Jovanovs HSV: Ist jetzt alles wieder gut?

Auf dem Spielfeld schreibt der HSV wieder positive Schlagzeilen, außerhalb des Feldes allerdings noch nicht. Heribert Bruchhagen soll Dietmar Beiersdorfer als Chef ablösen.

KOLUMNE

Das letzte Mal, als ich über einen Sieg des Hamburger SV in der Bundesliga geschrieben habe, ist fast sieben Monate her. Die Rothosen gewannen mit 3:1 beim FC Augsburg, einer Mannschaft,  die vorher ihren Klassenerhalt ausgelassen auf Mallorca feierte und das letzte Spiel nicht mehr ernst nahm. Der HSV sprang vom zwölften auf den zehnten Tabellenplatz, was die Verantwortlichen dazu verleitete, die Saison 2015 / 2016 als Erfolg zu verkaufen, obwohl sich der Verein mitten in der Planung der anstehenden Transferperiode von seinem Profifußballdirektor Peter Knäbel getrennt hat.

Seitdem lief beim HSV augenscheinlich ziemlich viel ziemlich schief. Und das Resultat ist bekannt: Nach zwölf Spieltagen der neuen Spielzeit gab es noch keinen einzigen Sieg zu verbuchen. Nicht einmal zuhause gegen die strauchelnden Werderaner aus Bremen. Der HSV war das schlechteste Team in ganz Europa. Damit ist es vorerst vorbei.

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Denn es gibt aus sportlicher Sicht tatsächlich wieder positive Nachrichten zu vermelden. Seit drei Spieltagen ist die Mannschaft von Markus Gisdol ungeschlagen, holte fünf Punkte, schoss sechs Tore und übergab die Rote Laterne an den FC Ingolstadt. Viele Gründe also, die im Kampf um den Klassenerhalt Hoffnung machen. Aber das ist nur eine Sicht der Dinge.

Die andere sind die kleinen Fortschritte auf dem Spielfeld. Zum Beispiel diese: der HSV erarbeitet sich wieder mehr Chancen; Nicolai Müller und Filip Kostic strahlen endlich Torgefahr aus; mit Michael Gregoritsch ist der richtige Stürmer für die Spielweise der Mannschaft gefunden; Matthias Ostrzolek und Gotoku Sakai machen ihre Sache im zentralen Mittelfeld gut; und sogar Lewis Holtby gefällt mir in einer offensiveren Rolle deutlich besser als noch vor Wochen.

Gisdols Maßnahmen greifen

Zudem ist an der Körpersprache der Spieler abzulesen, dass sie einerseits weniger Angst und andererseits wieder mehr Selbstbewusstsein haben, was in einer Phase großer Verunsicherung und zahlreicher Turbulenzen Wunder bewirken kann. Ja, Mannschaft und Trainerteam demonstrieren tatsächlich Geschlossenheit. Das macht Mut. Ihr seht: Für positive oder negative Nachrichten sorgt der HSV ganz allein.

"Die Medien", denen man in Zeiten wie diesen gerne eine Mitschuld an der Krise geben will, bilden in der Regel nur ab, was schon passiert ist. Und dazu gehört auch noch eine dritte Seite der Medaille. Denn die Frage muss bei allem berechtigten Jubel nach dem ersten Sieg lauten: Gegen wen und wie hat der HSV diese fünf Punkte geholt?

In Hoffenheim profitierte Gisdols Team von der schlechten Chancenverwertung des Gastgebers. Bis auf eine relativ kurze Phase in der ersten Halbzeit, in der der HSV so etwas wie Druck aufbauen konnte, war der Leistungsunterschied und die großen Defizite in der Verteidigung deutlich zu erkennen. Zuhause gegen Bremen startete der HSV fulminant mit einem schnellen Führungstor, um im weiteren Verlauf des Spiels zu beweisen, dass Werder insgesamt immer noch ein Tick gefährlicher ist und dem Sieg, gemessen an den Chancen, näher war als die Hamburger. Und das will bei genauerer Betrachtung der Lage von Werder schon etwas heißen.

Wer gegen die anfälligste Defensive der Liga nicht gewinnen kann, der kann eigentlich nur gegen ein Team gewinnen: gegen den SV Darmstadt. Warum? Weil die Darmstädter ähnlich schlecht verteidigen und viele Chancen zulassen, im Vergleich zu Werder aber über eine extrem harmlose Offensive verfügen. Die Fehler der Defensive kann die Offensive nicht ausbügeln.

Selbst die beiden Drittligisten Zwickau und Halle stellten den  HSV im DFB-Pokal vor größere Probleme. Die Frage, ob nach einem Sieg wieder alles gut ist und man ein wenig entspannter in die Zukunft blicken kann, muss demnach verneint werden. Zumal sich die Probleme auf der Führungsetage des HSV mit einem Sieg nach 13 Spielen nicht einfach in Luft auflösen.

Absagen wegen Bernhard Peters

Dietmar Beiersdorfer zum Beispiel, der seit Wochen (warum eigentlich erst seit Wochen?) massiv in der Kritik steht, trat gestern vor die Kameras und zeigte sich erneut besonders angriffslustig. "Wir sind auch manchmal geschockt von ihren Berichten", entgegnete er meinem Kollegen Jurek Rohrberg von Sky, dessen Vorbericht auf das Spiel in Darmstadt er vergangene Woche hupend beim Vorbeifahren zu stören versuchte.

Was nach einem kleinen Scherz klingt, ist in Wahrheit bitterer Ernst. Beiersdorfer fühlt sich unfair behandelt und falsch dargestellt - trotz seiner wahrlich alles andere als guten Bilanz in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Das machte er auch unter lautem Jubel der Anwesenden in einem Fantalk vor dem Spiel noch einmal deutlich.

"Man muss auch mal zu dem Punkt kommen, dass die Realität nicht immer das ist, was Sie berichten und morgen in den Zeitungen steht. Es gibt auch andere Realitäten", sagte Beiersdorfer, der sich anschließend über die Aussagen von Uli Stein bei Sky90 und die fehlende Intervention seitens des Moderators ärgerte. Stein behauptet von einem der vielen Kandidaten auf den Posten des Sportchefs erfahren zu haben, dass Nachwuchschef Bernhard Peters über Transfers mitentscheide.

Einige Kandidaten wie Horst Heldt oder Horst Hrubesch sagten auch meinen Infos nach unter anderem wegen der Konstellation mit Peters ab. Dass Peters allerdings tatsächlich über Transfers mitentscheiden soll, bezweifele ich. Fakt ist aber: Peters ist definitiv einer der letzten Verbündeten von Beiersdorfer.

Bruchhagen könnte interimsweise Vorstandsboss werden

Entscheidung gegen Beiersdorfer längst gefallen?

An seiner Position will er auf gar keinen Fall rütteln. Im Gegenteil. Nach Bruno Labbadias Entlassung ist Peters' Einfluss gestiegen. Mit dem ebenfalls in der Kritik stehenden Peters wollen die großen Fußballmanager des Landes aber nicht auf Augenhöhe über Entscheidungen diskutieren - und sich womöglich darauf einlassen, dass ihre eigene Stimme weniger Gewicht hat als seine. Beiersdorfer wiederum - so mein Eindruck - sind die vielen Absagen (die es eigentlich gar nicht gab?) sogar recht. Denn die Installation eines Sportchefs, auf die der Aufsichtsrat drängt, würde seine eigene Position beim HSV schwächen.

Doch der Aufsichtsrat muss Investor Klaus-Michael Kühne einen neuen Sportchef präsentieren, mit dem er die Transfers bespricht, da der Milliardär Beiersdorder das Vertrauen im Sommer mit der Hinzunahme zweier Berater, die inzwischen über alle Berge sind, ohnehin entzogen hat.

Oder will Kühne dem Mann, den er intern als führungsschwach bezeichnet, wieder 10 oder 20 Millionen für die nächste teure Shoppingtour zur Verfügung stellen? Welchen Sinn ergibt das? Natürlich gar keinen. Hier liegt also der zentrale Konflikt: Beiersdorfer will sich keinen Sportchef aufschwatzen lassen und stellt sich stur, während der Aufsichtsrat auf Veränderungen drängt. Diesen Machtkampf wird Beiersdorfer allerdings nicht gewinnen. Wenn er von "großem Rückhalt" vom Verein berichtet, kann er die Kontrolleure im Hintergrund nämlich nicht meinen.

Dass er neuerdings gelöster und angriffslustiger wirkt, könnte für die These sprechen, die ich und einige andere bereits vor Wochen aufgestellt haben: Die Entscheidung ist längst gegen ihn gefallen. Es wird nur auf den richtigen Zeitpunkt für seine Entlassung gewartet. Und diesen könnten die Räte bereits verpasst haben.

Denn was soll jemand wie Heribert Bruchhagen, mit dem seit geraumer Zeit intensive Gespräche geführt werden, Mitte oder Ende Dezember bewirken? Die Vorbereitungen auf die Wintertransferperiode, so heißt es immer wieder, beginnen ziemlich rasch nach dem Ende der Sommertransferperiode.

Bruchhagen und sein Team hätten extrem wenig Zeit, um an den Baustellen im Kader zu arbeiten. Der Aufsichtsrat ist mit seinem Zögern zum Wohle der "Ruhe im Verein" ein unkalkulierbares Risiko eingegangen. Ein lauter und ordentlicher Knall in der Führungsetage mitten in der Hinrunde wäre vermutlich besser gewesen.

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