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Jovanovs HSV: Die verpasste Chance

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

mehr als die Hälfte der zweiten Halbzeit war bereits gespielt, als Pierre-Michel Lasogga auf der linken Seite einen Ball bekam, und auf das Tor von Bernd Leno zulief. Das Publikum auf der Nordtribüne erwachte, denn das Spiel bot bisher außer der Einwechslung von Hakan Calhanoglu nicht viele Höhepunkte. Bahnte sich da etwa eine aussichtsreiche Konterchance an? Drei Sekunden nach Lasoggas Ballannahme war die Situation aber schon wieder vorbei. Unterbunden ausgerechnet durch Jonathan Tah.

Der Leverkusener Innenverteidiger musste nicht einmal zum Vollsprint ansetzen, um den Rückstand auf Lasogga von vier oder fünf Metern aufzuholen. Tah setzte anschließend geschickt seinen Körper ein, schob den HSV-Stürmer zur Seite, nahm ihm den Ball ab und spielte auf seinen Keeper Leno zurück. Eben jener Tah, an dessen Qualitäten der ein oder andere in Hamburg Zweifel hatte. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, dass ein gestandener Bundesligaprofi einem A-Jugendlichen mal kurz gezeigt hätte, wo der Hammer hängt.

Keine Verwendung für das größte Talent

Dietmar Beiersdorfer gab Tah im Sommer auf ausdrücklichen Wunsch von Mirko Slomka ab – selbst überzeugt schien er davon nicht. Spielpraxis sollte er sammeln, in der zweiten Bundesliga. Angefühlt hatte es sich für Tah wie eine Abschiebung. Was Beiersdorfer wohl am Samstag nicht nur bei dieser Szene mit Lasogga durch den Kopf gegangen sein mag? Es wäre schön gewesen, wenn der HSV mit Tah, einem echten Hamburger Jung, einen Spieler im Kader behalten hätte, der für so vieles stehen könnte: Identifikationsfigur, Vorbild in Sachen Bescheidenheit und Demut, Zuschauermagnet.

Nun ist Demut ja nicht jedermanns Sache, die der HSV-Fans nur bedingt. Warum sollten sie demütig sein, wenn ihnen Vereinsverantwortliche jahrelang Überheblichkeit vorlebten und es teilweise noch heute tun? Nein, die Fans zeigen lieber dem Rest Fußballdeutschlands den Stinkefinger, weil sie es nie anders gelernt haben und ihre Haltung inzwischen auch kultivieren – der Dino steht symbolhaft dafür. Freunde macht man sich so keine; Fans anderer Mannschaften finden es so manches Mal sogar wichtiger, dem HSV alles Schlechte zu wünschen, als die eigene Mannschaft zu unterstützen.

Pfiffe für Tah

"Kommt ihr uns mal nach Hause“, ließ der HSV auf Facebook vor dem Spiel verbreiten. Die virtuelle (wenn auch sicher nicht ernstgemeinte) Jagd auf Hakan Calhanoglu war somit ganz offiziell eröffnet. Und wurde von den Fans gleich auf Tah ausgeweitet:  Pfiffe für einen Jungen, der als 17-Jähriger neben Johan Djourou der stabilere Innenverteidiger war. Pfiffe für einen talentierten Fußballer, der aufgrund der Unruhe in seinem privaten Umfeld vom damaligen Trainer Bert van Marwijk geschützt werden musste und ein paar Monate später weggeschickt wurde. Pfiffe für einen Spieler, der seinem Verein immerhin sieben bis acht Millionen Euro eingebracht hat. Geld, das der HSV zum Stopfen seiner Finanzlöcher dringend brauchte.

Sicher: Dass ehemalige Spieler nicht besonders freudig empfangen werden, ist auch anderswo üblich und wird hingenommen. Es ist allerdings immer eine Frage der Art und Weise. Es klingt seltsam,  wenn das Argument, so etwas gehöre zum Fußball einfach dazu, ausgerechnet von denjenigen geäußert wird, die die größten Fußballromantiker aus dem Verein gejagt haben. Diejenigen, die geblieben sind, wollten einen neuen, einen anderen, professionellen und wieder respektieren HSV. Ob sie hierfür auch zu großen Veränderungen bereit sind?

HSV erwartet Geldstrafe

Die Vereinsführung hat hier eine Chance verpasst, das eigene (und teuer bezahlte) Leitbild mit Leben zu füllen. Es wäre doch das Leichteste gewesen, vor dem Spiel und in Kenntnis der aufgeheizten Atmosphäre ein klares Statement abzugeben. Zu sagen, dass man stolz ist, mit Tah einen Hamburger Jungen in der Champions League auf allerhöchstem Niveau zu sehen. Zu fordern, dass das Publikum ihn mit Respekt in seiner Heimatstadt begrüßen möge. Es wäre eine ganz neue Seite des HSV gewesen. Es würde zudem einen Denkprozess in Gang setzen bei einer Anhängerschaft, die sich selbst zwar gern als hanseatisch bezeichnet, beim Aufwärmen von Hakan Calhanoglu mit den Becherwürfen aber alles andere als hanseatisch auf einen Spieler reagierte, dessen Weggang den Verein sportlich und finanziell gerettet hat.

Es geht auch nicht darum, den Fußball zu entemotionalisieren, sondern darum, eine moderne Vereinsphilosophie umzusetzen und auch vorzuleben. Warum nicht an so einem konkreten Beispiel wie diesem? Die Reaktionen einiger Zuschauer auf das Aufwärmprogramm der Leverkusener waren beschämend und werden den Verein wieder einmal viel Geld kosten. Hätte ein Bierbecher oder anderer Gegenstand Calhanoglu am Kopf oder anderswo getroffen, hätte das Spiel geendet, bevor es begonnen hatte – mit einem Sieg des Gegners am grünen Tisch.

Braucht der HSV Feindbilder?

Und so etwas lässt man kommentarlos stehen? Der Einzige, der der hitzigen Stimmung etwas entgegensetzen wollte, war Chefcoach Bruno Labbadia. Nur ist er allein nicht stark genug, um die Philosophie des Vereins vorzugeben und mit Leben zu füllen. Insbesondere dann nicht, wenn der Verein selbst mit dem Motto "Kommt ihr uns mal nach Hause" ein konterkarierendes Statement abgegeben hat. Wer wirklich einen neuen HSV erleben will, muss anfangen, die Details zu diskutieren. Das ramponierte Image, das der HSV mit Hilfe unterschiedlicher Agenturen ein wenig aufpeppen will, kommt nicht von Ungefähr. Gute Beziehungen zu anderen Vereinen, ehemaligen Spielern und der Öffentlichkeit schaden nur dem, der sie nicht hat.

Aber vielleicht braucht dieser Verein diese Feindbilder, um Emotionen zu entfachen, die er aus sich selbst heraus nicht auslösen kann, um Spiele zu gewinnen, die anders nicht zu gewinnen sind. Zu welchen Leistungen die Mannschaft imstande ist, wenn der emotionale Funke von den Rängen auf den Rasen überspringt, hat die vergangene Saison bewiesen. Nur sind Emotionen dieser Art nicht beliebig reproduzierbar. Wie immer liegt auch hier die Lösung nicht bei findigen PR- und Marketingagenturen, sondern bei den Menschen dieses Vereins selbst. So verstreicht jedoch abermals die Chance und richtige Ansätze bleiben unvollendet. Viele dieser Chancen wird es in naher Zukunft aber nicht geben -  weder auf noch außerhalb des Platzes.

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