thiago: Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich die Zeit mit einer anderen Sportart verbringe. Ich mag es nicht so sehr, einfach nur zuhause zu sein, es sei denn ich bin müde. Zum Sport hatte ich schon immer eine besondere Beziehung. Meine Mutter war Volleyballspielerin, meine ganze Familie besteht aus Sportverrückten. Ich gehe zum Beispiel gerne Laufen. Ansonsten unternehme ich viel mit meiner Familie und meinen Freunden, ganz normale Dinge.

Welche Sportarten bevorzugen Sie?

Thiago: Ich mag alle Sportarten, in denen man sich mit jemandem messen kann: Tennis, Basketball und Volleyball. Golf dagegen ist nichts für mich, denn Golf spielt man in gewisser Weise gegen sich selbst. Ich mag den Wettbewerb. 

Haben Sie von einer der Sportarten, die Sie ausüben, etwas auf den Fußball übertragen können?

Thiago: Natürlich. Es gibt Bewegungen oder Herangehensweisen, die dir auf dem Fußballplatz helfen. Beim Tennis etwa spielt Mentalität eine übergeordnete Rolle. Natürlich brauchst du auch Talent, Technik und Kraft, aber am wichtigsten ist meines Erachtens die mentale Geschichte. Mit Rafael Nadal haben wir einen der größten Sportler in Spanien. Was seine Mentalität angeht, ist er in meinen Augen unübertroffen. Von ihm kann man viel lernen, das gilt aber auch für andere Sportler aus verschiedensten Bereichen. 

Wie sieht es mit den technischen Aspekten aus? 

Thiago: Dahingehend war Futsal ganz wichtig für mich. Das Feld und der Ball sind kleiner, aber das Spiel ist viel intensiver als Fußball. Diese Intensität, dieses Tempo kann einem im Fußball von großem Nutzen sein. 

Sie haben also Futsal gespielt. 

Thiago: Viele, viele Jahre. Für mich ist das die Basis, um im Fußball erfolgreich zu sein. Beim Futsal werden die technischen Fähigkeiten geschult, noch wichtiger ist aber die mentale Schnelligkeit. Du musst viel handlungsschneller sein als im Fußball. Gleichzeitig verbesserst du deine Ballbehandlung. Nachdem du Futsal gespielt hast, kommt dir ein Fußball wie ein Wasserball vor. Es ist dann einfacher, mit dem Leder umzugehen.

Das tun Sie derzeit in beeindruckender Manier. Wenn ich behaupte, dass Sie in der laufenden Saison konstanter und in gewisser Weise auch einfacher, schnörkelloser spielen als früher, würden Sie mir Recht geben?

Thiago: Definitiv. Wir wachsen mit den Jahren. Die Jahre, all die richtigen und falschen Entscheidungen, die man getroffen hat, machen einen erfahrener. Und mit der Zeit triffst du immer bessere Entscheidungen. Dann kommt der Rest von alleine. Es geht darum, wie man regeneriert, isst und trainiert. Wie man sich auf dem Platz bewegt und welche Pässe man spielt. Die Fortschritte in den einzelnen Bereichen führen unweigerlich auch zu größerer Konstanz.

Was hilft Ihnen neben der Erfahrung dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Thiago: Es ist tatsächlich in erster Linie die Erfahrung. Und es sind die erfahrenen Akteure, mit denen ich zusammenspiele, ob es Xabi, Philipp oder Manu sind. Du lernst von ihnen und dadurch werden die Dinge einfacher. Während all der Jahre wirst du älter, aber du hörst nie auf zu lernen. Das ist das Wichtigste. Wenn du denkst, du wüsstest schon alles, wirst du dich nicht weiterentwickeln. 

Auf dem Platz müssen Sie viele Entscheidungen instinktiv treffen.

Thiago: Das stimmt, und das in wenigen Sekunden. Es ist nicht alles durchgeplant, du musst offen für alternative Lösungswege sein. Natürlich gibt es eine Strategie, eine taktische Ausrichtung, aber letztendlich kommt es auch auf die kleinen Entscheidungen an.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie realisieren, gut im Spiel zu sein?

Thiago: Es gibt diese Momente, in denen du merkst, dass der Gegner nichts ausrichten kann. Dass es unmöglich ist, weil wir das Spiel komplett kontrollieren. Du fühlst, dass die Positionen richtig besetzt sind, dass die nötige Energie da ist, dass die Pässe ankommen. In solchen Phasen merkst du, dass du deinem Gegner überlegen bist. Wenn du die Kontrolle hast, viel Ballbesitz, dann kann der Gegner auch keine Chancen kreieren. 

Thiago (l.) im Gespräch mit Goal-Reporter Niklas König

Es gibt aber auch Spiele, in denen es nicht wie gewünscht läuft. Können Sie gegebenenfalls einem Kontrollverlust entgegenwirken?

Thiago: Wenn du nicht gut drauf bist, ist es wichtig, einfache Dinge zu machen, einfache Pässe zu spielen. Mit der Einfachheit findest du zurück zur Sicherheit, und dann kannst du dich langsam steigern. Erst spielst du jeden Ball kurz, dann über 5, 15, 30 Meter und so weiter. Du fängst an, Eins-gegen-eins-Situationen zu suchen. So kannst du dein Spiel wiederfinden.

Pep Guardiola hat das System stetig verändert, mitunter auch innerhalb der Partien, unter Ancelotti dagegen spielen Sie stets in einem 4-3-3. Hat sich Ihre Rolle im Vergleich zu den vergangenen Jahren verändert?

Thiago: Wie bei all unseren Spielern hat sich auch meine Position ein bisschen verändern, ja. Wir spielen schließlich etwas anders als früher.

Inwiefern?

Thiago: Das kann ich hier nicht erklären. Das ist unsere Taktik, wissen Sie?

Ihr Geheimnis. 

Thiago: Menschen bezahlen viel Geld für taktische Feinheiten, da kann ich jetzt doch nicht unser Konzept verraten. (lacht) In fünf Jahren erzähle ich es Ihnen, okay? 

Okay. Xabi Alonso sagte einmal im Goal-Interview, sein Job sei es nicht, selbst gut zu spielen, sondern es jedem um sich herum zu erlauben, besser zu agieren. Wie definieren Sie Ihre Kernaufgabe?

Thiago: Ich mache, was auch immer der Mannschaft hilft. Du kannst dem Team durch Tore etwas Gutes tun, durch Vorlagen, Pässe oder Ballgewinne. Letztendlich spielt es aber keine Rolle, ob du triffst oder nicht, du musst deine Fähigkeiten einfach bestmöglich für das große Ganze einsetzen.

Dabei geht es gerade auf einer zentralen Position darum, Verantwortung zu übernehmen.

Thiago: Auch das. Ich trage Verantwortung für alles, was ich in meinem Leben mache. Das gilt für jeden, auch für uns Fußballer. Wir alle müssen Verantwortung übernehmen.

Sie wohnen nun seit fast dreieinhalb Jahren in Deutschland. Wie geht es mit Ihrem Deutsch voran?

Thiago: Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Unterrichtsstunde erinnern. Ich dachte, ich würde Chinesisch lernen. Aber mit der Zeit und mit der Hilfe meiner Mannschaftskollegen wurde es einfacher. Mittlerweile kann ich im Alltag Deutsch sprechen, im Supermarkt zum Beispiel ist die Verständigung kein Problem. Alles andere wäre ja auch traurig. Nach drei Jahren musst du dazu in der Lage sein - wenn nicht, bist du wirklich dumm. Trotzdem gebe ich Interviews lieber nicht auf Deutsch, weil ich da ja auch ins Detail gehen möchte. Da bestünde sonst die Gefahr, falsch verstanden zu werden. Daher bevorzuge ich Englisch, Spanisch oder Portugiesisch. 

Im Internet ist ein Video von Ihnen und Xabi Alonso beim Unterricht zu finden. Da wirkt das Lernen recht spaßig.  

Thiago: Es kommt immer auf den Tag an. Wenn ich total müde bin, habe ich am nächsten Tag wieder alles vergessen. (lacht) Wir haben aber einen überragenden Lehrer, der sehr geduldig mit uns ist. Ich kann es gar nicht genau erklären, aber er hat so eine Art an sich, durch die wir sehr schnell lernen. Xabi spricht schon richtig gut Deutsch, Javi genauso. Und auch ich mache jeden Tag Fortschritte.

Wie sieht es mit der bayrischen Kultur aus? Wissen Sie noch, wie Sie reagiert haben, als Sie zum ersten Mal Leute in Tracht gesehen haben?

Thiago: Ich dachte: Wow, ein Mann in einer Lederhose, das ist irgendwie schräg. Aber letztendlich lernst du viel über die Kultur, das ist eine schöne Sache. Beim Oktoberfest geht es nicht nur um Spaß. Es ist wichtig, dass die Leute über die Tradition hier Bescheid wissen. Die Bayern sind, wie sie sind. Sie kämpfen für die Werte ihrer Großväter, beschützen ihre Kultur und ihre Traditionen. Das ist großartig.

Die Deutschen gelten mitunter als strikt, geradezu penibel, wenn es etwa um Pünktlichkeit geht. Würden Sie das unterschreiben? 

Thiago: Ich glaube auf jeden Fall, dass nicht alles bis ins letzte Detail durchgeplant sein sollte. Im Leben sollte es immer Überraschungen geben. Wenn du dafür nicht bereit bist, ist das Leben nicht spaßig. Natürlich muss man in manchen Hinsichten strikt sein, man sollte aber nicht versuchen, alles zu kontrollieren.

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