Jovanovs HSV: Ein Lösungsansatz

Nur ein radikaler Schnitt auf der Ebene der Vereinsführung könnte die Chancen auf den Klassenerhalt erhöhen. Der Hamburger SV kommt nicht umhin, sich neu aufzustellen.

KOLUMNE

Mir geht's im Moment wie Rene Adler. Ich bin es leid, Woche für Woche sportliche und vereinspolitische Krisen zu analysieren und Antworten auf Fragen zu finden, die andere geben müssten. Dabei könnte ich es mir auch leicht machen, einen alten Text nehmen, die Namen austauschen und als neue Kolumne verkaufen - die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen sind immer dieselben geblieben. Jede Organisation, ob Unternehmen, Schulklasse oder Fußballverein, kann nur mit einer starken Führung und klaren Orientierung funktionieren. Und die hat der Hamburger SV nicht.

Spätestens jetzt sollte jedem im und außerhalb des Vereins bewusst sein, dass es in dieser Saison nur um den Nichtabstieg gehen kann. Um nichts anderes. Angesichts der aktuellen Verfassung der Mannschaft und der unübersichtlichen Zustände auf der Führungsetage zweifele ich allerdings sehr stark daran. Es wird eine riesige Portion Glück vonnöten sein, will der HSV seinem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte aus dem Weg gehen. Warum es überhaupt so weit kommen konnte, habe ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren seit der großen Revolution im Sommer 2014 Woche für Woche dokumentiert.

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Für das jüngste Beben auf allen Ebenen hat nicht nur der desolate Auftritt der Mannschaft beim 0:3 gegen Eintracht Frankfurt gesorgt, sondern auch ein Statement des ansonsten unsichtbar gewordenen (das ist auch gut so) Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Gernandt. Über die vereinseigene Homepage zählt er die ohnehin schon verunsicherten Spieler an: "Wir als HSV haben uns zu einer einheitlichen Wertestruktur bekannt, wollen für Geschlossenheit und Stärke stehen, aber davon ist auf dem Platz nichts zu sehen gewesen. [...] Wer jetzt sein Verhalten nicht komplett in den Dienst unseres HSV stellt, der spielt leichtfertig mit den Werten unseres HSV." Starke Worte, aber inwiefern sind Aufsichtsrat und Vorstand beim Vorleben dieser "Wertestruktur" (ist tatsächlich das Leitbild gemeint?) denn Vorbilder? Sind sie es nicht, die diese Werte selbst schon mehrfach mit Füßen getreten haben?

Es ist richtig, die Spieler und ihre Wohlfühloase infrage zu stellen. Andererseits muss dieses Infragestellen auch beinhalten, wer für die Existenz dieser Wohlfühloase verantwortlich ist. Und die Spieler sind es definitiv nicht, sie machen nur von ihr Gebrauch. Ist es nicht der Vorstand, der mit seinem Auftreten die Mentalität des Scheiterns, Versagens und Zurückziehens vorlebt? Wenn ja, wie kann man dann Führungsstärke und Verantwortungsbewusstsein von völlig panischen, zum Teil sehr jungen Männern auf dem Platz erwarten? Der Trainerwechsel hat ihnen den letzten Funken Orientierung geraubt, ist es Markus Gisdol in den vergangenen Wochen nämlich nicht gelungen, auf alte Fragen neue Lösungen zu finden. Im Gegenteil. Und in der Zwischenzeit ist selbst das verloren gegangen, was Bruno Labbadia ihnen eingeimpft hatte: Geschlossenheit und Stabilität.

Hinzu kommt, dass Gernandt sich nach seinem Statement auf der Vereinshomepage zu einer weiteren Aussage in der Bild-Zeitung genötigt sah, weil er offenbar realisierte, wie schnell der Wind sich in seine eigene Richtung dreht. "Es geht sportlich und in der Führung nicht mehr so weiter", kündigt der Aufsichtsratsvorsitzende an, womit er gleichzeitig die Demontage Dietmar Beiersdorfers eingeleitet hat. Deshalb ist für mich schon jetzt klar: Dieses dunkle Kapitel der Vereinsgeschichte ist bald vorbei. Alles andere als eine zeitige Entlassung würde auch keinen Sinn ergeben. Mit einer "Lame Duck" an der Spitze des Vereins lässt sich dieser Abstiegskampf sicher nicht gewinnen. Aus meiner Sicht muss der HSV in den nächsten Tagen und Wochen folgende Konsequenzen ziehen:

  1. Dietmar Beiersdorfer muss von seinen Aufgaben entbunden werden. Der 52-Jährige ist beim HSV gnadenlos gescheitert. Er hat weder für eine sportliche noch für eine finanzielle Wende gesorgt. Stattdessen droht dem Verein wieder einmal ein bitterer Kampf um die Existenz, während der Trümmerhaufen, den er hinterlässt, auf finanzieller Ebene mindestens genau so groß ist. Beiersdorfer hat "All-In" gespielt und alles dabei verloren. Der HSV steckt in der totalen Abhängigkeit und sollte es auf die Frage, ob es einen Plan gibt, wie der Verein überleben kann, falls Kühne seine Investitionen einstellt und auf Rückzahlung seiner Darlehen besteht, keine positive Antwort geben, dürfte klar sein, was Beiersdorfer in den vergangenen zweieinhalb Jahren wirklich angerichtet hat.
  2. Anknüpfend an Punkt 1 braucht der HSV natürlich einen neuen Vorsitzenden. Bei dieser Gelegenheit darf auch gerne ein neuer Marketingvorstand installiert werden. Oder sie verzichten auf den Vorstandsposten Marketing, dessen Aufgaben künftig der Vorsitzende übernimmt, und bestellen einen neuen Vorstand Sport, der sich um alle Belange rund um das Thema Profifußball kümmert. Der neue Vorsitzende des Vorstandes sollte nach Möglichkeiten keinen "Stallgeruch" haben, denn im HSV stinkt es bereits gewaltig. Ich würde eine Person aus der Wirtschaft bevorzugen, die führungsstark, rhetorisch begabt und alle Aufgaben vor allem unvorbelastet antreten kann. Auf der Ebene des Sports könnte Nico Hoogma eine Lösung sein. Ob es die beste ist, muss der Aufsichtsrat entscheiden. Ich halte zwar überhaupt nichts von Rückholaktionen, aber sollte den Räten überhaupt kein geeigneter Kandidat einfallen, könnten sie sich ja bei Herrn Frank Arnesen melden. In der Nachbetrachtung war einer der besten Sportchefs, die dieser Verein hatte. Seine öffentliche Bewertung entsprach in keinster Weise seiner tatsächlichen Leistung.
  3. Wenn Herr Kühne eines aus den vergangenen Wochen gelernt haben dürfte, dann, dass er sich mit Reiner Calmund und Volker Struth keinen guten Beratern anvertraut hat. Speziell Letzterer ist für die Transferpolitik teilweise mitverantwortlich. Diese Konstellation schadet dem HSV, sorgt für erhebliche Nachteile und sehr großen Unmut auf dem Transfermarkt. Sollte Herr Kühne sich nicht vorwerfen lassen wollen, nicht alles für einen Klassenerhalt getan zu haben, muss er dem neuen Vorstand weitere Millionen für die Verstärkung des zentral-defensiven Mannschaftsbereiches zur Verfügung stellen. Und ihnen Vertrauen entgegenbringen.
  4. Alle müssen sich öffentlich vor die Mannschaft stellen! Was bringt es, die verunsicherten Spieler zum Abschuss freizugeben? Man kann ihnen sicher viele Dinge vorwerfen, allerdings halte ich überhaupt nichts davon, ihnen Moral, Wille und Anstand abzusprechen. Nein, sie können es im Moment einfach nicht besser und sind in letzter Konsequenz ein Produkt des Missmanagements.
  5. Der letzte Punkt ist zeitgleich der komplizierteste. Ist Markus Gisdol der richtige Trainer in dieser Situation? Oder ist er bereits geschwächt, weil Beiersdorfer ihm nur einen Vertrag bis Saisonende bot und im Hintergrund an einer größeren Lösung für die kommende Saison arbeitet? Fakt ist: Von außen betrachtet passt es nicht. Gisdols Maßnahme, Alen Halilovic für das Pokalspiel in Halle nicht zu nominieren, wirkt wie ein Affront gegen Vorstand und Aufsichtsrat, die die Berücksichtigung des Kroaten bereits unter Bruno Labbadia forderten. Sollte auch auf dieser Ebene schon Porzellan zerbrochen worden sein, macht es die Aufgabe für Gisdol extrem schwierig. Eine abschließende Bewertung müsste jedoch der neue Sportvorstand bzw. Sportdirektor vornehmen.

Eine Garantie für Erfolg geben diese Punkte nicht. Sie sind meine persönlichen Schlussfolgerungen, von denen ich glaube, sie könnten die Chance auf den Klassenerhalt zumindest erhöhen. Eines ist jedenfalls klar: So, wie es jetzt läuft, darf es auf keinen Fall weiter gehen.

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