News Spiele

Jovanovs HSV: Transparenz geht anders

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Eines muss man Dietmar Beiersdorfer wirklich lassen: Der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV nahm sich auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag viel Zeit, um den knapp 300 Anwesenden - ein bedenklicher Tiefstwert - Bericht zu erstatten. Er sprach über die Ergebnisse der Bundesligamannschaft, Veränderungen im Kader, die Entwicklung im Nachwuchs, den HSV-Campus, neue Trainingsplätze, Finanzen, Ehrenkarten, Investoren, Marketing-Aktivitäten, TV-Gelder, Pyrotechnik, den neuen Bierpartner, den Leitbildprozess und zu guter Letzt über die vertrauliche Zusammenarbeit zwischen Vorstand, Aufsichtsrat, Präsidium und allen weiteren Gremien innerhalb des HSV. Ja, es gab wirklich kein Thema, das Beiersdorfer ausließ.

Der 52-Jährige war bemüht, den durchaus schwierigen Balanceakt zu meistern, die Mitglieder einerseits vom Weg des HSV zu überzeugen, auf der anderen Seite aber nicht zu leugnen, dass er mit vielen Entwicklungen nicht zufrieden ist. Besonders die finanzielle Situationen sorgt für reichlich Gesprächsstoff, zumal der HSV, anders als bisher, noch keine vollständige Bilanz veröffentlicht hat. Um den Mitgliedern ihre Sorgen zu nehmen, feilten die Klubbosse lange an einer Strategie, um das Rekordminus von 16,9 Millionen Euro zu relativieren. Deshalb wurden einige positive, aber im Grunde nichtssagende Kennzahlen (Umsatzzuwachs, gestiegenes EBITDA) beigemischt, in der Hoffnung, Fans und Mitglieder würden sich damit vorerst zufrieden geben.

Ohne Investoren geht nichts

Unterstützt wurde Beiersdorfer vom Aufsichtsratvorsitzenden Karl Gernandt, der in einer deutlich kürzeren Rede bekräftigte, dass der HSV auf dem richtigen Weg sei. "Das Konzernergebnis der AG von fast 17 Millionen Euro Minus ist isoliert betrachtet nicht akzeptabel. Wir haben die finanzielle Krise noch nicht überwunden. Aber wir haben sie im Griff”, sagte er. Hin und wieder ließen seine Ausführungen allerdings erahnen, dass die Sorgen einiger Mitglieder ihre Berechtigung haben: "Wir brauchen finanzstarke Partner und Investoren. Alleine schaffen wir das nicht." Trotz vollmundiger Versprechen zu Beginn seiner Amtszeit ist es Gernandt bis heute nicht gelungen, einen solchen "strategischen Partner" zu präsentieren.

Stattdessen verkauften die Verantwortlichen Anteile der Fußball AG an den Agrar-Unternehmer Helmut Bohnhorst (vier Millionen für 1,5 %) und Ex-Weinhändler Alexander Margaritoff (zwei Millionen für 0,75 %) zur Sicherung der Liquidität. Zugeben würde das öffentlich aber niemand. Doch nachdem Beiersdorfer, Gernandt und vorher Vereinspräsident Jens Meier mit ihren Reden fertig waren, sich artig bei fast allen Mitarbeitern und Gremien persönlich für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bedankten, hätten die Anwesenden den Saal zufrieden verlassen können.

Während frühere Vorstände und Aufsichtsräte für ein Rekordminus und der Ankündigung, auch im aktuellen Geschäftsjahr ein negatives Ergebnis zu erzielen, wahrscheinlich aus dem Saal geprügelt worden wären, erhielten Beiersdorfer und Gernandt Applaus. Dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, ist allerdings nicht ihre Schuld, sondern tatsächlich die der Vorgänger. Denn die hatten über Jahre hinweg sehr akribisch an ihrem schlechten Image gearbeitet.

Ganz so einfach, wie Beiersdorfer und Gernandt sich das vielleicht gewünscht hätten, kamen sie aus der Sache aber nicht raus. Immerhin zwei der drei Redner hatten noch einige Fragen, die kritischsten stellte Dr. Konstantin Rogalla. "Dann ist ja alles gut", begann das langjährige Mitglied, das auf nahezu jeder Versammlung mit pointierten Reden zu gefallen weiß, seine Ausführungen. Rogalla kritisierte die Aufklärung der Rucksackaffäre um Peter Knäbel, die damit verbundene Prüfung durch eine Wirtschaftskanzlei mit Kosten in Höhe von 100.000 Euro, die Beauftragung einer Kommunikationsagentur bei gleichzeitiger Beschäftigung von etwa 15 Mitarbeitern in der Medienabteilung sowie die Beauftragung einer Agentur namens "Match IQ" zur Durchführung und Organisation von Trainingslagern und Freundschaftsspielen.

Details sorgten für Nachfragen

"Der HSV beschäftigt mit Tochtergesellschaften round about 250 bis 300 Mitarbeiter, aber für Reisen ins Trainingslager ist eine Agentur eingebunden worden. Grundhonorar wieder etwa 100.000 Euro. Sagen Sie uns doch, welche Einsparungen dadurch generiert werden?", wollte Rogalla wissen, und ergänzte: "Ungut ist bei dieser ganzen Geschichte noch, dass ein ehemaliger HSV-Mitarbeiter diese Agentur betreibt. Aus diesem Grunde habe der ehemalige Aufsichtsrat auch kritische Nachfragen gestellt. Da Sie, Herr Meier, diesem Aufsichtsrat zu diesem Zeitpunkt angehörten, sagen Sie uns doch, was es damals zu kritisieren gab." Meier, mittlerweile Präsident des HSV e.V. und Mitglied des neuen Aufsichtsrates, äußerte sich dazu nicht.

Die Kooperation mit Match IQ, von der die breite Öffentlichkeit erst vergangene Woche dank eines Berichtes im Hamburger Abendblatt erfuhr, ist beim HSV intern schon sehr lange ein Thema. Die Hamburger Agentur zählt laut eigener Aussage mehr als 20 Profiklubs aus Deutschland und neuerdings auch Chelsea und Manchester City zu ihren Kunden. Der Geschäftsführer ist tatsächlich ein ehemaliger HSV-Mitarbeiter: Nicholas MacGowan. Marketingvorstand Joachim Hilke engagierte seinen Ex-Sportfive-Kollegen, der als "Senior Director Football Friendly Matches" bereits Erfahrungen bei der Vermittlung von Freundschaftsspielen sammelte, im August 2011 als Bereichsleiter Business Management und Commercial Director für die Rothosen.

Als solcher verantwortete er beispielsweise die Organisation des Freundschaftsspiels anlässlich des 125-jährigen Vereinsjubiläums gegen den FC Barcelona im Juli 2012, die Teilnahme am Peace Cup in Südkorea und die Zusammenarbeit mit einem Trainingscamp in Abu Dhabi, was bekanntlich beim in Dubai beheimateten Hauptsponsor Emirates für Unmut sorgte. Zwischen beiden Emiraten herrscht eine nicht zu unterschätzende Rivalität. Um die Trainingslager hatte sich bis dahin übrigens Klubmanager und Europapokalheld Bernd Wehmeyer gekümmert, Hilke wollte die Verantwortung dafür MacGowan allein übertragen.

Eine für alle Seiten zufrieden stellende Lösung war allerdings nicht herbeizuführen, sodass MacGowan den HSV Mitte 2013 verließ und sich mit Match IQ selbstständig machte. Soweit so gut. Doch als die damaligen Aufsichtsräte eher zufällig Details über die Zusammenarbeit mit MacGowans Agentur erfuhren, fragten sie beim Vorstand nach.

Auch Hilke stand vor der Entlassung

Die noch junge Agentur sollte ein jährliches Grundhonorar kassieren, ihre Einnahmen durch Provisionen, die bis zu einer Höhe von 120.000 Euro gedeckelt waren, aber deutlich aufbessern können. Match IQ bekam 10 Prozent der "Nettoersparnis" bei der Organisation eines Trainingslagers sowie 10 Prozent des "Nettogewinns" bei der Vermittlung eines Freundschaftsspiels. Klingt nach einem vernünftigen Deal. Doch die hohe Spesenpauschale pro Tag in Höhe von 1800 Euro für die Geschäftsführer machte die Kontrolleure stutzig. Was rechtfertigt eine so hohe Pauschale? Wie oft und in welchen Fällen kann sie in Rechnung gestellt werden? Und wie hoch ist die tatsächliche Ersparnis im Vergleich zu einem selbstständig durchgeführten Trainingslager? Angesichts der finanziellen Lage waren das berechtigte Überlegungen.

Die Pauschale war aber nicht der einzige Grund, der zu Nachfragen beim Vorstand geführt hat. Denn auch die Verbindung zwischen Marketingvorstand Hilke und Match IQ sollte durchleuchtet werden. Neben Ex-HSV-Direktor MacGowan sind mit Ex-Sportfive-Mitarbeiter Henning Rießelmann und der von Kai Flint geführten "Flint Vermögensverwaltungs GmbH" drei alte Vertraute an der am 26. April 2013 gegründeten Match IQ GmbH beteiligt. Flint und Hilke kennen sich vom gemeinsamen Golfspielen. Die vom Aufsichtsrat angeregte Prüfung hat aber nie zu einem abschließenden Ergebnis geführt, da die Kontrolleure in der Öffentlichkeit extrem in der Kritik standen und zudem die Diskussion über eine Ausgliederung des Profifußballs tobte.

Hilke, der die Revolution von innen heraus antrieb und sich auf der Versammlung im Januar 2014 klar pro Veränderungen und somit gegen den Rat positionierte, stand nur wenige Wochen danach nicht zum ersten Mal vor dem Rausschmiss. Die Kontrolleure verhandelten mit Felix Magath, doch die Verhandlungen platzten und die Hälfte des Aufsichtsrates trat anschließend zurück. Übrig geblieben war zum Beispiel Jens Meier, an den Rogalla am vergangenen Sonntag seine Fragen richtete. Aus dem Abendblatt hatte man ja erfahren, dass sich die Konditionen für Match IQ im Vergleich zu 2013 offenbar verändert hatten. Die Rede war von einer Pauschalvergütung, einer sogenannten Flatrate in Höhe von 100.000 Euro pro Jahr. Für das Know-How. Von Provisionen stand da nichts.

Geschlossenheit ist alles

Deshalb habe auch ich angefragt: beim HSV, bei Match IQ und beim Präsidenten Jens Meier. Wie hoch ist die Ersparnis? Warum organisiert der HSV seine Trainingslager und Freundschaftsspiele nicht selbst? Was ist mit den Spesen? Warum hakte der Aufsichtsrat nach? Darauf hätte es plausible Antworten geben können. Die gab es aber nicht. Der HSV wollte zu wirtschaftlichen Rahmendaten keine Auskünfte geben, Match IQ verwies auf den HSV und Jens Meier auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Gernandt, der auf der Versammlung am Sonntag nur grundsätzlich feststellte: "Wir wollen transparent sein, aber nicht jeden Kleinkram diskutieren." Die Anregungen würde er aber gerne in die internen Diskussionen aufnehmen und bat gleichzeitig um einen Vertrauensvorschuss. Die Fragen zu den Agenturen, nicht nur zu Match IQ, hatte er so erfolgreich abgebügelt.

Viele Mitglieder monieren nun zurecht, dass Transparenz anders geht. Um Kleinkram handelt es sich bei den Fragen auch nicht - vor allem in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage. Aber seit der Revolution im Mai 2014 gilt beim HSV etwas, was es vorher in dieser Form nicht gegeben hat: Geschlossenheit ist alles! Zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Präsidium passt nach außen kein Blatt Papier. Das kann man gut finden. Weniger gut ist der Umstand, dass kritische Mitglieder zu Schwarzmalern und Dauerkritikern stigmatisiert werden. Warf man dem ehemaligen "Supporters Club-Regime" vor, alle, die ihrem Weg nicht blind folgten, sukzessive an den Rand drängen zu wollen, bedient man sich heute der selben Methodik. Das ist eine Form der Machterhaltung. Aber eine äußerst fragwürdige.

Bleib am Ball und folge Daniel Jovanov auf Facebook   und Twitter !