Karim Onisiwo: "Mit Alaba ging's im Käfig heiß her"

Onisiwo wuchs mit Alaba in Wien auf und schulte seine Technik in einem Fußball-Käfig. Bei Goal spricht er über seine Ziele, den langen Weg nach oben und das Platzen von Träumen.

Er ist eines der Talente der neuen österreichischen Generation und spielt seit Januar in der Bundesliga beim FSV Mainz 05 . Karim Onisiwo besuchte nie eine Fußballakademie und kämpfte sich in jungen Jahren aus Österreichs Amateurfußball an die Spitze - und er hat noch nicht genug. 

Im Goal -Interview spricht er über seine Kindheit mit David Alaba, das Zerbrechen von Kindheitsträumen, Erfolgstrainer Martin Schmidt und den tragischen Zwischenfall bei seinem Debüt.

Gleich nach dem Wechsel zu Mainz kam es zu einer kuriosen Transfersperre. Wie kam es dazu?

Karim Onisiwo: Das war eine ärgerliche Geschichte. Mattersburg hat nach meinem Wechsel Berufung eingelegt. Das musste dann geprüft werden. Deswegen hat es dann auch zwei Monate gedauert. Darauf hatte ich keinen Einfluss.

Inzwischen hat es ja zum Glück für Sie und Mainz 05 geklappt mit dem Spielen. Bei Ihrem Debüt ging es dann gegen Borussia Dortmund, wo es zu einem tragischen Zwischenfall kam. Was haben sie das Spiel erlebt?

Onisiwo: Als wir in der zweiten Halbzeit rausgegangen sind, war es plötzlich mucksmäuschenstill. Wir haben überhaupt nicht gewusst, was los ist, bis wir nach dem Spiel erfahren haben, dass ein Fan verstorben ist und einer im Krankenhaus liegt. Es war natürlich eine gespenstische Situation. Dass auf einmal das ganze Stadion leise war, hat sich schon seltsam angefühlt. Sportlich war das Debüt aber ganz ok.

Sie sind in Wien geboren und mit David Alaba aufgewachsen. Wie eng war der Kontakt mit dem heutigen Bayern-Star?

Onisiwo: Ziemlich eng, besonders als wir zusammen bei der Austria gespielt haben. Unsere Väter kannten sich gut, weshalb wir sehr viel Zeit miteinander verbracht haben. Als David dann in jungen Jahren zu Bayern München gewechselt ist, hat der Kontakt natürlich abgenommen. Heute haben wir noch Kontakt, vor allem, wenn wir uns im Nationalteam sehen, aber lange nicht mehr so engen wie früher.

Mit Alaba feilten Sie in einem Fußball-Käfig an Ihrer Technik …

Onisiwo: Ja, auf jeden Fall. Wir waren sehr viel in Käfigen unterwegs, wollten immer kicken. Da ging es oft heiß her. (lacht) Auch bei der Austria haben wir natürlich eine sehr gute Schule genossen, auch wenn ich den Verein verlassen habe, als die Akademie eröffnet wurde. David ist geblieben, ich habe einen anderen Weg eingeschlagen und hatte es auf jeden Fall etwas härter.

Wie kam es, dass sie als hoffnungsvolles Talent die Austria 2005 verlassen haben?

Onisiwo: Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt und mich für einen Richtungswechsel entschieden. Gegen die weitere Ausbildung in der Akademie. Mit 17 bin ich dann bei First Vienna unter Peter Stöger Profi geworden und habe dort versucht, mich durchzusetzen. Das hat leider auch nicht geklappt, weshalb ich dann in die Regionalliga zu Neumarkt gegangen bin, wo ich dann endlich in meinen jungen Jahren im Herrenfußball Fuß fassen konnte.

Dennoch hatten sie weiter einen beschwerlichen Weg vor sich mit zwei Leihen und für Ihr junges Alter vielen Vereinen. Haben Sie sich damals erträumen können, dass sie im Jahr 2016 in der deutschen Bundesliga spielen und österreichischer Nationalspieler sind?

Onisiwo: Natürlich verfliegen solche Kindheitsträume irgendwann. Dennoch habe ich immer weitergekämpft. Es gab Momente, da hatte ich den Glauben komplett verloren. Aber es geht auch immer wieder aufwärts und irgendwann wird man dann für seine harte Arbeit belohnt. Das ist etwas, dass ich erst lernen musste.

Ab dem Jahr 2012 ging es dann Schlag auf Schlag. Bei Austria Salzburg setzten Sie sich durch und es ging auch bei Mattersburg nahtlos weiter mit ihrem Höhenflug. Wie erklären Sie sich diese plötzliche Leistungsexplosion?

Onisiwo: Mit Ivica Vastic hatte ich bei Mattersburg einen sehr guten Trainer, der mir geholfen und mich aufgebaut hat. Es gibt einem Kraft und Selbstvertrauen, wenn jemand an dich glaubt. Auf einmal klappte vieles, das vorher in dieser Form so nicht geklappt hat. Es war plötzlich wieder einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ging dann bei Mattersburg immer weiter und es folgte der Wechsel nach Mainz. Ich hoffe natürlich, dass ich auch hier überzeugen kann.

Als trickreicher und torgefährlicher junger Offensivspieler waren sie 2014 heiß umworben. Was gab den Ausschlag, zum FSV Mainz 05 zu wechseln?

Onisiwo: Ich habe viele Gespräche geführt. Mit den Wiener Top-Klubs und auch einem weiteren Bundesligisten. Aber als ich das erste Mal hierher geflogen bin und das Gespräch mit Christian Heidel und Martin Schmidt hatte, war mir sofort klar, dass ich hierher gehöre, weil Mainz' Ambitionen perfekt zu meinen eigenen passten. Mir wurde gesagt, dass ich hier die Zeit bekomme mich zu entwickeln, meinen Weg in Ruhe zu gehen. Und das ist genau das, was ich brauche – eben das, was ich vorher so nicht hatte, weil ich mir fast alles selbst beibringen musste. Weil ich gerade nicht den typischen Weg des Durchschnittsprofis gegangen bin.

Hatten Sie Angst, es in Deutschland nicht zu schaffen, als die Transfersperre verkündet wurde und sie zunächst nicht spielen konnten?

Onisiwo: Nein, überhaupt nicht. Angst habe ich nie. Ich wusste früh, dass die Sache eigentlich durch ist. Das hat mir mental sehr geholfen. Auch der Trainer hat mich voll unterstützt. Blöd war dann, dass ich mich just zu diesem Zeitpunkt verletzt habe. Ich denke aber, dass ich jetzt auf einem guten Weg bin.

Es ging rasant nach oben in Ihrer Karriere und plötzlich spielen sie in der Bundesliga. Was ist in Deutschland am Fußball anders als in Österreich?

Onisiwo: Alles ist anders. Als ich in Dortmund das erste Mal dabei war, war die Medienpräsenz unglaublich. Das Training ist intensiver, man kann sich von den Mitspielern viel abschauen. Das beginnt schon beim Physiotherapeutenstab, der exakt auf die jeweiligen Spieler abgestimmt ist. Das Niveau ist hier drei oder vier Klassen höher als in Österreich.

Wie beeindruckend war es, Ihr Debüt für die 05er ausgerechnet im weltberühmten Dortmunder Signal Iduna Park zu geben?

Onisiwo: Das war unfassbar! Es ist ein Traum von jedem Spieler, hier einmal aufzulaufen. Natürlich blendet man das, wenn das Spiel läuft, dann aus. Dennoch habe ich das so beeindruckend nicht erwartet.

Sie haben bereits das hohe Trainingsniveau angesprochen. Das liegt auch an Martin Schmidt. Was zeichnet ihn als Coach aus?

Onisiwo:  Er ist ein sehr energischer Typ, der auf Genauigkeit achtet. Er korrigiert uns bei Passformen dauernd und hat einen absoluten Siegeswillen. Er hilft einzelnen Spielern ständig weiter. Deshalb verbessere ich mich auch jeden Tag hier.

Was sind Ihre persönlichen Ziele hier bei Mainz?

Onisiwo: Ich will in jedem Training ans Maximum gehen und dadurch so viele Spielminuten wie möglich bekommen und dann vielleicht sogar einmal von Anfang an spielen. Wir als Team möchten die 48 Punkte erreichen, um die Hinrunde zu bestätigen. Leider ist uns das gegen Köln nicht gelungen. Aber wir haben am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt ja wieder die Chance. Die Tabellensituation ist trotz der Niederlage gut – wenn wir am Ende europäisch spielen, wäre das natürlich klasse.

Wie schätzen Sie Ihre Chance auf eine Nominierung für die EM in Frankreich ein?

Onisiwo: Das liegt nur an mir. Wenn ich weiter gut trainiere, mich zeige, mich immer weiter verbessere, dann habe ich auf jeden Fall eine Chance, mitzufahren. Das Primärziel ist es aber, mich hier durchzusetzen. Dann ergibt sich alles von alleine.

Obwohl Sie erst 24 sind, haben sie schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Sind sie deshalb reifer, als man bei Ihrem Alter vermuten würde?

Onisiwo: Natürlich hat mich das geprägt. Aber das ist in diesem Geschäft so. Ich war eigentlich schon oben bei Vienna und bin dann abgestiegen bis in die vierte Liga, ehe es dann wieder nach oben ging. Natürlich gab es harte Zeiten, die mich dann stärker gemacht haben. Man muss immer an sich glauben und alles dafür tun, dass man aus Tiefs wieder herausfindet. Das ist mir zum Glück immer gelungen.

Womit erklären Sie sich die Auf und Abs?

Onisiwo: Da kommen sehr viele Komponenten zusammen. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, sich über Jahre beweisen. Man darf sich nie auf seinem Talent ausruhen und muss sich auch umstellen, sich weiterentwickeln. Es wird einem nichts geschenkt.

Wie haben Sie sich konkret in den letzten Jahren weiterentwickelt?

Onisiwo: Da gibt es vieles. Ich bin viel professioneller geworden. Dadurch, dass ich keine Nachwuchsakademie durchlaufen habe, sondern früh Profi wurde, musste ich mir alles selbst aneignen, mir viel von Mitspielern abschauen. Das hat seine Zeit gebraucht. Irgendwann haben die Mechanismen dann begonnen zu greifen und es hat plötzlich klick gemacht. Dann lief es immer besser und besser. Das heißt aber natürlich nicht, dass es jetzt vorbei ist mit der Entwicklung. Selbst Weltklasse-Spieler bei den Top-Klubs können sich immer verbessern.