Jovanovs HSV: Sind die wirklich noch zu retten?

Im Umfeld des Klubs herrscht mittlerweile Konsens über die Notwendigkeit eines Neuanfangs. Mehrere Gründe scheinen diesen allerdings zu blockieren.

KOLUMNE

Vor zwei Wochen stand an dieser Stelle mein persönlicher Lösungsansatz. Einer der fünf Punkte beinhaltete das Ende der engen Zusammenarbeit zwischen Klaus-Michael Kühne, Volker Struth und Reiner Calmund. Offenbar hat diese Kooperation nicht nur dem Hamburger SV geschadet, bedeutete sie doch die teilweise Aufgabe der Souveränität des Vorstandes, sondern auch Volker Struth, der innerhalb der Szene seinen Ruf aufs Spiel setzte und mit negativen Konsequenzen in der Beziehung zu anderen Klubs zu fürchten hatte. Dass das genau so eintreffen würde, hätte Struth bei gründlicher Überlegung ahnen müssen. Er tat es nicht und hat sich mit dieser kapitalen Fehleinschätzung ohnehin als Berater disqualifiziert. Zum Glück ist das Kapitel für alle Beteiligten jetzt vorbei.

Medien: Matthias Sammer wird umworben

Ein anderes Problem ist aber noch nicht gelöst. Kühne hat sich unter anderem deshalb auf die Expertise von Struth verlassen, weil er dem Vorstand ohne kompetente Beratung von außerhalb keinen weiteren Euro mehr zur Verfügung stellen wollte. Ehrlich gesagt kann ich diese Haltung nach den Fehlentscheidungen der letzten zwei Jahre vollkommen nachvollziehen. Nur gibt es aktuell keinen mehr, der Kühne eine Einschätzung zu Dietmar Beiersdorfers Personalvorschlägen geben kann. Auf die Einschätzung Beiersdorfers allein würde ich mich an Stelle von Kühne auch nicht verlassen. Ergo müsste Beiersdorfer durch einen neuen Vorstandsvorsitzenden ersetzt werden. Dazu wird es aber - Stand jetzt - nicht kommen.

Das Schiff allein ist nicht das Problem

"Es macht keinen Sinn, den Kapitän von Bord zu schicken im Sturm, wenn man den Eindruck hat, das Schiff läuft nicht mehr richtig. Man muss sich um das Schiff kümmern - und genau das machen Didi und ich jetzt", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gernandt kürzlich, nachdem er vorher davon gesprochen hatte, sportlich und in der Führung gehe es nicht mehr so weiter. Seine Schlussfolgerungen sind allerdings falsch: Das Schiff läuft deshalb nicht richtig, weil es von einem schlechten Kapitän gesteuert wird. Es ist naiv zu glauben, dass ausgerechnet derjenige, der sich vorher schon schlecht um das Schiff kümmerte, plötzlich die Lösung sein kann. Woher kommt also dieser Sinneswandel? Oder haben wir alle seine Sätze, die er auf Nachfrage nicht relativieren wollte, einfach missverstanden?

Der Hintergrund des Festhaltens an Beiersdorfer könnte ein anderer sein. Über die genauen finanziellen Zustände beim HSV, besonders über den tatsächlichen Inhalt der Vereinbarungen mit Kühne, wurden Fans, Mitglieder und die breite Öffentlichkeit im Unklaren gelassen. In mehreren Gesprächen mit Insidern wurde mir bestätigt, dass die finanzielle Lage ähnlich dramatische Züge angenommen hat wie vor der Ausgliederung, als zeitweise über eine Insolvenzverschleppung spekuliert worden war. Seit 2014 herrschen beim HSV im Hinblick auf die Informationspolitik jedoch nordkoreanische Verhältnisse - nicht zuletzt bestätigt mit der gekürzten Aufzeichnung der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Dortmund, als Markus Gisdol von überzogener Erwartungshaltung und Träumereien im und um den Verein gesprochen hatte.


Dietmar Beiersdorfer spielte in der Bundesliga unter anderem für den HSV und Werder Bremen

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Bei genauer Prüfung aller Geschäftsvorgänge, geschlossenen Vereinbarungen und beim Blick auf den finanziellen Status quo würde das tatsächliche Ausmaß der "Ära Beiersdorfer / Gernandt" offenbar werden und gleichzeitig verdeutlichen, dass der Aufsichtsrat seiner Kontrollfunktion nicht ausreichend nachgekommen und der HSV ein viel zu großes Risiko eingegangen ist. Und da Beiersdorfer Gernandts "Alleingang" so etwas wie seine favorisierte und durchgeboxte Lösung im Ausgliederungswahlkampf vor zwei Jahren gewesen ist, gibt es zwischen den beiden eine extrem enge Verknüpfung. Beiersdorfers Scheitern würde auch Gernandts Scheitern bedeuten.

Der HSV geht finanziell am Stock

Widerstand im Aufsichtsrat gegen diese wiederholten Alleingänge gibt es genug - schon von Beginn an (Stichwort Ehrenerklärung vor der Relegation gegen Karlsruhe). Nur eine Mehrheit für die Entlassung des Vorstandes gibt es noch nicht. Die  "Opposition" wird jedenfalls von Vereinspräsident Jens Meier angeführt, dem sich mindestens zwei weitere Räte (Bernd Bönte und Peter Nogly) in wichtigen Grundfragen über die Neuausrichtung angeschlossen haben. Auf der anderen Seite stehen Karl Gernandt, sein enger Vertrauter Felix Goedhardt und Dieter Becken. Letzterer gilt mittlerweile als "Wackelkandidat".

Doch selbst wenn sich eine Mehrheit für eine Entlassung des Vorstandes finden würde - ohne Kühnes finanzielle Hilfe bringt diese Maßnahme nichts. Allein für die Abfindungen von Labbadia, Beiersdorder und Marketing-Vorstand Hilke kämen grob geschätzte Kosten in Höhe von vier Millionen Euro auf den HSV zu. Woher soll der chronisch klamme Klub dieses Geld nehmen? Ein oder zwei neue Vorstände sowie ein Sportdirektor (für Christian Hochstätter soll der VfL Bochum mehr als eine Million verlangen) müssten auch noch gefunden und eingestellt werden. Und vielleicht muss der HSV demnächst mit mindestens einer weiteren Million planen, weil ich nicht glaube, dass Markus Gisdol diese Saison als Trainer übersteht. Seine Bilanz ist verheerend und jegliche Experimente auf dem Rasen sind gescheitert.

Ohne Kühne kein Neuanfang

Würde Kühne seine finanzielle Unterstützung also beenden, sind all die Gedankenspiele, die derzeit im HSV-Umfeld kreisen (außerordentliche Mitgliederversammlung, Abwahl des Präsidiums zur Abwahl des Aufsichtsrates) nur Makulatur. Nichtsdestotrotz scheint die Klubführung fest überzeugt davon, ein neuer Sportchef könnte jetzt der richtige Schachzug zur Besserung der Lage sein. Oder zumindest ein neuer Sündenbock, falls es schief geht. Aber was glauben die Verantwortlichen eigentlich, könnte ein neuer Sportchef aktuell bewirken? Ist Beiersdorfer wirklich so überfordert, dass er sich nicht ausreichend um die Betreuung des Profibereiches kümmern kann? Und wenn ja, war das nicht schon kurz nach der Entlassung von Peter Knäbel abzusehen? Warum musste hier also eine Baustelle aufgemacht werden, obwohl es nach einer als Erfolg verkauften Saison gar keinen Anlass dafür hätte geben können?

Dass sich der HSV etwa sechs Monate später bei der Suche nach einem Nachfolger nicht gerade professionell verhält, verdeutlicht übrigens die Notwendigkeit des von mir geforderten radikalen Umbruchs. Nur scheint dieser ohne Kühne einfach nicht umsetzbar zu sein. Und vielleicht käme er ohnehin schon viel zu spät. Eines ist für mich allerdings sicher: In der aktuellen Konstellation kann und wird keine erfolgreiche Wende möglich sein. Ich warte nur noch auf den Zeitpunkt, bis irgendjemand auf die Idee kommt, Bruno Labbadia zurückzuholen. Denn er war - in Verbindung mit Knäbel als engem Vertrauten an seiner Seite - der Einzige, der genügend Kraft und Stärke dafür versprühte.

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