Thomas Müller exklusiv: "Ich sehe mich nicht als Mysterium"

Der Ur-Bayer spricht im Goal-Interview über die Frage nach der Mentalität und über die jüngste Schwächephase des FC Bayern. Zudem erklärt er, was ihn im Gesamtpaket so stark macht.

EXKLUSIV

Thomas Müller ist kein Edeltechniker wie Lionel Messi. Er ist auch kein schussgewaltiger Strafraumstürmer wie Zlatan Ibrahimovic und schon gar kein Tempodribbler wie Neymar. Und dennoch: Müller hat alles erreicht, ist Champions-League-Sieger und Weltmeister, sowohl beim FC Bayern als auch in der deutschen Nationalmannschaft unumstritten. Seine Aktionen mögen teilweise bizarr aussehen, letztendlich sind sie aber maximal sachdienlich.

FC Bayern: Sammers Credo im Kopf

"Als ungewöhnlich", sagt Müller, "würde ich mich nicht beschreiben. Das Einzige, was ungewöhnlich ist, ist mein Gesamtpaket, wenn man die einzelnen technischen Fähigkeiten anschaut. Ich behaupte von mir zwar schon, dass ich eine gute Technik habe, das Dribbling ist aber nicht wirklich meine Stärke. Es gibt auch Stürmer, die einen besseren Schuss haben oder schneller sind. Ungewöhnlich ist, dass ich es trotz dieser vermeintlichen Schwächen in die Weltspitze geschafft habe, weil andere Dinge in meinem Spiel anscheinend so gut sind, dass es bisher für dieses Niveau gereicht hat."

Welche Dinge das sind, verrät der Offensivallrounder im Interview mit Goal. Ein Gespräch über seltene Qualitäten, Einstellung, Psychologie und versteckte Handtücher. 

Neuer: "Schweinsteiger kann einem fast leidtun"

Thomas, Sie sind ein besonderer Typ …

Thomas Müller: (lacht) … das haben Sie jetzt gesagt. Ich versuche einfach nur, meinen Weg zu gehen.

Wir finden schon, als Mensch und als Fußballer. Sie sind seit 2009 verheiratet, führen Pferde, Schafkopfen und Golf auf Ihrer Homepage als Hobbys auf. Das ist nicht gerade gewöhnlich für einen 27-Jährigen.

Müller: Das Thema Hobbys ist bei mir ja schon automatisch ein anderes, weil ich Fußballer bin. Normalerweise würde dort bei einem 27-Jährigen mit großer Wahrscheinlichkeit Fußball stehen. Das kam bei mir nicht in Frage, also musste ich mir etwas anderes suchen. Sportarten, die neben dem Fußball in Deutschland sehr beliebt sind, wären körperlich zu intensiv, also fallen die weg. Ich spiele zum Beispiel gerne Basketball oder Tennis. Wenn wir aber drei Spiele pro Woche haben, kann ich nicht noch zweimal wöchentlich am Basketballkorb Vollgas geben. Dementsprechend ergibt es sich automatisch, dass wir Profifußballer uns privat etwas Ruhigeres suchen müssen.

Sie genießen nach eigener Aussage die Ruhe und Natur, den Schweinebraten Ihrer Oma - und unerkannt durch die Straßen zu gehen. Letzteres dürfte inzwischen nahezu unmöglich sein.

Müller: Oftmals sind es die einfachsten Dinge des Lebens, die man am meisten genießt. Aber es stimmt: Es ist natürlich schwierig, im Alltag anonym zu bleiben, insbesondere in einer Großstadt wie München. Ich beschwere mich darüber aber nicht, ich bin Fußballprofi und damit auch ein sehr bekanntes Gesicht. Dementsprechend kann ich es den Leuten nicht verübeln, dass sie mich erkennen.

Flüchten Sie dann gelegentlich aufs Land?

Müller: Ich mache mein Ding, und dazu gehört es sicherlich nicht, meinen Alltag künstlich zu verändern oder mich in irgendeiner Weise einzuschränken. Dass ich aber auch nicht halbnackt über den Marienplatz laufe und nach Fotos frage, ist auch klar. Ich versuche, für die Fans da zu sein. Wenn ich aber mit meiner Familie, meiner Frau oder meinen Freunden unterwegs bin, möchte ich unsere Privatsphäre schützen. Es kann dann auch mal vorkommen, dass mich jemand nicht glücklich verlässt, weil ich eine Fotoanfrage abgelehnt habe. Viele verstehen das, manche nicht. Man kann und muss es nicht immer jedem recht machen.

Vermutlich können Sie ohnehin bei einer Golfrunde besser abschalten als bei einem Spaziergang über den Marienplatz. Kann man zwischen Golf und Fußball Parallelen ziehen, etwa im Hinblick auf die Technik und die Ruhe, die man beim Abschlag braucht?

Müller: Es ist eher die mentale Geschichte, die man vergleichen kann. In einer Golfrunde bist du in sehr vielen Drucksituationen.

Es geht also um Psychologie.

Müller: Irgendwo ist doch alles psychologisch im Leben. Ich habe zuletzt den Ryder Cup verfolgt, da musst du vor allem dem Druck Stand halten, wenn so viele Fans dabei und die Erwartungen hoch sind. Das ist für die Golfprofis eine besondere Herausforderung. Normalerweise spielen sie ja nur für sich selbst, beim Ryder Cup gehören sie plötzlich einem Team an und wollen für die Mitspieler, für Europa oder die USA, gute Leistungen bringen. Für die Golfer ist es eine tolle Erfahrung, das zu spüren, was wir als Mannschaftssportler Gott sei Dank jeden Tag haben, denke ich.

Heutzutage gibt es auch im Sport Mentalitätstrainer und beratende Psychologen. Nehmen Sie dieses Angebot wahr?

Müller: Damit habe ich mich bislang nicht beschäftigt, weil ich der Meinung bin, dass ich grundsätzlich eine gute mentale Einstellung habe, um im Profigeschäft überleben zu können. Wenn ich aber mal merken würde, dass ich Probleme habe oder eine kleine Hilfestellung brauche, würde ich mich nicht dagegen wehren, auch mal jemanden aufzusuchen, der auf diesem Gebiet Erfahrung hat. Es gibt immer Tricks, die einem in verschiedenen Situationen weiterhelfen können.

Mentalität und Einstellung waren zuletzt auch beim FC Bayern ein heißes Thema. Wie haben Sie diese Diskussion erlebt?

Müller: Wir hatten drei Spiele in Folge nicht gewonnen, das stellt für den FC Bayern natürlich eine Situation da, die nicht so oft vorkommt und die auch nicht so oft vorkommen soll. Dementsprechend waren wir alle auf der Suche nach dem Warum. Darüber führen wir intern viele Gespräche. Sie müssen aber verstehen, dass wir solche Details nicht öffentlich diskutieren – wir würden uns vor laufenden Kameras sonst selbst zerfleischen. Über die Einstellung dagegen können wir sprechen, das versteht jeder und sagt: Ja, stimmt, die Einstellung hat nicht gepasst. Von daher hört man auch zu Krisenzeiten relativ identische Aussagen, was zeigt, dass die Mannschaft funktioniert und ihre Probleme gemeinsam löst.

Thomas Müller (l.) im Gespräch mit Goal-Reporter Niklas König

Im Buch von Carlo Ancelotti schwärmen Top-Stars wie Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic von seinem pragmatischen Umgang mit schwierigen Situationen. Können Sie das bestätigen?

Müller: Er kann auch bestimmend auftreten und laut werden, was vollkommen richtig ist. Gerade dann, wenn er das Gefühl hat, dass man den letzten Tick Entschlossenheit nicht sieht. Allgemein ist es aber so, dass er nicht gleich wild herumbrüllt, wenn der Spielstand nicht gut ist. Er konzentriert sich auf sachliche Dinge und versucht, einem Selbstvertrauen zu geben statt draufzuhauen. Das kann ich also bestätigen und das ist auch genau der richtige Weg.

Ancelotti spricht mit Ihnen nicht nur über Fußball, sondern auch über andere Dinge. Hilft so etwas auch?

Müller: Grundsätzlich müssen wir es auf dem Platz regeln. Du kannst sprechen, wie du willst, das ist vielleicht gut für die zwischenmenschlichen Beziehungen, was in der Folge auch leistungsfördernd sein kann. Entscheidend ist aber, was auf dem Platz passiert.

Dort kommt es gerade in Drucksituationen auf die Führungsspieler an. Wer sind die Wortführer in der Kabine?

Müller: Wir sprechen allgemein viel unter den Kapitänen und Führungsspielern. Philipp Lahm und Manuel Neuer zählen zum Beispiel mit all ihrer Erfahrung dazu. Auch ich habe schon viel mitgemacht. Da tauschen wir uns regelmäßig aus und holen uns immer wieder ein paar andere dazu und schauen, wie die gewisse Dinge einschätzen. Manchmal ist man vielleicht ein bisschen betriebsblind, von daher können andere Sichtweisen immer helfen.

Alphatiere wie Oliver Kahn sind in der Kabine auch dementsprechend aufgetreten. Da stand der junge Bastian Schweinsteiger schon mal ohne Handtuch da. Lassen die Lahms und Müllers Ihre Rolle auch hin und wieder raushängen?

Müller: Zunächst sollte jeder sein eigenes Handtuch haben, wir haben heutzutage auch genügend Ersatzhandtücher. Ich weiß ja nicht, wie es früher war, als ich jedenfalls mit dem Profifußball angefangen habe, war schon ein Wandel im Gange. Weg davon: Der ältere Spieler ist ganz stark. Auch die erfahrenen Akteure haben uns junge immer mitgenommen. Wenn du auf dem Platz geliefert hast, warst du schnell akzeptiert. Ich kenne das nicht anders und würde das auch nicht anders mit jungen Spielern handhaben. Die Jungs brauchen ja eher Hilfe, als dass noch jemand von oben kommen sollte. Das war die Zeit damals, und noch ein bisschen früher war es vielleicht noch extremer. Das sind, glaube ich, Dinge, die sich auch in der Gesellschaft wandeln.

Wer hat Ihnen in jungen Jahren geholfen?

Müller: Damals war Mark van Bommel Kapitän, der sich immer wieder um uns junge Spieler wie Holger (Badstuber, Anm. d. Red.) und mich gekümmert hat. Oder auch Arjen (Robben). Mit Mark hat man zum Beispiel an einem Essenstisch gesessen. Auch mit den deutschen Nationalspielern hatte ich viel zu tun, mit Basti (Schweinsteiger) und Philipp (Lahm). Die, die vorne am Ruder waren, haben die jungen gut mitkommen lassen.

Sie haben damals unter Jürgen Klinsmann debütiert, unter Louis van Gaal wurden Sie später Stammspieler. Wer war Ihr wichtigster Förderer?

Müller: Wenn es um den größten Förderer geht, komme ich um Louis van Gaal nicht herum. Er hat mich ins kalte Wasser geworfen. Natürlich hatte ich vorher unter Jürgen Klinsmann in der Bundesliga und in der Champions League gespielt, Louis van Gaal war aber der erste Coach, der kontinuierlich auf mich gesetzt hat. Es ist für uns Spieler während der aktiven Zeit immer schwierig, über Trainer zu sprechen, ob über vormalige oder aktuelle. Ich würde aber schon sagen, dass Louis van Gaal mein größter Förderer war. Damals war ich ja auch in einem förderungsfähigen Alter. (lacht)

Was hat sich seitdem in Ihrem Spiel und Ihrer Arbeitsweise am signifikantesten verändert?

Müller: Gute Frage. Jetzt müsste ich natürlich wissen, wie es vor sieben Jahren war. Dabei fällt es mir schon schwer genug, mich daran zu erinnern, was vor drei Jahren war. Ich habe jedenfalls immer versucht, an Dingen zu arbeiten, die außerhalb vom Mannschaftstraining passieren. Das läuft in Phasen ab. Mal packt man richtig an, dann gibt es Perioden, in denen man Probleme hat, kleine Wehwehchen, dann geht es nur darum, fit zu werden.

Sie gelten als unkonventioneller Spieler, als Raumdeuter. Da wären wir wieder beim besonderen Typen Thomas Müller.

Müller: Den Begriff des Raumdeuters habe ich irgendwann mal in einem Interview benutzt, seitdem werde ich ihn nicht mehr los. Man darf das gar nicht so mystisch sehen. Ich jedenfalls sehe mich nicht als Mysterium. Es gibt gefährliche Räume beim Fußball, und wenn man sich ein bisschen mit dem Spiel beschäftigt, weiß man, was der gegnerischen Abwehr wehtut. Das sind oftmals die Läufe in die Schnittstellen zum richtigen Zeitpunkt. Das war schon immer eine meiner größten Stärken. Mein Stellungsspiel ohne Ball im Zwischenraum und die Wege in die Tiefe.

Teilen Sie denn die weit verbreitete Meinung, ein ungewöhnlicher Spieler zu sein?

Müller: Als ungewöhnlich würde ich mich nicht beschreiben. Das Einzige, was ungewöhnlich ist, ist mein Gesamtpaket, wenn man die einzelnen technischen Fähigkeiten anschaut. Ich behaupte von mir zwar schon, dass ich eine gute Technik habe, das Dribbling ist aber nicht wirklich meine Stärke. Es gibt auch Stürmer, die einen besseren Schuss haben oder schneller sind. Ungewöhnlich ist, dass ich es trotz dieser vermeintlichen Schwächen in die Weltspitze geschafft habe, weil andere Dinge in meinem Spiel anscheinend so gut sind, dass es bisher für dieses Niveau gereicht hat. Das ist das Ding, das keiner so richtig verstehen mag. Ich glaube, man wundert sich nicht über diesen Typ Fußballer, sondern darüber, dass dieser Typ Fußballer auf einem solchen Niveau spielt und nicht bei einer "normalen Bundesliga-Mannschaft", dass dieser Typ Fußballer Torschützenkönig bei einer Weltmeisterschaft wird und solche Geschichten.

Was konkret macht das Gesamtpaket Thomas Müller so stark?

Müller: Das habe ich eben ja schon versucht darzustellen. Es geht um Stellungsspiel, Handlungsschnelligkeit, mentale Ausdauer, mentale Stärke, um Vertrauen in seine Fähigkeiten und darum, zu verstehen, was die Mannschaft für den Erfolg braucht. Ich bin der Meinung, dass ein Ball auf die Tribüne gedroschen manchmal die bessere Lösung ist als das Kombinieren an der eigenen Eckfahne. Das sind Details, die mit meinem Spiel an sich nichts zu tun haben, aber mit dem Gedankengang, zu begreifen, was nötig ist, um zu gewinnen. Ich versuche, immer zu gewinnen, dafür alles zu geben, und diese Mentalität in die Mannschaft reinzubringen. Daher ist das Gesamtpaket dann wieder sehr gut. 

Folge Bayern-Reporter Niklas König auf