Heldt: "Kann mir Verbleib auf Schalke gut vorstellen"

Horst Heldt spricht im exklusiven Interview über seine Zukunft beim FC Schalke 04, aktuelle Transfergerüchte und kritisiert die FIFA scharf.

Er ist der Mann, der beim FC Schalke 04 in sportlichen Belangen das Sagen hat: Horst Heldt. Der Sportvorstand und Manager des Revierklubs traf sich mit Goal zum Exklusiv-Interview.

Der 45-Jährige aus Königswinter sprach über die Kritik nach der Beurlaubung von Jens Keller und Roberto Di Matteo, den neuen Mann an der Seitenlinie. Außerdem äußerte sich der ehemalige Profi zur möglichen Verlängerung seines 2016 auslaufenden Arbeitspapiers, potenziellen Neuzugängen und übte scharfe Kritik an der FIFA. Plus: Was er zum Defensiv-Stil sagt.

Herr Heldt, nach der Beurlaubung von Jens Keller gerieten Sie erstmals schwer ins Kreuzfeuer. Es hieß, Sie hätten den Kader nicht vernünftig zusammengestellt. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?

Horst Heldt: Diese Zeit geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Das ist allerdings auch etwas, was der Job mit sich bringt. Ich bin weit davon entfernt, zu sagen: 'Ich nehme nur das Schöne, das Interessante, das Gestalten oder die glücklichen Momente mit und Kritik interessiert mich nicht.' Selbstverständlich geht einem das nah, niemand mag es doch, wenn er etwas Schlechtes über sich liest. Aber man muss es schaffen, so etwas mental beiseitezulegen. Sonst wäre es in meiner Position und mit dieser Verantwortung kaum möglich, dauerhaft seinen Job zu machen.

Inwieweit hängt ein Manager auch von seinem Trainer ab, der das Beste aus der Mannschaft herauskitzeln muss, damit ihre Transfers sitzen?

Heldt: Das ist eine gute Frage und ich weiß nicht, ob sie sich so einfach beantworten lässt. Ich glaube, generell ist ein intensiver Austausch zwischen Trainer und Manager sehr wichtig. In all den Jahren, in denen ich diese Tätigkeit ausüben darf, war es auch in Bezug auf Kaderzusammenstellungen immer ein Zusammenspiel. Ich bin davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, wenn ein Sportdirektor oder Manager alleine diktiert, welcher Spieler kommt und welcher geht. Über die Zeit hinweg habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine gemeinsame Entscheidung das Beste ist. Es macht keinen Sinn, wenn ich einen Spieler verpflichte, den der Trainer nicht möchte. Natürlich sollte auch ein Trainer solche Entscheidungen nicht alleine treffen.

Sie werden für Ihre Transfers bewertet, die Grundlage dafür liegt im Nachgang jedoch beim Coach.

Heldt: Natürlich ist es wichtig, dass die richtigen Spieler geholt werden und der Trainer aus dem Spieler – beziehungsweise dem Kader – das Bestmögliche herausholt. Allerdings gibt es immer Einflüsse oder Situationen, die nicht planbar sind. Solche Umstände können kurzfristige Veränderungen hervorrufen. Und auch nicht jeder Spieler, der zuvor bei anderen Vereinen gute Leistungen zeigte, liefert automatisch beim nächsten Klub ähnlich gute Spiele ab. Die Kritik an einer Kaderzusammenstellung ist auch stets ein probates Mittel, um sich selbst zu überprüfen. Ich kann aber nicht sagen: 'Trainer, das ist unser neuer Spieler. Wenn er nicht funktioniert, bist du alleine dafür verantwortlich.' So denke ich nicht.

Wie zufrieden sind Sie denn mit der bisherigen Arbeit von Roberto Di Matteo?

Heldt: Ich habe einen guten Einblick, weil wir uns tagtäglich austauschen und viel miteinander sprechen. Ich bin sehr davon angetan, wie er seine Arbeit definiert und was er aus der momentan schwierigen Situation herausholt. Ich weiß, dass er einen sehr guten Job macht.

HELDT: OFFENSIVE GELITTEN
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Viel wird über die Spielweise des FC Schalke 04 unter Di Matteo diskutiert.

Heldt: Jedem steht es zu, seine Meinung zu äußern. Und jeder, der ins Stadion geht, hat eine eigene Wahrnehmung und eine Erwartung an die Mannschaft. Das ist völlig in Ordnung. Es ist nicht das erste Mal, dass Schalke 04 für irgendetwas kritisiert wird. Wir hatten mal eine Phase, in der wir dafür kritisiert wurden, dass überhaupt keine Spielidee erkennbar wäre. Es kam die Frage auf, wofür wir stehen würden. Vergleichen Sie das doch mal mit der aktuellen Situation. Wir haben ein System und wir haben einen Spielstil – unsere Mannschaft geht auf den Platz und hat einen klaren Plan. Was die Menschen beschäftigt, ist die Art und Weise der Umsetzung unseres Spiels. Aber auch das lässt sich begründen.

Sie meinen die nötige Ausgewogenheit zwischen Defensive und Offensive – eine gute Organisation.

Heldt: Richtig. Roberto Di Matteo hat bereits auf seiner ersten Pressekonferenz seine Ziele verdeutlicht. Wir haben vor seiner Zeit einfach viel zu leicht, zu viele Tore bekommen. Man schafft es eben nicht immer, mehr Tore zu schießen, als man kassiert. Deshalb war sein Ansatz, die Defensive zu stabilisieren und die Organisation zu verbessern, richtig und wichtig. Daran haben wir intensiv gearbeitet.

Trotzdem leidet ihre Offensive merklich darunter.

Heldt: Definitiv. Aber auch das ist erklärbar. Ein großer Schwerpunkt ist, dass wir gerade im Offensivbereich viele langzeitverletzte Spieler haben, die eben den Unterschied ausmachen können. Wenn Julian Draxler, Jefferson Farfan oder Leon Goretzka monatelang ausfallen, dann ist das ein Problem für uns. Nehmen wir doch mal Bayer Leverkusen als Beispiel: Wenn dort Heung-Min Son, Hakan Calhanoglu und Karim Bellarabi über Wochen oder Monate nicht zur Verfügung stehen würden, hätte das auch Auswirkungen auf die gesamte Mannschaft. Mit diesen Problemen haben wir zu kämpfen und deswegen hat Roberto Di Matteo nichts anderes gemacht, als aus dem vorhandenen Potenzial das Beste herauszuholen – was ihm gelungen ist.

Sie haben ihn gerade angesprochen. Viele Fans machen sich große Sorgen um Farfan. Es ist zu hören, dass er eventuell gar nicht mehr für Schalke auflaufen kann. Wie ist denn der Stand bei ihm?

Heldt: Ich bin davon überzeugt, dass Jefferson zurückkommt. Nichtsdestotrotz muss man den Leuten ins Bewusstsein rufen, dass er sich nicht einfach in den Finger geschnitten hat. Er hat eine der schwersten Verletzungen erlitten, die es unter Fußballern gibt – einen Knorpelschaden im Knie. Das bedarf einer gewissen Zeit, bis sich das Knie wieder erholt und stabilisiert. Gemessen an dem Grad seiner Verletzung ist sein Heilungsverlauf normal. Sie müssen auch unterscheiden, dass nicht jeder Knorpelschaden vergleichbar mit anderen ist. Ich möchte nur verdeutlichen: Wir ersehnen alle eine schnelle und baldige Rückkehr, aber wir dürfen nichts überstürzen. Die Nachhaltigkeit der Genesung steht im Vordergrund. Ich kann nicht prognostizieren, ob er in dieser Saison noch zurückkommt – oder schon im April oder Mai wieder spielt. Das ist leider schwer einzuschätzen bei solch einer Verletzung.

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Wie geht Farfan mit dieser Ungewissheit bezüglich seiner Rückkehr um?

Heldt: Natürlich gibt es mal Phasen, in denen man etwas resigniert. Das muss man einem Menschen aber auch zugestehen. Aber Jefferson ist motiviert, diese Zeit so schnell wie möglich hinter sich zu lassen und verfolgt nichts anderes, als für Schalke wieder Fußball zu spielen.

Die Liga ist aktuell voller Vertragsverlängerungs-Romantik, Herr Heldt. Marco Reus bleibt beim BVB, Zlatko Junuzovic in Bremen und Karim Bellarabi bei Bayer Leverkusen. Wie romantisch ist es denn derzeit zwischen Joel Matip und Ihnen?

Heldt: Sehr romantisch. (lacht) Und ich bin froh, dass wir bereits viele unserer Spieler, wie zum Beispiel Max Meyer, Julian Draxler, Klaas-Jan Huntelaar oder Ralf Fährmann, langfristig an den Verein haben binden können. Joel Matip ist für uns ein sehr wichtiger Mann, den wir gerne über seine Vertragslaufzeit hinaus verpflichten möchten. In naher Zukunft werden wir die Gespräche aufnehmen. Dass er natürlich eine große Qualität hat und damit verbunden auch für andere Vereine interessant ist, dessen sind wir uns bewusst. Bezüglich einer Vertragsverlängerung bin ich optimistisch.

Andere Verträge laufen diesen Sommer aus. Christian Fuchs, Chinedu Obasi, Tranquillo Barnetta und Christian Wetklo wären da zu nennen. Haben Sie schon Entscheidungen getroffen?

Heldt: Entscheidungen sind noch nicht gefallen. Selbstverständlich werden wir den Kader etwas verändern und dabei wird es nicht nur Zugänge geben, sondern auch Abgänge. Dass Spieler uns verlassen, ist manchmal auch notwendig, um im Gesamtgebilde des Kaders eventuell ein neues Gesicht zu bekommen und Impulse zu setzen. Zuallererst gebietet es der Respekt, dass wir mit den Spielern, die uns eventuell verlassen werden, Gespräche führen, ihnen unsere Entscheidung persönlich mitteilen. Das ist bislang bei keinem geschehen. Wir werden dieses Thema aber in den nächsten Wochen angehen.

Bleibt Matija Nastasic über den Sommer hinaus beim FC Schalke 04?

Heldt: Ich kann Ihnen bestätigen, dass wir bei Matija eine Kaufoption haben, die allerdings an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Wir sind bislang mit dem, was er abgeliefert hat, sehr zufrieden. Die Integration lief reibungslos. Er wurde von den Spielern und den Fans sofort aufgenommen und fühlt sich bei uns sehr wohl. Das Gute ist, dass wir im Vorfeld sowohl mit Manchester City als auch mit seinem Management und ihm schon alles ausverhandelt haben. Es wäre von großem Nachteil gewesen, dass, wenn er hier wie eine Bombe einschlägt, wir noch mit Manchester City verhandeln müssten. Dann hätten wir ein großes Problem.

Nastasic kostet Geld, Kirchhoff eventuell auch. Wird Schalke im Gegensatz zum letzten Sommer nun wieder mehr in die Mannschaft investieren – wie sähe das konkret aus?

Heldt: Wir legen bei uns großen Wert auf einen guten Mix. Wir fördern unsere Talente aus der Knappenschmiede und wollen unserem Kader gezielt durch externe Transfers Qualität hinzufügen. Nehmen wir doch zwei aktuell im Fokus stehende Beispiele: Timon Wellenreuther und Felix Platte haben beide Profiverträge erhalten. Die Verträge von Felix Platte und auch von Leroy Sane greifen ab Sommer, haben Gültigkeit bis 2017. Spieler aus der eigenen Jugend an das Profigeschäft heranzuführen, bleibt eine gezielte Strategie. Wir wollen aber auch in Zukunft konkurrenzfähig bleiben, das ist selbstverständlich nicht nur mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs zu leisten. Was für uns möglich ist, werden wir auch versuchen umzusetzen. Wir werden im Sommer investieren, um die Qualität hochzuhalten und uns zu verbessern. Wenn Sie schauen, was unsere Kontrahenten in der Vergangenheit gemacht haben, dann sind wir schon deshalb gezwungen, strategisch die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Zwei Spieler, die dabei genannt werden, sind Max Kruse von Borussia Mönchengladbach und Johannes Geis von Mainz 05.

Heldt: (grinst) Ich lese ja auch die Zeitung und natürlich ist es nicht im Verborgenen geblieben, dass Max Kruse eine Ausstiegsmöglichkeit in seinem Vertrag haben soll. Er ist aufgrund seiner Fähigkeiten sicher für viele Vereine interessant. Er ist ein sehr guter Kicker, ein deutscher Nationalspieler. Was ich Ihnen aber sagen kann, ist, dass es keine Gespräche mit ihm oder Verhandlungen mit Gladbach gibt. Wir haben keinen Kontakt miteinander.

Beschäftigen Sie sich mit Johannes Geis?

Heldt: Es ist völlig normal, sich die Bundesliga anzuschauen. Und wenn ein Spieler positiv auffällt, dann beschäftigt man sich zwangsläufig mit ihm. Man prüft und fragt sich: Wäre das jemand, der die eigene Mannschaft verstärken würde? Passt er in unser Anforderungsprofil? Ist der Spieler bezahlbar? Das sind normale Vorgänge. Natürlich bleibt es Schalke 04 nicht verborgen, dass Johannes Geis bei Mainz 05 einen guten Job macht. Er spielt dort über Wochen und Monate sehr verlässlich Fußball. Wir sind aber auch nicht die Einzigen, denen das aufgefallen ist. Wir beschäftigen uns mit dem Spieler, was allerdings nicht bedeutet, dass wir aufspringen und in Verhandlungen gehen wollen. Wie bei Kruse haben wir keinen Kontakt zu dem Spieler oder Mainz 05.

Wir haben schon über auslaufende Verträge gesprochen. Auch Ihr Kontrakt läuft nur noch bis zum Sommer nächsten Jahres. Haben Sie den Wunsch über 2016 hinaus beim FC Schalke 04 zu bleiben?

Heldt: Das ist natürlich ein Thema, was ich nur bedingt beeinflussen kann, diktieren schon gar nicht. Das entscheidet der Aufsichtsrat. Ich kann mir selbstverständlich eine Zukunft über 2016 hinaus beim FC Schalke 04 vorstellen. Wir haben uns weiterentwickelt und sind vorangekommen, das mache ich auch nicht an Titeln fest. Wir haben noch viel vor, zum Beispiel haben wir damit begonnen, das Vereinsgelände umzugestalten. Der Klub ist auch noch nicht entschuldet, daran arbeiten wir intensiv. Es gibt also viele Aufgaben, die ich weiter vorantreiben möchte. Ich fühle mich auf Schalke sehr wohl, deswegen kann ich mir eine weitere Zusammenarbeit – wie gesagt – sehr gut vorstellen.

Gibt es bereits einen Fahrplan?

Heldt: Noch nicht. Wir haben darüber auch noch gar nicht gesprochen, da es aktuell keine Notwendigkeit hat. Wenn sich der Aufsichtsrat das ebenfalls vorstellen kann, dann wird man mich kontaktieren und wir unterhalten uns darüber.

Anderes Thema, Herr Heldt. Die FIFA will die Dritteigentümerschaften bei Transferrechten an Spielern unter Strafe stellen. Portugals und Spaniens Ligen wollen dagegen vorgehen. Wie denken Sie als Manager eines deutschen Klubs darüber?

Heldt: Ich finde, dass das von der FIFA kolossal zu kurz gedacht und ein komplett falscher Weg ist. Davon würden in erster Linie nur die finanzstärksten Klubs profitieren. Was spricht denn dagegen, wenn zum Beispiel ein Zweitliga-Klub das von ihm ausgebildete Talent zu einem Bundesligisten abgibt und später im vertretbaren Maß an der Ablösesumme beteiligt ist, wenn der Bundesligist den Spieler für ein Vielfaches ins Ausland transferiert? Mit dieser Variante können abgebende und aufnehmende Klubs Transfers für beide Seiten akzeptabel gestalten. Wenn uns diese Möglichkeit genommen wird, kann das Auswirkungen auf die Zukunft der Vereine haben. Schalke 04 begrüßt dieses Vorhaben daher überhaupt nicht.

Wie bewerten Sie den TV-Deal der Premier League? Können Sie die Sorgen verstehen, die Engländer würden nun auf lange Sicht alles dominieren?

Heldt: Die Zentralvermarktung in der Bundesliga ist richtig und wichtig, damit der Wettbewerb spannend bleibt. Im internationalen Vergleich ist das aber in der Tat ein großes Problem. Der Tabellenerste der Bundesliga erhält 50 Millionen Euro, der Letzte in der Premier League kassiert um die 60 Millionen Pfund (ca. 82 Millionen Euro, Anm. d. Red.). Das wird Auswirkungen haben. Die absoluten Top-Spieler werden nicht zu einem Klub nach England wechseln, der nicht für die Champions League qualifiziert ist. Die werden weiterhin dort spielen, wo sie sich auch sportlich auf höchster Ebene messen und entsprechend verdienen können. Die Spieler, die von ihrer Qualität vielleicht eine oder zwei Kategorien darunter liegen, werden für Vereine aus der Bundesliga kaum mehr zu verpflichten sein, da sie sich gegen Konkurrenten wie zum Beispiel Stoke City finanziell nicht durchsetzen können. Da sehe ich viele Probleme auf die Vereine in Deutschland zukommen. Wir werden die Ronaldos oder Bales nicht zu Schalke holen können, aber in den Kategorien darunter müssen wir finanziell mithalten können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Exklusiv-Interview mit Schalkes Sportvorstand Horst Heldt wurde vor dem Derby geführt und gibt es hier bei Goal auch in sämtlichen Video-Ausschnitten.