Jovanovs HSV: Vom Kurs abgekommen

Länderspielpause. Eine gute Gelegenheit, um sich Themen außerhalb des Platzes zu widmen. Was wurde zum Beispiel aus den Machern von HSVPlus? Und was passiert im Nachwuchs?

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

als ich nach der deutlichen 0:3-Niederlage des HSV in Berlin den Heimweg antrat, liefen mir noch viele Fans über den Weg, denen Enttäuschung und Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben standen. "Das war ja überhaupt nichts. Nach den letzten Wochen hätte ich mit so einem Auftritt nicht gerechnet", schimpfte einer. Und ich fragte mich: Hat der junge Mann die letzten Spiele seines HSV überhaupt gesehen? Oder reichte schon der Blick auf die Ergebnisse und die Tabelle, um daraus irgendwelche Erwartungen abzuleiten?

Tipico

Wer die Spiele der Mannschaft von Bruno Labbadia nämlich aufmerksam verfolgt hat, konnte ob des Auftrittes in Berlin überhaupt nicht verwundert sein. Verwundert war ich nur über die Statements danach. "Bis zum 0:1 waren wir stark", sagte Kapitän Johan Djourou. Kollege Pierre-Michel Lasogga meinte: "Hertha macht mit seiner ersten Chance das Tor, bis dahin waren wir richtig gut drin." Auch Bruno Labbadia schloss sich an: "Wir sind sehr gut reingekommen, wir waren stark in den Zweikämpfen und haben Hertha nicht in den Spielaufbau kommen lassen. Wir haben es allerdings verpasst, aus unserer Überlegenheit in der Anfangsphase das Kapital zu schlagen."

Knapp 10.000 mitgereiste Fans und viele neutrale Beobachter haben das nicht so gesehen. Dem Sportlichen werde ich mich allerdings erst in der kommenden Woche ausführlich widmen. In der Länderspielpause bietet sich nämlich eine gute Gelegenheit, die Entwicklungen außerhalb des Platzes zu durchleuchten. Ich habe mir in letzter Zeit häufiger die Frage gestellt, was aus den Machern der Mai-Revolution, den Initiatoren von HSVPlus geworden ist. Deshalb habe ich in der vergangenen Woche mit Otto Rieckhoff, dem Sprecher der Kampagne, sowie Stephan Rebbe, dem Mann im Hintergrund, längere Gespräche geführt.

Reformierte den HSV im Sommer 2014: Ex-Aufsichtsrat Otto Rieckhoff

Rieckhoff: "Niemand widersprach meiner Kritik"

Ich wollte wissen, wie sie mittlerweile zum "neuen" HSV stehen, ob es noch Kontakt gibt. "Alles, was ich dazu sagen wollte, habe ich auf der letzten Mitgliederversammlung im Sommer getan. Meiner Kritik konnte oder wollte bisher auch niemand widersprechen", sagte Rieckhoff. Was der ehemalige Vorsitzende des Aufsichtsrates damals kritisierte, könnt ihr hier im Detail noch einmal nachlesen. Kontakt zum HSV gibt es seitdem nicht mehr. Die Führung des Vereins war "not amused" über die aus meiner Sicht völlig berechtigte Kritik, obwohl ihnen die Rede schon eine Woche vor der Versammlung vorlag. An einem Gespräch darüber zeigte allerdings niemand Interesse.

"Aktuell gibt es keinen Kontakt, das ist richtig", bestätigt Rieckhoff, der sich darüber hinaus nicht weiter zum HSV äußern wollte. Seine Enttäuschung darüber, wie sich der Bundesliga-Dino seit der Ausgliederung der Profiabteilung im Mai 2014 entwickelte, war ihm jedoch anzumerken. Ähnlich geht es Stephan Rebbe. Der Inhaber einer Hamburger Kreativagentur war während des Wahlkampfes der Verantwortliche für die gesamte Kommunikation. Er organisierte, plante, legte Ziele und Strategien fest, um die Mitglieder von der Idee eines neuen, reformierten HSV zu überzeugen.

Sein Verhältnis zum Verein beschreibt er so: "Als Fan antworte ich: klar positiv. Tendenz steigend, trotz des Auftritts in Berlin. Als ehemaliger HSVPlus-Mitgestalter antworte ich: welches Verhältnis? Auf mich ist keine der neuen Führungsfiguren zugegangen. Es gab und gibt zu keinem Zeitpunkt Bemühungen, mich in irgendwelche Prozesse, die wir mit HSVPlus überhaupt erst ermöglicht haben, einzubinden. Das ist ein klares Signal, was die neuen Verantwortlichen vom Wahlauftrag der HSVPlus-Initiative halten. Falls die neuen Verantwortlichen überhaupt so weit gedacht haben."

"HSVPlus ist tot"

Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer hatte auf der besagten Mitgliederversammlung davon gesprochen, dass die Ideen der Initiatoren zwar gut gemeint wären, in der Praxis aber nur schwer umzusetzen seien. Ob Rebbe das Gefühl hat, dass sich zumindest zum Teil am Plan der Initiative gehalten wird? "Welcher Plan? Da sich keiner der Verantwortlichen ernsthaft um eine Zusammenarbeit mit den HSVPlus-Initiatoren bemüht hat, kann man nicht von einer Umsetzung unserer Ziele sprechen. Den angeschobenen Leitbildprozess halte ich für absurd und für unprofessionelle Geldvernichtung. Die erfolgreicheren Bundesliga-Vereine haben alle eine stärkere Führung und bessere Kommunikationsabteilungen als der HSV. Wir stehen mit der Qualität unseres Führungspersonals dort, wo wir am Ende der Saison in der Tabelle stehen werden."

Diese Worte sagen viel aus. Zum einen über den Unmut der Reformer, die einen riesigen Aufwand betrieben haben, der es der Führung überhaupt erst ermöglichte an die Spitze des Vereins zu gelangen. Zum anderen über die Führungscrew, die ganz eigene Ziele und Interessen verfolgt und dabei in seinem Umfeld viele Sympathien verspielt hat. "HSVPlus ist tot", sagt ein weiterer Mitstreiter der Initiative, der nicht namentlich genannt werden möchte. Nur kurze Zeit nach der Wahl wurde die Kommunikation vollständig eingestellt. Für einige ein Schlag ins Gesicht. Glühten die Drähte während des "Wahlkampfes" noch ziemlich heiß, gab es auf Anrufe und E-Mails plötzlich keine Antwort mehr. "Man hätte zumindest Dankbarkeit und Anerkennung erwarten dürfen. Die gab es aber nicht." Von einer großen, geeinten Familie hat sich der HSV dadurch noch weiter entfernt. Auch Vereinslegenden wie Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs oder Holger Hieronymus, die die Initiative quasi als "Testimonials" unterstützten, haben so gut wie keinen Draht mehr zu ihrem Klub.

Nun kann man sich die berechtigte Frage stellen, ob es in irgendeiner Weise von Bedeutung ist, was mit diesen Männern, die sich um den Verein verdient gemacht haben, passiert. Und ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen der Performance des HSV und dem fehlenden Einbinden in gewisse Prozesse gibt. Den gibt es natürlich nicht. In erster Linie ist das überhaupt nicht entscheidend. Gute PR würde allerdings beinhalten, möglichst viele Interessensgruppen bei Laune zu halten. Oder noch besser: Man nutzt ihre Expertise und Strahlkraft, um daraus Vorteile zu ziehen. Zumal der HSV es mit einem Leitbildworkshop, auf dem Werte und Normen herausgearbeitet werden sollen, versucht. Nur sagt auch das etwas über das Standing der Führung aus, wenn viele entscheidende Persönlichkeiten der Einladung des Vereins nicht folgen wollen.

Viel entscheidender ist allerdings, dass "HSVPlus" seit dem Wahlerfolg von der Bildfläche verschwunden ist. Es gibt kein Korrektiv, keine Orientierung. Niemanden, der mahnend den Finger hebt, wenn der HSV Anteile an der Aktiengesellschaft unter Wert verkauft um damit Liquiditätslöcher zu stopfen, bei Transfers weiterhin auf teure Namen statt auf junge, entwicklungsfähige Spieler setzt und auch sonst keinerlei Verbesserungen festzustellen sind. Außerdem: Was passiert, wenn die neue Führung des Vereins scheitert und hinwirft? Das ist schon einmal vorgekommen, es kann sich durchaus wiederholen. Zerbricht der Verein dann in alle Einzelteile? Oder katapultieren sich dadurch Leute an die Spitze des Vereins, die über 8000 wahlberechtigte Mitglieder nicht mehr dort sehen wollten?

Keine Kontinuität im Nachwuchs

Der HSV wirbt auf dem Weg aus der Krise mit Geduld. Es würde noch Jahre dauern, heißt es immer wieder. Wirklich greifbar ist allerdings kaum etwas. Wohin soll der Weg des Vereins eigentlich führen, wenn das, wofür die Initiative stand, nicht umgesetzt wird? Immerhin sahen viele in Dietmar Beiersdorfer und Co. so etwas wie die allerletzte Patrone. Da sich das aktuell kaum beantworten lässt, habe ich mich ein wenig mit dem Nachwuchs beschäftigt. Hier sollte ja bekanntlich der Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft gelegt werden. Aber was genau passiert dort? Wofür steht "Direktor Sport" Bernhard Peters?

Kontinuität war eines der vielen Stichworte, die den Nachwuchs ausmachen sollten. Die U23 hatte seit Peters' Amtsübernahme fünf verschiedene Cheftrainer. Zinnbauer ließ man kürzlich gehen, ohne einen Ersatz in der Pipeline zu haben, obwohl vorauszusehen war, dass er nach höheren Aufgaben strebt. Ähnlich sieht es in der U16 aus. Auch hier gab es seit Peters' Ankunft fünf verschiedene Cheftrainer. Nur in der U19 und der U17 gab es keine ständigen Wechsel. Doch im vergangenen Sommer wurden die beiden Verantwortlichen schließlich ausgetauscht. Otto Addo ging mit einer Abfindung, U17-Trainer Thorsten Judt hingegen klagte gegen seine Entlassung vor Gericht. Und er gewann. Judt muss weiterbeschäftigt werden und soll nun einen Job als Scout bekommen. Den HSV hat dieser Prozess viel Geld gekostet. Weitere Mitarbeiter klagen ebenfalls.

Investierte in neues Personal für den Nachwuchs: Bernhard Peters

Der Zustand vor Peters' Zeit hätte allerdings schlechter kaum sein können. Ein Beispiel: Rodolfo Cardoso, der vor Joe Zinnbauer die U23 trainierte, hatte im Training phasenweise nur sieben oder acht Spieler zur Verfügung. Der Kader war viel zu dünn besetzt, weil der HSV Spielern überhaupt kein Geld anbieten konnte. Einige Nachwuchskicker verdienten bei den Rothosen keinen Cent. Dank neuer Gelder hat sich der Zustand merklich verbessert. Jede Mannschaft verfügt mittlerweile über einen eigenen Athletik- und einen Torwarttrainer; es gibt Psychologen und Schulkoordinatoren; die Video-Teams wurden aufgestockt und das Scouting neu strukturiert.

Neues Personal einzustellen ist aber zunächst keine großartige Leistung. Wenn man sich jedoch nach der inhaltlichen Arbeit erkundigt, heißt es immer wieder: viel Grundsätzliches, wenig Konkretes. Es wurde beispielsweise von einem einheitlichen Spielsystem für alle Nachwuchsmannschaften gesprochen. Umgesetzt wurde diese Idee nicht. Peters macht sich auf vielen Ebenen so wenig angreifbar wie möglich. Seine Arbeit lässt sich nicht an Ergebnissen messen, was eine Beurteilung schwierig macht. Klappt etwas nicht wie gewünscht oder hat eine Mannschaft keinen Erfolg, liegt die Antwort aber immer parat: Was die Vorgänger hinterlassen haben, lässt sich erst in ein paar Jahren korrigieren. Diese Denke hat beim HSV schließlich Tradition.

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