Jovanovs HSV: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel

Tabellarisch stehen die Hamburger genau da, wo sie hingehören: im Mittelfeld der Tabelle. Für ganz unten noch zu effektiv, für oben einfach nicht gut genug.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Ist Langeweile ein Fortschritt oder nicht? Viele Beobachter des Hamburger SV beschleicht seit Wochen das Gefühl, der Verein werde zunehmend uninteressant. Das lässt sich zwar nicht so einfach messen, einige Indizien sprechen aber dafür: Klickzahlen, Kommentare oder immer weniger Journalisten und Kamerateams vor Ort. Nachdem der HSV viele Geschichten selbst produziert und damit für jede Menge Aufregung gesorgt hat, liegt zur Zeit nicht viel herum, was das Interesse der breiten Masse weckt. Nicht einmal die Rucksack-Geschichte, in die wohl auch Sportdirektor Bernhard Peters involviert sein soll. Genauer genommen seine Dokumente.

Das Desinteresse am HSV ist mit Sicherheit ein Resultat der vergangenen zwei Jahre, in denen der gesamte Verein viel zu lange mit sich selbst beschäftigt war, statt sich wichtigerer Dinge anzunehmen. Dass das Volksparkstadion trotzdem gut besucht ist, widerspricht der ursprünglichen These dabei nicht. Vielmehr sind die guten Zuschauerzahlen mit der Gewohnheit der Fans zu begründen. Sie kennen es seit Jahren nicht anders; am Wochenende geht's zum Fußball. Außerdem: Wo sollen sie sonst hin, wenn sie Bundesligafußball im Stadion sehen wollen? Zum FC St. Pauli? Zu Werder? Sicher nicht. Zu Hannover 96? Da läuft es doch auch nicht besser.

Eine Frage der Perspektive

Es bleibt somit nur der HSV, bei dem sie gute Freunde und alte Bekannte auf ein Bier und eine Wurst treffen können, während "nebenbei" tatsächlich auch noch Fußball zu sehen ist. Schon seit Jahren keiner auf hohem Niveau, aber immerhin wird noch gekickt. Was sich sonst rund um den Verein abspielt, bekommen viele nur beiläufig oder überhaupt nicht mehr mit.

Wer sich allerdings nur noch am Rande mit dem HSV beschäftigt, wird es schwer haben, Zusammenhänge zu erkennen und die Dinge richtig einzuordnen. Das führt nicht selten zu großen Unterschieden zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Ich als Schreiber und Kolumnist erlebe dies nun seit mehr als einem Jahr. Die Wahl von HSVPlus war der Startschuss dafür, die Füße hoch zu legen und geduldig miteinander zu sein. Werden bestimmte Sätze nur häufig genug wiederholt, geht diese Einstellung in Fleisch und Blut über.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Ist Langeweile denn nun ein Fortschritt? Wie immer hängt die Beantwortung der Frage vom Blickwinkel des Betrachters ab. Leidgeprüfte HSVler, die nicht mehr so genau hinsehen wollen, empfinden den aktuellen Zustand des Klubs durchaus als Fortschritt. Ausgehend von der Theorie, dass ein paar Herren und eine Dame, die sich immer wieder in einem noblen Hotel im Zentrum Hamburgs zu höchst diskreten Gesprächen verabredeten, einen so großen Trümmerhaufen hinterlassen haben, dass es Jahre oder Jahrzehnte dauern wird, bis auch der letzte Dreck weggefegt wurde. Schenkt man dieser Theorie uneingeschränkt seinen Glauben, ist das Grundproblem gelöst und alles andere nur noch eine Frage der Zeit. Für den Rest gilt das nicht.

Schauen wir uns dazu beispielsweise die bisherigen Ergebnisse an. Der HSV steht nach zwölf Spieltagen auf Platz elf, hat 15 Punkte gesammelt, 11 Tore geschossen und 16 kassiert. Im Vergleich zur Vorsaison steht das Team von Bruno Labbadia somit drei Punkte und fünf Tore besser sowie zwei Gegentore schlechter da. Kann man damit zufrieden sein? Man könnte. Hätte der HSV auf dem Transfermarkt nicht über 50, sondern nur zehn Millionen Euro ausgegeben, wäre das zwar kein gutes, aber ein durchaus akzeptables Ergebnis gewesen. Während der VfB Stuttgart und Werder Bremen, zwei Traditionsklubs, die mit ähnlichen Problemen wie der HSV zu kämpfen haben, tatsächlich Geld einsparen, werfen die Hamburger es aus dem Fenster, obwohl es ihnen teilweise nicht einmal gehört.

Nun sind die Ergebnisse allein zur Beurteilung der Entwicklung nicht ausreichend. Auf dem Rasen sieht es allerdings nicht besser aus als in der Tabelle. Stattdessen noch immer viel Krampf und wenig Fußball. Wobei Ausnahmen wie gegen Frankfurt oder Schalke auch hier die Regel bestätigen. Kleine Verbesserungen in der Defensive werden als große Stabilität verkauft, während die aktuelle Punkt- und Torausbeute über die tatsächliche Leistung in der Offensive hinwegtäuschen.

Die ist auch unter Labbadia nicht wirklich besser geworden. Es gibt viele Beispiele dafür, dass es nicht unmöglich ist, eine Mannschaft innerhalb einiger Monate besser zu machen. Der Stadtrivale macht es vor: Aus einem klinisch toten Team wurde ein Aufstiegskandidat. Einen so großen Sprung hätte beim HSV zwar niemand erwartet, aber in Anbetracht des Investitionsvolumens immerhin ein wenig mehr als das, was man bisher zu sehen bekommt.


Beim Auswärtsspiel in Darmstadt zündelten einige HSV-Fans

Pyro-Show in Darmstadt

Dabei wird auch Labbadia sich einige Fragen gefallen lassen müssen. Zum Beispiel, warum er Michael Gregoritsch, der in Hoffenheim auf der Zehn sein bestes Spiel machte, wieder auf die Flügel gestellt hat? Oder warum er sowohl gegen Hannover als auch in Darmstadt zu spät auf den Spielverlauf reagierte? Zudem bekommen einige Spieler offenbar immer wieder eine Chance, sich zu beweisen, während andere erst dann in die Startelf rücken, wenn die Stammspieler verletzt oder gesperrt ausfallen. Ich bin gespannt, wie lange der 49-Jährige an seinen Prinzipien festhalten kann. Hat er damit nämlich keinen Erfolg, mehren sich die Zweifel schneller als gedacht.

Tabellarisch steht der HSV im November 2015 jedenfalls genau da, wo er hingehört: im Mittelfeld der Tabelle. Für ganz unten noch zu effektiv, für oben einfach nicht gut genug. Einigen mag das langweilig vorkommen, andere erfreuen sich daran und sehen ihren Klub auf dem richtigen Weg. Über kleinere und größere Fehler wird deshalb gern hinweggesehen. Zum Beispiel, wenn der Verein erst zwei Tage nach dem Spiel in Darmstadt, bei dem die HSV-Fans mit einer Pyro-Show auf sich aufmerksam machten, ein Statement über seine Homepage abgibt, was so schwach ist, dass einige Stunden später ein zweites folgen muss. Einigen ist das egal, die meisten bekommen das überhaupt nicht mehr mit und die besonders kritischen Geister sehen in dem HSV nur noch einen Provinzklub in der Verkleidung eines Dinos.