Lahm: Große Teams lassen sich nicht mit Geld zusammenstellen

Am Dienstagabend bestreitet Philipp Lahm sein 100. Champions-League-Spiel. In seiner Kolumne für Goal blickt er auf seine bisherige CL-Karriere zurück - inklusive Debüt.

Liebe Leser, Fans, Fußballfreunde und -kritiker,

13. November 2002 - es war die 90 Minute, Spielstand 3:3 gegen den RC Lens, als mich Ottmar Hitzfeld, damaliger Trainer des FC Bayern, auf den Rasen des Münchner Olympiastadions schickte. Es war ein kalter Herbsttag. Ich trug ein langärmliges rotes Trikot, die Hose war dunkelblau, Rücknummer 29. Beides wirkt heute auf den Bildern etwas zu groß.

Vor Spiel 100: Philipp Lahms CL-Karriere in Bildern

Das Stadion war spärlich - definitiv nicht annähernd bis auf den letzten Platz - besetzt.  Das Spiel nach der schlechtesten Champions-League-Vorrunde in der Klubgeschichte sportlich unbedeutend. Ich wurde für Markus Feulner eingewechselt. Mein Einsatz dauerte in etwa eine Minute, immerhin dennoch mit Ballkontakt. Das war mein erstes Pflichtspiel für die erste Mannschaft des FC Bayern München und gleichzeitig mein Debüt in der Champions League.

Wenn ich mir heute die Bilder anschaue, muss ich schmunzeln, wie jung ich damals ausgesehen habe. Zwei Tage davor hatte ich meinen 19. Geburtstag gefeiert. Aber weder beim Ausblasen der Kerzen auf dem Kuchen, noch im Moment meiner Einwechslung, hätte ich mir eine Karriere erträumt, wie ich sie mit diesem Tag gestartet habe.

Heute Abend geht es für mich in mein 100. Champions-League-Spiel. Eine Zahl, die auch mich beeindruckt, obwohl ich ansonsten wenig auf Statistiken und Rekorde in Tabellen gebe. Bei dieser Zahl empfinde ich Dankbarkeit, denn ich weiß, dass viel zusammenkommen und stimmen muss, um einen solchen Weg im Sport gehen zu können.

Vorfreude auf Juventus

Umso mehr freut es mich, dass ich dieses besondere Duell gegen Juventus Turin bestreiten darf - gegen einen großen Verein, mit einer eigenen Identität und großartigen Charakteren. Wenn ich über alle Einsätze seit 2002 Bilanz ziehe, dann ist das für mich das Hauptkriterium für langfristig erfolgreiche Vereine: große Spieler, die mit dem Klub groß geworden sind, deren Namen eng mit den Erfolgen verknüpft sind und die sich umgekehrt zu 100 Prozent mit der Mannschaft, dem Verein und dessen Geschichte identifizieren.

Khedira in der Taktik-Analyse: König der Dynamik

Wenn ich an Spiele oder Wettbewerbe zurückdenke, denke ich immer auch an die Auseinandersetzung mit deren herausragenden Akteuren. Bei Barca an Xavi und Iniesta, bei Real Madrid an Iker Casillas und Sergio Ramos. Auch bei meinen ersten Begegnungen mit Manchster United oder Chelsea, im Trikot des VfB Stuttgart, sind es Ryan Giggs und Paul Scholes bei den Red Devils sowie John Terry und Frank Lampard bei den Blues, die in meinem Gedächtnis auftauchen und unumstößlich mit dem jeweiligen Verein und seinen Erfolgen zu jener Zeit verknüpft sind.

Philipp Lahm wird bei seinem CL-Debüt für Markus Feulner eingewechselt

Ich bin überzeugt, dass wirklich große Mannschaften immer diese Identifikationsfiguren hatten - und in die Zukunft geblickt auch nur solche Teams bestehen werden, die diese Persönlichkeiten entwickeln. Große Mannschaften brauchen einen Kern an Profis, die aus den eigenen Reihen kommen, mit dem Verein wachsen und die jeweilige Kultur verinnerlichen, auf dem Platz sichtbar machen und nach außen repräsentieren.

Große Mannschaften nicht mit Geld zu erschaffen

Ich denke nicht, dass sich wirklich große Mannschaften durch Geld zusammenstellen lassen, wie das in Paris Saint Germain oder Manchester City versucht wird.

Ein AC Mailand ohne Maldini und Baresi wäre nicht derselbe Klub gewesen und hätte sicher nicht dieselben Erfolge gefeiert. Wenn heute international große Mannschaften aufeinander treffen, dann haben beide Teams teure Spieler mit extrem hoher individueller Klasse. Aber durchsetzen wird sich immer die Mannschaft, die mehr Spieler auf dem Platz stehen hat, die den Erfolg unbedingt wollen - und zwar nicht nur für sich, sondern für ihren Verein.

Bayern in Turin: Kühlen Kopf bewahren

Als wir 2013 die Champions League gewonnen haben, ist das einer Mannschaft gelungen, die sich diesen Erfolg über Jahre gemeinsam erarbeitet hat. Einer Mannschaft, die diesen Sieg wollte, nicht für sich, sondern mit ihrem Klub.

"Dazu zähle ich auch Robben und Ribery"

Dazu zähle ich bei uns auch ganz klar Arjen Robben und Franck Ribery. Sie haben beide über die Jahre die Bayern-Identität verinnerlicht. Denn Identifikation ist keine Frage der Nationalität, aber sie braucht Zeit. Es geht darum, dass man sich auf eine Sache ganz und gar einlässt.

Deshalb freue ich mich sehr, dass wir auf Juventus Turin treffen. Mit Spielern wie Gianluigi Buffon. Buffon ist Juve. Es wird eine Partie gegen einen großen Verein. Mein 100. Spiel in der Champions League. Im Trikot des FC Bayern, in das ich seit 2002 hineingewachsen bin.

Euer Philipp Lahm

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