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Jovanovs HSV: Das Überraschungsteam der Bundesliga

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Wer hätte das vor dieser Saison gedacht? Der Hamburger SV, der einstige Krisen-HSV, steht nach 14 Spieltagen auf dem siebten Rang, 21 Punkte im Gepäck, mehr Siege als Niederlagen bei einer fast ausgeglichenen Tordifferenz. Ich jedenfalls hätte das nicht für möglich gehalten. Nun bin ich ob der vergangenen Jahre durchaus skeptischer als viele andere. Aber selbst die größten Optimisten hätten dem HSV diese Entwicklung nicht zugetraut. Nicht ohne Grund. Der Saisonstart gab keinen Anlass für Optimismus.

Doch Bruno Labbadia ist es gelungen, viele wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt einzufahren. Nur darum geht es. Begünstigt durch den Spielplan, da der HSV einige Gegner offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt erwischte; erzwungen durch einen jahrelang vermissten Teamgeist, den Labbadia in kurzer Zeit wecken konnte. Denn der Trainer steht für das, was dem Verein jahrelang gefehlt hat: Er ist authentisch, sein Auftritt ist selbstbewusst, die Mannschaftsführung ist von Loyalität und Vertrauen geprägt, und zu allem Überfluss versteht er, was dieses Team in der aktuellen Phase braucht.

Schaut man sich nämlich die beiden letzten Siege genauer an, wird deutlich, was den HSV im Spätherbst 2015 ausmacht: Aus einer defensiven Grundordnung heraus, in der jeder Spieler entsprechend viele Defensivaufgaben zu bewältigen hat, setzt Labbadia auf das probate Mittel, die Schnelligkeit seiner Spieler zu nutzen und den Gegner auszukontern. Zwei Tore hat der HSV so gegen Dortmund erzwungen, zwei weitere in Bremen. Hinzu kommt das nötige Glück bei Standardsituationen. Ein ehemaliger Weltmeister prägte einst den Satz: "Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß." Genau so verhält es sich aber auch im umgekehrten Fall. Wenn's läuft, dann läuft's halt.

Selbstironie bei den Fans?

Viele Fans sehen sich nach den beiden Siegen bestätigt, dass der Weg des HSV der richtige ist. Und werfen mir gleichzeitig vor, die sportliche Entwicklung des HSV viel zu negativ zu sehen. Dabei richtete sich meine Kritik weniger an die sportliche Entwicklung als an die Entwicklung außerhalb des Platzes. Zwei oder drei Siege in Folge machen die Fehler im Management nicht ungeschehen, auch wenn die entsprechend euphorische Berichterstattung vieles kurzzeitig vergessen lässt.

Beide Bereiche müssen getrennt voneinander betrachtet und beurteilt werden, obwohl sie in großer Abhängigkeit zueinander stehen. Denn eine gute Saisonplatzierung in diesem Jahr ist nicht viel wert, wenn die Kasse aufgrund einiger Fehlentscheidungen aus der vergangenen Saison leer ist und die besten Spieler verkauft werden müssen. Offensichtlich ist aber der Glaube verbreitet, dass eine gute Saisonplatzierung automatisch steigende Einnahmen bedeutet, wodurch sich der HSV sanieren kann.

Das mit den steigenden Einnahmen ist nicht falsch, nur sind diese viel zu gering, als dass sie grundlegende Verbesserungen darstellen würden. Erst in einem internationalen Wettbewerb könnte der HSV richtig Geld verdienen. Wahrscheinlich müsste es aber schon die Champions League sein, da sich die Europa League aufgrund der deutlich geringeren Prämien sowie der hohen Kaderkosten erst im Achtel- oder Viertelfinale lohnen würde.

Ich unterstelle den mitgereisten Fans in Bremen jedenfalls, dass ihre "Europapokal"-Gesänge nicht ernst, sondern vielmehr selbstironisch gemeint waren. Sie müssen zudem bedenken, dass die Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb sogar eine riesige Gefahr darstellen könnte, weil der Kader des HSV dafür nicht ausgerichtet und für Neuverpflichtungen kaum bis gar kein Geld vorhanden wäre.


Joachim Hilke erntete für seinen Vorschlag, Bundesliga-Spiele im Ausland auszutragen, viel Kritik

Hilke fordert neuen Verteilerschlüssel

Die Erfahrungswerte belegen, dass Klubs, die infolge eines perfekten Saisonverlaufs in einen internationalen Wettbewerb rutschen, aber alles andere als regelmäßig im Drei-Tages-Rhythmus im Einsatz sind, infolge der zusätzlichen und bisher unbekannten Belastung und des größeren Drucks Probleme bekommen. In dieser Saison ist das sehr gut am Beispiel Augsburg zu sehen. Weitere Beispiele aus der Vergangenheit unterstützen diese These. Hier wird auch das Dilemma des HSV deutlich: Finanziell müssten sie, sportlich könnten sie diesen Wettbewerb wohl kaum unbeschadet überstehen. Klar ist aber, dass der HSV aktuell von einem internationalen Wettbewerb weder zu reden noch zu träumen braucht.

Während die einen Europa allerdings als langfristiges Ziel sehen, denken andere in völlig neuen Dimensionen. Der eher im Hintergrund agierende Marketingvorstand Joachim Hilke machte in der vergangenen Woche mit einem Interview auf sich aufmerksam, in dem es hauptsächlich um die Verteilung der Erlöse aus der Vermarktung der TV-Rechte in der Bundesliga geht. Sein Vorschlag: "Bei der Verteilung muss die Nachfrage nach den einzelnen Klubs deutlich mehr ins Gewicht fallen. Die tatsächliche Nachfrage kann man zum Beispiel wunderbar an den Einschaltquoten festmachen. Wer mehr gesehen wird, bekommt auch mehr."

Das klingt logisch. Doch dahinter verbirgt sich der Versuch, die eigenen finanziellen Probleme indirekt auf die Solidargemeinschaft zu schieben. Die Botschaft: Weil wir mit den vielen kleinen Klubs in der Bundesliga teilen, fehlt uns am Ende das Geld. Schließlich ist der HSV nun mal der HSV. Protzen statt kleckern war und ist die Devise der Vereinsführung, die viel für wenig Leistung bezahlt. Um sich weiterhin Luxus erlauben zu können, braucht der HSV also mehr Geld. Und weil sich viel mehr Leute für den HSV als für Hoffenheim, Leverkusen, Ingolstadt oder Wolfsburg interessieren, will Hilke ein größeres Stück vom Kuchen abhaben. Das finden die HSV-Fans natürlich richtig.

Aber er hat noch weitere Vorschläge gemacht, die die HSV-Fans alles andere als richtig finden: "Wir werden irgendwann sicherlich auch nicht an der Diskussion vorbei kommen, ob wir offizielle Liga-Spiele in z.B. Asien austragen wollen, um die Ernsthaftigkeit bei der Weiterentwicklung des internationalen Geschäfts zu unterstreichen. "Darmstadt gegen HSV in Shanghai" klingt erst einmal verrückt und wirkt treulos den heimischen Fans gegenüber. Diese Überlegungen sind jedoch alles andere als neu und nur Ausdruck einer konsequenten Entwicklung", sagte Hilke, und bekam dafür von nahezu allen Seiten Gegenwind.

Wie sagt man Derbysieg auf Chinesisch?

Der Marketingvorstand scheint derweil vergessen zu haben, welches Desaster er bei der Indonesien-Reise im Januar 2014 zu verantworten hatte. Mediziner und Sportwissenschaftler sind sich weitestgehend einig darüber, dass lange Reisen in unterschiedliche Zeit- und Klimazonen für Spitzensportler Gift sind. Gegner dieser These argumentieren mit der amerikanischen Football-Liga NFL, die in dieser Saison drei Spiele im Londoner Wembley-Stadion austrägt. Wenn man Äpfel und Birnen gleichsetzt, dann mag diese Gleichung aufgehen.

Jede Sportart und ihre Besonderheiten der physischen und psychischen Belastung sind jedoch individuell zu betrachten. Zudem funktioniert die NFL anders als die Bundesliga. Die Amerikaner kennen kein Auf- und Absteigen, der gesamte Sport ist eine einzige Werbeplattform für Unternehmen. Die grundsätzliche Frage lautet daher: Wollen wir den Fußball, wie wir ihn kennen und schätzen, zugunsten höherer Einnahmen komplett aufgeben? Immerhin ist der HSV beim Thema Kommerzialisierung schon viel weiter als andere Klubs.

Ich befürchte, dass Hilke sich mit diesem Vorschlag keinen Gefallen getan hat. Wer einen Fußballklub wie den HSV rein aus der Vermarktungsperspektive betrachtet, und das hat Hilke bei einigen Projekten wie der Rückkehr von van der Vaart oder dem Campus mehrfach getan, führt ihn genau dahin, wo er im vergangenen Sommer stand.

Erst auf einer soliden Basis sind Überlegungen in alle möglichen Richtungen sinnvoll. Nur dürfen die Verantwortlichen den Eventbogen nicht überspannen. Denn ein Teil des Markenkerns der Bundesliga ist die Fankultur, die die Marketingfachleute mit ihrem Ziel, möglichst mehr Geld reinzuholen, immer weiter aus den Stadien verbannen. Trotz allem hindert Hilke nichts daran, schon jetzt vorsorglich herauszufinden, wie man Nord-Derby und Derbysieger auf Chinesisch sagt. Vielleicht wird er die Übersetzung eines Tages wirklich brauchen.

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