News Spiele

Karim Bellarabi: "Ich war jung und dickköpfig"

Der Name Karim Bellarabi ist längst ein Synonym für Schnelligkeit. Erst am Samstag wurde der flinke Offensivspieler von Bayer Leverkusen gegen den VfB Stuttgart eingewechselt, erzielte prompt den Anschluss und bereitete den zweiten Treffer auf dem Weg zum abenteuerlichen 4:3-Erfolg vor.

Höchst rasant verlief auch seine bisherige Karriere. In der Saison 2009/10 kickte Bellarabi noch in der Oberliga, keine zweieinhalb Jahre später narrte er erstmals seine Gegenspieler in Deutschlands höchster Spielklasse. Heute ist er gar Nationalspieler, zaubert in der Champions League - und misst sich mit den Besten der Welt. 

"Es ging für mich nicht nur steil nach oben", gibt Bellarabi im Interview mit Goal jedoch zu bedenken, "in meiner Karriere gab es auch Rückschläge." Außerdem spricht der 25-Jährige über den Käfig in Huchting, Roger Schmidts Zweifel und die wahrscheinlich beste Entscheidung seiner Laufbahn.

Karim, hatten Sie jemals Bedenken, dass Sie es nicht zum Profi schaffen könnten?

Karim Bellarabi: Natürlich macht man sich in schwierigen Phasen Gedanken, ich habe aber nie an mir gezweifelt. Da muss ich mich bei meiner Mutter bedanken, die mir vermittelt hat, an mich zu glauben. Ich habe mir das zu Herzen genommen, bin immer meinen Weg gegangen.

Dieser Weg war nicht immer so einfach, wie man meinen könnte. Sie sind in Huchting aufgewachsen, einem vermeintlichen Problem-Viertel in Bremen.

Bellarabi: Für mich war es immer etwas Besonderes, auf dem Fußballplatz zu stehen, das hat in der Carl-Hurtzig-Straße angefangen. Im "Käfig" habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Schon als kleiner Junge hatte ich den absoluten Siegeswillen.

Waren es insbesondere die Situationen, sich gegen Ältere beweisen zu müssen, die Sie stärker gemacht haben?

Bellarabi: Das kann gut sein, ich war tatsächlich immer einer der Jüngsten. Bevor es rund ging, wurden Mannschaften gewählt. Dass die Älteren mich stets als einen der Ersten in ihr Team berufen haben, war ein gutes Zeichen. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben.

In der Jugend spielte Karim Bellarabi für Werder Bremen, später für Eintracht Braunschweig

Über den Ascheplatz führte Ihr Weg zu Werder Bremen.

Bellarabi: In Bremen hatte ich eine tolle Zeit. Ich wurde immer gut gefördert und habe eine sinnvolle Ausbildung genossen.

Warum haben Sie den Verein trotzdem im Sommer 2004 verlassen?

Bellarabi: In der Jugend stellt sich nach jeder Saison die Frage, ob man übernommen wird. Ich wurde immer übernommen – auch in diesem Sommer. Als aber ein neuer Spieler kam, hat man mir meine Rückennummer neun weggenommen, die ich sechs Jahre lang getragen hatte. Darüber habe ich mich tierisch geärgert, ich war jung und dickköpfig. Die Neun hatte für mich eine große Bedeutung. Deshalb bin ich zum FC Oberneuland gewechselt, wo viele meiner Freunde gespielt haben. Heute weiß ich, dass man einen Verein nicht wegen so einer Lappalie verlassen sollte.

Der Wechsel zu Oberneuland wirkte wie ein Rückschritt.

Bellarabi: Das täuscht, es war kein Rückschritt. Mein damaliger Trainer Thomas Jaekel hat mich immens weitergebracht und spielt noch heute eine wichtige Rolle in meiner Karriere.

Innerhalb von nur zwei Jahren sind Sie anschließend vier Ligen nach oben geklettert. Wie ist so etwas möglich?

Bellarabi: Ich habe mein Bestes gegeben und hart an mir gearbeitet. Bei Oberneuland bin ich mit 17 Jahren in die erste Mannschaft hochgezogen worden, das war sehr wichtig für meine Entwicklung. Was viele aber vergessen: Es ging für mich nicht nur steil nach oben, in meiner Karriere gab es auch Rückschläge.

Inwiefern?

Bellarabi: Als ich aus der 3. Liga von Eintracht Braunschweig zu Bayer Leverkusen gewechselt bin, habe ich zum Beispiel schnell gemerkt, dass dieser Transfer eine enorme Umstellung mit sich brachte. Dann wurde ich erst mal verliehen.

Also wechselten Sie 2013 zum Bundesliga-Aufsteiger Braunschweig. War es im Nachhinein die beste Entscheidung Ihrer Karriere, zu dem Klub zurückzukehren, für den Sie schon von 2008 bis 2011 gespielt hatten?

Bellarabi: Wahrscheinlich. Ich hätte auch zu anderen Bundesligisten wechseln können, habe mich aber bewusst für Braunschweig entschieden. Ich kannte das Umfeld, den Trainer und die meisten Spieler. Braunschweig war meine zweite Heimat. Ich brauchte keine Eingewöhnungszeit, habe direkt gespielt und wichtige Erfahrungen gesammelt. Deshalb hat dieses Jahr insbesondere nach meiner langwierigen Verletzung (Schambeinentzündung, Anm. d. Red.) viel Sinn gemacht – obwohl wir letztlich abgestiegen sind.

Danach kehrten Sie zurück nach Leverkusen. Dort war sich Roger Schmidt zunächst nicht sicher, ob er Sie überhaupt gebrauchen kann.

Bellarabi: Es war klar, dass es schwierig werden würde, weil die Konkurrenz bei Bayer immer groß ist. Ich war topfit, hatte aber den Gedanken, mich erneut ausleihen zu lassen, sofern man nicht mit mir planen würde. Dazu kam es aber nicht.

Weil Schmidt Sie genau beobachtet hat – und nach zehn Tagen sagte: "Den behalten wir."

Bellarabi: Der Trainer war sehr zufrieden mit mir und hat Rudi Völler gesagt, dass er mich in seiner Mannschaft haben möchte. Das hat mir Kraft und Selbstvertrauen gegeben. So kam es dann auch dazu, dass ich mich hier durchsetzen konnte.

Hatten Sie auch davon Wind bekommen, dass Schmidt Sie eventuell abgeben wollte?

Bellarabi: So etwas bekommt man als Spieler nicht mit, das läuft zwischen dem Berater und dem Verein ab. Solche Gespräche werden über jeden Spieler geführt. Für mich persönlich war das Wichtigste, dass ich regelmäßig Einsätze bekomme. Nachdem ich ein vernünftiges Jahr bei Braunschweig gespielt habe, hätte ich auch bei anderen Bundesligisten unterkommen können. Es war aber immer mein Ziel, mich bei Leverkusen durchzusetzen. Umso mehr freue ich mich, dass Roger Schmidt mir sein Vertrauen geschenkt hat.

Es hat neun Sekunden gedauert, da haben Sie das angesprochene Vertrauen ein Stück weit zurückgezahlt - mit Ihrem Tor gegen Dortmund.

Bellarabi: Dafür habe ich in der Vorbereitung hart gearbeitet, immer zu hundert Prozent professionell gelebt. Für mich war es die Bestätigung, dass hoher Aufwand belohnt wird. Das war ein ganz besonderer Moment in meiner Karriere.

Offensive Ausrichtung, Tempo, Gegenpressing – inwiefern kommt Ihnen Schmidts Philosophie entgegen?

Bellarabi: Das System habe ich sehr schnell verinnerlicht. Es ist für mich absolut verständlich und gar nicht so kompliziert. Wenn man als Mannschaft zusammenhält und jeder seine Aufgabe perfekt umsetzt, werden wir damit Erfolg haben. Das haben wir insbesondere in der vergangenen Saison gezeigt.

Dennoch birgt diese Spielweise auch Gefahren.

Bellarabi: Wir sind noch eine junge Mannschaft und müssen noch dazu lernen, klar. Das hat man in Barcelona gemerkt, als wir im Camp Nou gegen eine der besten Mannschaften der Welt bis zur 80. Minute geführt haben, am Ende aber noch den Sieg herschenkten.

Sie spielen mittlerweile auf der ganz großen Bühne. Zuletzt hieß es, Bayern München und Inter Mailand hätten an Ihnen Interesse. Beschäftigt Sie das?

Bellarabi: Natürlich bekommt man so etwas mit. Das ist momentan aber kein Thema, ich bin sehr glücklich in Leverkusen. Wenn dann wirklich mal ein außergewöhnliches Angebot kommen sollte, würde ich mich natürlich darüber freuen.

Insbesondere über eines aus dem Ausland?

Bellarabi: Die Bundesliga hat sich enorm entwickelt in den vergangenen Jahren, trotzdem ist das Ausland sehr spannend.

Wie spannend ist Werder Bremen? Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne irgendwann zu Ihren Wurzeln zurückkehren. Das dürfte heute kaum mit Ihren sportlichen Ambitionen vereinbar sein.

Bellarabi: (lacht) Man sollte niemals nie sagen. Bremen ist meine Heimat, dort bin ich groß geworden. Dass man mir damals meine Nummer weggenommen hat, wäre jedenfalls kein Hindernis.

Folge Niklas König auf