Jovanovs HSV: Der teuerste Abstiegskampf aller Zeiten

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal. Diesmal geht es um die Finanzen des HSV.
KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

nicht nur die Winterpause schien in diesem Jahr endlos. Auch ich habe mir mit dem Start meiner Kolumne ein wenig mehr Zeit gelassen. Aber jetzt geht es endlich wieder los. Inzwischen ist beim HSV ja auch einiges passiert, was mich und viele andere positiv gestimmt hat. Mit dem Kühne-Deal und der "Rückkehr" des Volksparkstadions wurden in kurzer Zeit viele Probleme auf einmal gelöst. Zumindest in den nächsten zwei Jahren wird man sich keine größeren Sorgen mehr um das liebe Geld machen müssen.

Selbst die Vertragsverlängerung mit Hauptsponsor Fly Emirates, so war zu hören, sei nur noch wenige Schritte entfernt. Zudem setzte Ex-Aufsichtsrat Alexander Otto seine Idee, dem HSV beim Bau des Campus finanziell unter die Arme zu greifen, in die Tat um. Der Jubel war grenzenlos, aber es kam noch besser.

In der vergangenen Woche ist es vor allem Dietmar Beiersdorfer gelungen, mit der Verpflichtung von Ivica Olic die nächsten großen Emotionen in der Arena freizusetzen. Nachdem es mit Josip Drmic und einigen anderen Kandidaten für den Sturm nicht klappen wollte, hat der "absolute Wunschspieler" Ivica Olic beim Anruf seines ehemaligen Klubs vor etwa einer Woche nicht lange nachdenken müssen.
Tipico
Olic als i-Tüpfelchen

Das i-Tüpfelchen auf die Nostalgie-Wochen beim HSV, der Olic nicht nur wegen seiner fußballerischen Qualitäten für anderthalb Jahre an sich bindet, sondern ihn ihm auch eine Identifikationsfigur für die Fans und den gesamten Verein sieht. Alles schien wunderbar zu sein, bis der HSV am Sonnabend gegen den FC Köln spielte. Die große Euphorie ist einem noch viel größeren Frust gewichen. Und es sieht so aus, als sei der Geduldsfaden nach all den Treuebekenntnissen bereits nach nur einem Spiel gerissen.

Das lässt mich, um ehrlich zu sein, sprachlos zurück. Denn es hatte sich insbesondere durch die HSVPlus-Bewegung eine Armada von Fanatikern herausgebildet, die jeden Schritt der neuen Führung bejubelte, während jeder Ansatz von Kritik, sei sie noch so berechtigt und nachvollziehbar, schon im Ansatz niedergeschrien wurde. Und nein, es sind "ausnahmsweise" nicht zuerst die ungeliebten Hamburger Medien gewesen, sondern schon die Fans im Stadion, zunächst bei der Auswechslung von Jiracek, später nach dem Schlusspfiff, die mit ihrem Pfeifkonzert die Richtung für die kommende Woche vorgaben.

Natürlich muss man dem Publikum im Stadion und daheim vor dem Fernseher zugutehalten, wie lange es schon den Untergang dieses Klubs mitverfolgt. Zu wirklich großen Auseinandersetzungen ist es Gott sei Dank bis auf die Geschehnisse nach dem Hertha-Spiel vor etwa einem Jahr nicht gekommen. Das könnte sich ändern, wenn sich an den Ergebnissen nicht schnell etwas ändert.

Wobei, und das ist eine sehr entscheidende Frage, den Fans nicht mehr viel bleibt, was sie fordern könnten, wenn sie sich vor der Geschäftsstelle versammeln. Vorstand raus? Aufsichtsrat raus? Trainer raus? Nein, denn der HSV hat in den vergangenen Jahren schon so gut wie alle seine verbliebenen Trümpfe ausgespielt. Mit der Ausgliederung ist der letzte vermeintlich große Schnitt vollzogen worden, um dem Klub wieder zu "alten Erfolgen" zu verhelfen. Viel dringender bräuchte der HSV aber neue Erfolge, dies sei nur am Rande angemerkt. Es bleibt also nur die Mannschaft, die den Frust der Fans nun immer deutlicher zu spüren bekommen wird.

Charakterlose Spieler?

Sie seien charakterlos, würden sich alle bis auf Olic nicht den "Arsch aufreißen" - die übliche Frage nach der Mentalität. Das Fatale daran: die sportliche Leitung spielt dieses Spiel mit. Folgt man den Äußerungen von Trainer Joe Zinnbauer und Sportchef Peter Knäbel, dann ist außer Valon Behrami weit und breit keiner zu finden, der die richtige "Mentalität" mitbringt. Einen Spieler, der sportlich zwar seinen Wert hat, aber leistungsmäßig nicht herausragt, so sehr in den Fokus zu stellen, andere hingegen indirekt an den Pranger, halte ich in Anbetracht der vergangenen Saison, als der damalige Sportchef Oliver Kreuzer nicht mit öffentlicher Kritik an seiner Mannschaft sparte, für fragwürdig.

Zu hinterfragen ist allerdings nicht nur dieses Vorgehen, sondern auch die Transferpolitik im Sommer und nun im Winter. Wenn fehlende Mentalität und mangelnde Qualität als eine von mehreren Ursachen für den Misserfolg ausgemacht werden konnten, muss man feststellen, dass die teuren Maßnahmen bisher allesamt nicht viel gebracht haben. Damit ist nicht nur das Investitionsvolumen von über 30 Millionen Euro und die Anhebung der Kaderkosten auf über 50 Millionen Euro gemeint - auch die Installation von Direktoren, weiteren Assistenztrainern, neuen Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle und das pompöse Zelt vor der Arena stehen hier zur Debatte, womit der HSV den teuersten und aufwendigsten Nichtabstiegskampf aller Zeiten führt.

Wie sollen die Veränderungen auch so schnell greifen, werden die verbliebenen Kritiker nun entgegnen. Schließlich haben Carl Jarchow und die Aufsichtsräte, allen voran Manfred Ertel und Jürgen Hunke, einen derartigen Scherbenhaufen hinterlassen, dass es Jahre dauern wird, bis die letzten Spuren dieses dunklen Kapitels der Vereinsgeschichte beseitigt sind. So lautet jedenfalls die weit verbreitete Erklärung.

Wenn aber der Faktor Zeit alle Wunden heilen kann, warum tätigt der Verein dann quasi in letzter Minute noch Transfers, die eher als Panikkäufe statt Investitionen in die Zukunft zu sehen sind? Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Verpflichtung eines Stürmers und eines Mittelfeldspielers, der den Spielaufbau von hinten heraus beleben soll, ist genau richtig. Dort lagen die akuten Baustellen im Kader. Zum einen, weil Pierre-Michel Lasogga nun zum vierten Mal in Folge keine vernünftige Vorbereitung mitmachen konnte. Zum anderen, da man Tolgay Arslan an Besiktas "verloren" hat, wie Peter Knäbel sagt, und bei Valon Behramis Medizincheck beide Augen zudrückte.

Olic kein Mann für die Zukunft

Bei Olic, den ich für einen für den Moment nachvollziehbaren, aber eben keinen perspektivischen Transfer halte, spielte gegen Ende der Transferperiode nicht nur der Mangel an Alternativen eine wichtige Rolle, sondern die Wirkung in der Öffentlichkeit. Mit dem 35-Jährigen verschafft sich die Führung des Vereins Kredit bei den Fans, er wird lange Zeit unantastbar bleiben. Zinnbauer bleibt nichts anderes übrig, als ihn aufzustellen.

Sein "Leistungsprinzip" wird damit aber ad absurdum geführt. Wer nur eine Trainingseinheit mitmachen kann, hat nach meinem Verständnis noch keine Leistung erbracht, die eine Berufung in die Startformation (!) rechtfertigt. Zwar waren sich so gut wie alle einig, dass Olic in den ersten 15 bis 20 Minuten mehr Gefahr ausstrahlte, als Lasogga in einer gesamten Partie - der Effekt verpuffte allerdings so schnell, wie er gekommen war.

Wie viel Ungeduld und Angst auch in dem Transfer von Marcelo Diaz steckt, zeigt sich besonders am Zeitpunkt des Wechsels. Zunächst war Diaz den Verantwortlichen nämlich zu teuer. Als man dann aber erkannt haben muss, dass Heiko Westermann als Sechser keine optimale Lösung ist, griff man noch mal zum Telefon. Es ist fraglich, ob sich kurz vor Schluss am Preis noch etwas zugunsten des HSV veränderte. Diaz ist im Grunde der Versuch, das Fehlen eines Spielertypen wie Milan Badelj zu kompensieren, der in seiner Zeit beim HSV ständig eine Position spielen musste, die ihm nicht lag.

Man kann nur hoffen, dass die Kollegen, die Diaz überdurchschnittliche Fähigkeiten attestieren, mit ihrer Einschätzung recht behalten. Aber der Chilene wird die "Mentalität" innerhalb der Mannschaft nicht ändern können. Das haben die Erfahrungen, die der Verein in seinem endlosen Umbruch mit dem häufigen Austausch des Personals gemacht hat, gezeigt. Allein daran kann es also nicht liegen, warum Spieler sich in Hamburg eher zurück- als weiterentwickeln und irgendwann vom Drumherum und vom Inneren zermürbt werden.

Vielleicht liegt eine Ursache für den Misserfolg beim HSV darin, dass man sich immer wieder zu öffentlichkeitswirksamen Entscheidungen hinreißen lässt, die im Gegensatz zu sportlichen Gesichtspunkten stehen. Was wäre wohl in Hamburg passiert, hätte man van der Vaart damals nicht geholt? Was wäre gewesen, wenn man sich gegen die feste Verpflichtung desjenigen für 8,5 Millionen Euro entschieden hätte, der das entscheidende Tor in Fürth erzielte? Oder gegen die Rückholaktion von Olic, obwohl der Kroate gern nach Hamburg gekommen wäre? Der Applaus für die Verantwortlichen wäre jedenfalls ausgeblieben.