Carlo Ancelotti: "Freue mich auf die Atmosphäre in den Stadien"

Seit Sonntag steht es fest: Der Italiener wird im Sommer die Nachfolge von Guardiola beim deutschen Rekordmeister antreten – und er freut sich schon auf die große Aufgabe.

Carlo Ancelotti übernimmt im kommenden Juli das Traineramt beim FC Bayern München von Pep Guardiola. Am Wochenende verkündete der FCB die Entscheidung für den ehemaligen Coach von unter anderem Juventus, Milan, Chelsea, PSG und Real Madrid. Goal hat exklusiv mit Ancelotti über seine Entscheidung, die Bundesliga und seine Deutschstunden gesprochen.

Haben Sie vor 20 Jahren schon ahnen können, dass Ihr Ruf als Trainer eines Tages noch besser sein wird als Ihr ohnehin schon guter Ruf als Spieler?

Carlo Ancelotti: "Ich habe als Trainer das Glück gehabt, von meiner ersten Station bei Reggiana an immer bei Klubs zu arbeiten, die viel Vertrauen in mich hatten. Ich hatte viel Glück in meiner Karriere, in der ich große Erfolge hatte, die mir auch weitergeholfen haben. Zweifelsohne haben sich für mich tolle Chancen immer genau zum richtigen Zeitpunkt ergeben. Zu Beginn war ich bei Reggiana, dann mit Parma in der Serie A und dann ging es bei Juventus und Milan weiter. Und auch als ich mich entschlossen habe, ins Ausland zu gehen, hatte ich dort immer die Möglichkeit, große Teams zu trainieren."

Wenn man die tolle Arbeit, die Claudio Ranieri aktuell bei Leicester abliefert, betrachtet, kann man dann sagen, dass die italienische Trainerschule im Moment ein Hoch durchlebt?

Ancelotti: "Ich habe die italienische Trainerschule selbst als Spieler erlebt und kann sagen, dass sie sehr gut ist. Sie bringt einem viele Sachen bei. Außerdem vermittelt die italienische Liga Dinge, die man in keiner anderen Liga lernen kann. Es gibt dort im Vergleich zu anderen Ländern viele verschiedene taktische Feinheiten, die einen weiterbringen. In Italien gibt es viel mehr Spielsysteme als in anderen Ländern, in denen ein bestimmtes System immer das vorherrschende ist. Das sorgt dafür, dass man viel besser zuschauen und nachdenken muss und auf diese Weise jede Menge Erfahrung sammelt."

Was reizt Sie am meisten an Ihrem neuen Abenteuer in der Bundesliga?

Ancelotti: "Deutschland hat in den letzten Jahren ab 2006 viel in den Fußball investiert. Sie haben die Stadien neu gebaut und sind auf europäischer Ebene wieder top geworden. Ich freue mich besonders auf die Atmosphäre in den Stadien, denn es scheint so zu sein, dass die vollen Stadien für eine ganz besondere Stimmung sorgen. Das fasziniert mich am meisten."

Wenn Sie auf den Beginn ihrer Trainerlaufbahn zurückschauen: Gibt es etwas, das Sie im Laufe der Zeit verändern mussten? Und gibt es Herangehensweisen oder Fähigkeiten, die Sie immer genutzt haben?

Ancelotti: "Mein Charakter hat sich im Vergleich zum Beginn meiner Trainerkarriere nicht großartig verändert. Ich bin immer noch derselbe. Natürlich habe ich aus meinen Erfahrungen gelernt. Aber eigentlich ist der Job immer derselbe geblieben, nur die Methoden haben sich in der Zwischenzeit verändert. Über dieses Thema habe ich sogar ein Buch geschrieben. Das ist allerdings die natürliche Entwicklung des Sports, der sich immer verändert. Bei der zwischenmenschlichen Beziehung zu den Spielern hat sich mein Ansatz nicht verändert. Heutzutage hat man mehr Spieler, die man trainiert. Deshalb ist es vielleicht ein wenig komplizierter im Vergleich zu früher, als nur 16 oder 18 Spieler im Kader standen."

Chelsea ist in dieser Saison nach der Meisterschaft in der Premier League abgestürzt. Wie schwer ist es für einen Trainer, die Motivation der Spieler intakt zu halten, wenn das Team gerade einen wichtigen Titel gewonnen hat?

Ancelotti: "Das ist die schwierigste Aufgabe für einen Trainer: die Mannschaft weiterhin zu motivieren. Denn innerhalb eines Teams gibt es immer Probleme zu lösen, ganz egal, ob es gut oder schlecht läuft. Wenn alles klappt, besteht das Risiko, dass man es zu locker angeht. Und wenn es nicht läuft, fehlt natürlich das Selbstvertrauen. Der Trainer muss dann immer für die Balance sorgen: Er muss der Mannschaft wieder Selbstvertrauen einimpfen, wenn sie nicht erfolgreich ist. Das ist Mourinho nun zum Verhängnis geworden. Die Mannschaft hat nicht denselben Start wie in der letzten Saison hingelegt, als sie es allen nach einem schlechten Jahr unbedingt zeigen wollte. In dieser Saison war es genau andersherum – und Mourinho hat für die fehlende Motivation der Spieler zahlen müssen."

Macht Ihnen das keine Angst, wenn Sie die Nachfolge von Trainern wie Mourinho oder Guardiola antreten?

Ancelotti: "Wir sprechen dabei immer von großen Mannschaften. Das Wichtigste ist, eine gute Trainer-Spieler-Beziehung herzustellen und darüber die eigenen Ideen vermitteln zu können. Man muss erreichen, dass die Spieler von den Ideen des Coaches überzeugt sind. Sachen einfach durchzudrücken, ist nie gut. Es ist wichtig, dass die Mannschaft an die Dinge, die der Trainer entscheidet, glaubt und dass alle diese Dinge akzeptieren."

Darf man eigentlich wieder von "Deutschem Fußball" bei den Bayern oder von "Spanischem Fußball" bei Real sprechen?

Ancelotti: "Nein. Heutzutage gibt es im Fußball nicht mehr die Unterschiede wie früher. Man spielt "Totalen Fußball". Es gibt nicht mehr die bestimmten Unterschiede, die vielleicht vorher einmal bestanden."

Wovor haben Sie mehr Angst – den Deutschstunden oder dem Oktoberfest-Besuch in Lederhosen?

Ancelotti: (lacht) "Ich habe vor gar nichts Angst. Das wird eine neue und interessante Erfahrung für mich und ich freue mich darauf, ein neues Land mit vielen neuen Eindrücken kennen zu lernen. Die Sache, die mir in den ganzen Jahren am meisten gebracht hat, war, dass ich verschiedene Kulturen erlebt, verschiedene Bräuche und Gewohnheiten kennen gelernt habe. Das wird in Deutschland genauso und bestimmt sehr interessant sein. Und die Deutschstunden? Ich habe schon damit angefangen – und ich kann bestätigen, dass es nicht einfach ist!"